Die 27. Ausgabe des Filmfests Dresden überzeugte mit einem spannenden Kurzfilmprogramm.
Von 14. bis 19. April hatten Cineasten Gelegenheit, sich in der sächsischen Hauptstadt eine hochwertige und abwechslungsreiche Auswahl an internationalen Kurzfilmen zu Gemüte zu führen. Besonders eindrucksvoll gestaltete sich dabei der internationale Wettbewerb, der die Vielfalt der Kunstform Kurzfilm demonstrierte: Ballkoni (Balcony) der Kosovarin Lendita Zeqiraj etwa erzählt, exakt choreografiert und in einer Einstellung gedreht, von einer Menschenmenge, die anfangs besorgt zu einem Jungen auf einer Balkonbrüstung emporstarrt. Doch schnell geht es nicht mehr um die Gefahr, die dem Burschen droht – vielmehr brechen Konflikte zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen aus. In knackigen 20 Minuten präsentiert der Film somit eine beißende Gesellschaftssatire.
Im tschechischen Beitrag Strach (Little Secret) von Martin Krejci, der auf einem realen Vorfall basiert, wird eine Notlüge zur Lawine: Ein junger Mann kommt unter Alkoholeinfluss heftig zu Sturz, erzählt jedoch aus Angst vor seiner Mutter, dass eine Gruppe Roma ihn verprügelt hätte. Die Folge ist ein fremdenfeindlicher Shitstorm. Düster und mit Anleihen an das Genre Psychohorror gestaltete sich Vertiges (Dizziness) des Belgiers Arnaud Dufeys: Die 15-jährige Clara hat Schwindelanfälle, verspürt ein generelles Unwohlsein und wird von Alpträumen geplagt. Das Ende vermochte nicht wenige Zuseher im Kinosaal zu schockieren.
Freunde des Animationsgenres kamen ebenfalls auf ihre Rechnung: So fand sich Poetisches (in Mauro Carraros Aubade wird ein Sonnenaufgang über dem Genfer See zu einer surrealen Sinfonie) ebenso wie Hochkomisches (Viis varpaista / No Time for Toes des Finnen erzählt autobiografisch angehaucht vom Stress, den die Kindererziehung für einen Vater mitunter bedeuten kann und sorgte für Lachsalven im Kinosaal).
Die Gäste des Festivals waren ebenso zahlreich wie international und zwischen den Filmvorführungen und Partys konnte man – dank Schönwetter und zentraler Lage der Festivalkinos – die Stadt bequem zu Fuß erkunden. Dass Dresden den Spitznamen „Elbflorenz“ zu Recht trägt, wird durch Gebäude wie Frauenkirche, Semperoper oder Zwinger evident, zudem lässt es sich am Elbufer trefflich spazieren. Für Kunstliebhaber ein Muss ist ein Besuch in der Galerie Alte Meister, die Werke von Künstlern wie Raffael, El Greco, Rubens, Rembrandt, Poussin oder Canaletto beherbergt. Ein überaus eindrucksvoller Kunstschatz. Doch Hochkultur ist nicht alles: In manchen Gegenden erinnert Dresden durch zahlreiche Straßenkneipen und Gastgärten angenehm an Berlin.
Freilich erschließen sich dem Festivalbesucher, bedingt durch den kurzen Aufenthalt, in der Regel eher die Schönheiten einer Stadt als ihre sozialen Spannungen: Den kontroversen Schlagzeilen, die die anti-islamische PEGIDA-Bewegung in den letzten Monaten über die Stadt brachte, begegnet man jedenfalls mit Transparenten auf öffentlichen Gebäuden, die „Für ein weltoffenes Dresden“ werben. Eine Weltoffenheit, zu der nicht zuletzt das Filmfest Dresden einen wichtigen Beitrag leistet.
Die Preisträger des 27. Filmfest Dresden:
Goldener Reiter für Animationsfilm im internationalen Wettbewerb: Fuga na wiolonczelę, trąbkę i pejzaż (Jerzy Kucia, Polen 2014)
Goldener Reiter für den internationalen Kurzspielfilm: Sem coração (Nara Normande und Tião, Brasilien 2014).
Nationalen Wettbewerb Animation: Däwit (David Jansen, 2015)
Nationaler Wettbewerb Kurzfilm: We Will Stay in Touch about It (Jan Zabeil, 2015)
Filmförderpreis der Kunstministerin: Pein (Ulrike Vahl).
Favoriten der Jugendjury: Reizigers in de nacht (Ena Sendijarevic, Niederlande 2013) und Eat my Dream (Jessica Dürwald, Deutschland 2015)
ARTE-Preis: Däwit (David Jansen, 2015)
Publikumspreis national: Betonfraß (Karsten Kranzusch, Deutschland 2013)
Publikumspreis international: Foley Artist (Toni Bestard, Spanien 2013)
DEFA-Förderpreis für Animation: Alienation (Laura Lehmus, Deutschland 2014)
Goldener Reiter für Filmton: Foley Artist (Toni Bestard, Spanien 2013)
Preis der Mitteldeutschen Filmnacht: The Journey of the Beasts (Sebastian Linda, Deutschland 2014)
