Beale Street | Netflix

Eine amerikanische Tragödie

| Pamela Jahn |
Seelenverwandtschaften: Barry Jenkins verfilmt James Baldwins Liebesroman „If Beale Street Could Talk“ als eindringliche Elegie mit hohem Aktualitätsgrad.

Als Barry Jenkins vor zwei Jahren mit Moonlight das Kino eroberte, wusste er bereits in dem Moment ganz genau, womit er das Publikum als Nächstes erleuchten wollte. Es gab ein Wunschprojekt, an dem er seit etlichen Jahren parallel zu seinem Oscar-Gewinner gearbeitet hatte, das aufgrund mangelnden Interesses auf Produzentenseite bis dahin jedoch nicht zustande gekommen war. Getragen von der Welle des Erfolgs gelang es ihm schließlich, das Drehbuch zu finanzieren: die Adaption von James Baldwins vorletztem, erstmals 1974 erschienenen Roman „If Beale Street Could Talk“, einer mit viel Poesie, Rhythmus und Respekt erzählten Liebesgeschichte über zwei junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die in einem von Rassismus und Gewalt geprägten Amerika der siebziger Jahre um ihre gemeinsame Zukunft kämpfen. Das Ergebnis ist erneut ein Film, dem man die Freiheit und Souveränität seines Regisseurs ansieht: ein leises Drama über eine laute Straße, die Baldwin in einer Vorbemerkung zu seinem Roman als das Erbe aller in Amerika geborenen Schwarzen beschrieb. Über eine Straße also, die jenseits ihre realen Verortung im Zentrum von Downtown Memphis überall und immer dort zu finden ist, wo Willkür, Kriminalität, Diskriminierung, Rache und Fremdenhass herrschen, kurzum: eine Straße als Ausdruck rassistischer Unterdrückung und Ausbeutung, die heute nicht weniger befahren ist als noch vor zehn, fünfzig oder hundert Jahren.

 

Ein Film, dem man die Freiheit und Souveränität seines Regisseurs ansieht: ein leises Drama über eine laute Straße, die Baldwin in der Vorbemerkung zu seinem Roman als das Erbe aller in Amerika geborenen Schwarzen beschrieb

 

Jenkins‘ Film spielt deshalb auch nicht im tiefsten Tennessee, sondern, der Vorlage entsprechend, in Harlem und braucht sonst nicht viel, um seinem Anliegen Raum zu verschaffen. Im Zentrum der bewegten wie bewegenden Romanze steht die junge Parfümverkäuferin Tish (Kiki Layne), deren Erinnerungen und Gedanken das Geschehen auf der Leinwand stets aus dem Off begleiten. Tish ist 19, schwarz und schwanger. Ein Unfall, keine Frage, aber kein Grund zur Verzweiflung. Sie ist bereit für ein Kind und auch ihre Eltern stehen hinter ihr. Immerhin kennen sie den Vater, Fonny (Stephan James), der eigentlich Alonzo heißt und mit ihrer Tochter seit Kindertagen eng befreundet ist. Dass aus den beiden schließlich ein Paar wurde, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Unter anderen Umständen wären sie mittlerweile längst auch verheiratet. Doch Fonny sitzt seit geraumer Zeit hinter Gittern, weil ihm ein hasserfüllter, weißer Polizist (Ed Skrein) eine Vergewaltigung anlastet, die Fonny niemals begangen hat, nicht einmal theoretisch hätte begehen können. Trotzdem wird er der Tat beschuldigt, steht sein Wort gegen die Aussage des Opfers, einer verstörten Puerto-Ricanerin, die allein deshalb schon den Verbrecher in ihm zu erkennen glaubt, weil es sonst keine Alternative, keinen Schuldigen und schlussendlich keine Gerechtigkeit für sie gäbe.

Von der Gegenwart, ihren regelmäßigen Besuchen im Gefängnis und den unermüdlichen Versuchen, Fonny aus der Haft zu befreien, blendet Tish immer wieder in die Vergangenheit zurück, erinnert sich daran, wie sie und Fonny sich als Kinder zunächst kennen und irgendwann lieben lernten, wie und wo sie lebten und von welcher gemeinsamen Zukunft sie träumten, bevor sie in diese hoffnungslose Lage gekommen sind. Was jedoch nicht heißt, dass die Liebenden, geschweige denn ihr Umfeld, den Kampf aufgegeben hätten. Während die Väter Joseph (Colman Domingo) und Frank (Michael Beach) das Geld beschaffen, um einen aufstrebenden Anwalt zu bezahlen, der Fonny aus der Sache rausboxen soll, geht Tishs Mutter Sharon (Oscar-Anwärterin Regina King) bis zum Äußersten, um die Unschuld ihres angehenden Schwiegersohns zu beweisen. Nur Fonnys gottesfürchtige Mutter (Aunjanue Ellis) hat ihren Zögling bereits abgeschrieben. Für sie trägt Tish die Schuld an so ziemlich allem, was im Werdegang ihres Sohnes falsch gelaufen ist, Verhaftung und uneheliches Kind inklusive.

„Die Liebe hat euch hierher gebracht“ – Jenkins hat im Vorfeld seiner Adaption von „If Beale Street Could Talk“ immer wieder betont, wie sehr ihm vor allem diese Zeile aus Baldwins Roman unter die Haut ging und bei der Umsetzung des Materials regelrecht zum Mantra wurde. Das Resultat dieser offensichtlichen Seelenverwandtschaft zwischen dem engagierten Romantiker Baldwin und einem ihm gleichgesinnten Regisseur lässt sich schließlich in jeder Faser, jedem Pulsschlag dieses wunderbar melancholischen Films spüren. Ihre glühende Wut auf die misslichen Verhältnisse damals wie heute ist dabei so fein ins Material gewoben, die Sprache mitunter so frei und ungeschliffen, dass man meinen möchte, im Rhythmus der Bilder eine Melodie zu erkennen, die seltsam vertraut scheint, eine Melodie, bei der neben aller Liebe und Leidenschaft immer auch das Leid und jede Menge Tragik und Trauer mitschwingen, ohne jemals verbittert oder resigniert zu klingen.

Ähnlich wie in Moonlight legt es Jenkins darauf an, seinen Figuren stets direkt in die Augen zu schauen, während sich um sie herum die verschiedenen Zeitebenen und Handlungsstränge verschieben und neu orientieren wie eine klug gespielte Hand beim Poker. Der Fokus richtet sich bei ihm stets auf den Moment und eine sinnliche Erfahrung der Gegenwart, ganz gleich ob sie im Hier und Jetzt oder bereits in der Vergangenheit liegt. Es ist über die filmische Finesse hinaus auch Jenkins’ Art zu zeigen, wie wesentlich die Themen und Ideen des großen Schriftstellers und Bürgerrechtlers Baldwin für das heutige Amerika immer noch sind. Zu lange war der 1987 verstorbene Autor in Vergessenheit geraten. Da musste erst Raoul Peck mit seinem begeisternden Dokumentarfilm I Am Not Your Negro kommen, um dem Publikum klarzumachen, dass James Baldwins Stimme heute noch immer hochaktuell ist – vielleicht sogar wichtiger denn je. Und mehr noch: So wie dem Autor als Inspiration für seinen Roman das Schicksal eines Freundes diente, der zu Unrecht des Mordes beschuldigt und dafür verurteilt wurde, lassen sich auch im heutigen amerikanischen Justizsystem zahlreiche Beispiele für ähnliche Unrechtmäßigkeiten finden. Wenn seine Romane, Gedichte und andere Schriften jetzt wieder gelesen und wie im Fall von Beale Street gekonnt auf andere Medien übertragen werden, ist das viel mehr als ein Glücksfall, es ist eine Notwendigkeit.

„Die Beale Street ist eine laute Straße“, heißt es, wie eingangs erwähnt, bei Baldwin. „Es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn herauszuhören.“ Mit Jenkins’ Film verhält es sich nicht anders. Nur äußerst selten gehen Vorlage und Adaption auf der Leinwand tatsächlich so harmonisch Hand in Hand wie hier. Was Buch und Film vereint, ist jene wundersame Melancholie, die sich wie ein Schleier über die Worte und Bilder legt, ohne sie jemals in ihrer Aussagekraft zu beeinträchtigen oder gar zu erdrücken.

Beale Street ist Kino vom Feinsten: aufregend, poetisch und bewegend zugleich. Ein Film über die Liebe wie über das Leben, über die Wut im Bauch und die Ungerechtigkeit auf den Straßen, gestern wie heute und morgen.