Gegenwart und (Film-)Geschichte

Gegenwart und (Film-)Geschichte

| Eva Binder |

Neben aktuellen politischen Brennpunkten widmete sich das Filmfestival goEast auch der Filmhistorie

Im hessischen Wiesbaden ging vom 22. bis 28. April 2015 das 15. goEast-Filmfestival über die Bühne, das in diesem Jahr zeitgleich mit dem österreichischen CROSSING EUROPE Filmfestival in Linz stattfand. Die beiden Filmfestivals weisen ein vergleichbares Profil auf, wenngleich das Wiesbadener Festival enger ausgerichtet und auf mittel- und osteuropäische Filmproduktionen konzentriert ist. Filme aus Mittel- und Osteuropa finden sich aber in beiden Programmen gleichermaßen und erleben dort ihre Deutschland- bzw. Österreichpremieren. So waren dieses Jahr zwei nennenswerte russische Beiträge in Wiesbaden im Spielfilmwettbewerb und in Linz im „European Panorama“ zu sehen: Das in Westsibirien angesiedelte, surrealistisch-barocke Geschichtsdrama Angely Revolyutsii (Angels of Revolution) von Aleksey Fedorchenko sowie der mit Laiendarstellern in einem entlegenen Dorf im russischen Norden gedrehte Film Belye nochi pochtalona Alekseya Tryapitsyna (The Postman’s White Nights) des Altmeisters und Tarkovsky-Weggefährten Andrey Konchalovsky. Den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis konnte jedoch weder Fedorchenko noch der in Venedig 2014 mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnete Konchalovsky für sich verbuchen, obwohl beide Beiträge sicherlich zu den Favouriten zu rechnen waren.

Ähnlich stark wie Russland waren im goEast-Spielfilmwettbewerb Filme aus Südosteuropa vertreten, und an eine serbisch-kroatische Produktion ging auch der Preis für den Besten Film. Dabei handelt es sich um Nicije Dete (No One’s Child), dem Filmdebüt des serbischen Regisseurs Vuk Ršumović, in dessen Mittelpunkt die auf Tatsachen beruhende Geschichte eines Wolfsjungen steht, der Ende der 1980er Jahre in einem Wald in Bosnien gefunden wird und in einem Belgrader Kinderheim einen schwierigen Zivilisierungsprozess durchläuft. Die realistisch erzählte Geschichte einer Menschwerdung zerbricht am Ende jedoch an einer Welt, die – bedingt durch den Ausbruch des Jugoslawienkrieges – gerade dabei ist, sich von der Zivilisation zu entfernen. Einen sozialkritischen Zugang weist auch der zweite Preisträger des Festivals, die slowakisch-tschechische Produktion Koza von Ivan Ostrochovský, auf. Die als Roadmovie gestaltete Erzählung kreist um einen Boxer, der – einst Olympiateilnehmer für die Slowakei – in den Ring zurückkehrt, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Koza („die Ziege“, wie der Hauptprotagonist genannt wird) erhielt den mit 7.500 Euro dotierten Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden sowie den Preis der Internationalen Filmkritik.

Für die im Wettbewerb vertretenen sechs Dokumentarfilme gab es zwei Lobende Erwähnungen: für den ungarisch-deutschen Drifter von Gábor Hörcher sowie für den in einem Vorort von Kiev gedrehten Dokumentarfilm Jáma (My Home) des jungen tschechischen Regisseurs Jiří Stejskal. Auffallend an den für den Wettbewerb ausgewählten Dokumentarfilmen war, wie stark die filmische Auseinandersetzung der jungen Regisseurinnen und Regisseure um selbst Erlebtes und um die eigene (Familien)Geschichte kreist: Von Goli (Naked Island), in dem die kroatische Regisseurin Tiha K. Gudac das Familientrauma des in den 1950er Jahren auf der Insel Goli otok zur ideologischen Umerziehung inhaftierten Großvaters bearbeitet, über Flotel Europa von Vladimir Tomić über ein im Kopenhagener Hafen zum vorübergehenden Wohnort umfunktionierten Schiff für jugoslawische Kriegsflüchtlinge, in dem der Regisseur als Kind selbst untergebracht war, bis hin zu Vmeste (Together) des russischen Regisseurs Denis Shabaev, in dem dieser seine neunjährige Tochter und sich selbst filmt. Im Unterschied zu diesen Beiträgen erschien der improvisierte, pamphletartige Dokumentarfilm Destinacija_Serbistan (Destination_Serbistan) von Želimir Žilnik über Asylanten, die von Serbien in benachbarte EU-Länder und wieder zurück wandern, erfrischend aktualitätsbezogen und durch die indirekt vermittelte Überzeugung des 1942 geborenen serbischen Regisseurs, in dieser Welt doch noch etwas bewegen und verändern zu können, beruhigend politisch. Vollkommen gerechtfertigt wurde daher auch genau dieser Film mit dem mit 4.000 Euro dotierten Preis des Auswärtigen Amts für kulturelle Vielfalt ausgezeichnet.

Programm des goEast-Filmfestivals in Wiesbaden unter der Leitung von Gaby Babić ist es nicht nur, aktuelle gesellschaftliche und politische Fragen und Befindlichkeiten, wie gerade auch die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine, filmisch auszuleuchten, sondern auch filmhistorische Perspektiven mit einzubeziehen. So wurde dem bald 90-jährigen sowjetischen Regisseur Marlen Khutsiev eine von der Filmhistorikerin Barbara Wurm kuratierte Hommage gewidmet, in deren Rahmen sechs seiner wichtigsten Filme zu sehen waren, darunter auch der seinerzeit nicht gewürdigte und von der sowjetischen Zensur beanstandete einzigartige Tauwetterfilm Zastava Ilicha / Mne dvadtsat let (Ich bin zwanzig Jahre alt). Das diesjährige, von Olaf Möller geleitete Symposium, mit dem das goEast-Festival eine äußerst begrüßenswerte Vernetzung mit dem film- und kulturwissenschaftlichen Diskurs anstrebt, war dagegen dem deutschen Filmproduzenten Artur Brauner gewidmet, dessen Rolle als Grenzgänger und Brückenbauer zwischen Ost und West während des Kalten Krieges in Fachvorträgen beleuchtet wurde. Begleitend dazu war ein umfangreiches Filmprogramm mit Anastasia, die letzte Zarentochter (BRD 1956) oder Der brave Soldat Schwejk (BRD 1960) zu sehen.

 

Die PreisträgerInnen des goEast-Festivals des mittel- und osteuropäischen Films 2015:

Preis für den Besten Film
Ničija dete
/ Niemandskind (Vuk Ršumović  / Serbien, Kroatien 2014)

Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden
Koza
(Ivan Ostrochovský / Slowakische Republik, Tschechische Republik 2015)

Preis des Auswärtigen Amts für kulturelle Vielfalt
Destinacija_Serbistan
/ Destination_Serbistan (Želimir Žilnik / Serbien 2015)

Lobende Erwähnungen
Drifter
(Gábor Hörcher / Ungarn, Deutschland 2014)
Jáma
/ Zuhause (Jiří Stejskal / Tschechische Republik 2014)

Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI-Preis)
Koza
(Ivan Ostrochovský / Slowakische Republik, Tschechische Republik 2015)

Open Frame Award der BHF-BANK-Stiftung
Essen vom Boden der Geschichte
/ Eating from the Floor of History (Sita Scherer / Deutschland 2014)

goEast Development Award
Sol
/ Messenger von Anda Puşcaş, Rumänien