Stereoskopische Kurzfilme waren in diesem Jahr das bestimmende Thema in Oberhausen
Die „Auseinandersetzung mit einer postkinematografischen Zukunft“, so Festivalleiter Lars-Henrik Gass, soll mit dem diesjährigen Thema „Das Dritte Bild — 3D-Kino als Experiment“, vorerst abgeschlossen sein. Die Frage, welchen Stellenwert und Platz Kino heute in der Gesellschaft hat, wurde seit 2007 in Oberhausen immer wieder diskutiert. Und das durchaus lebendig und fruchtbar. Zuletzt und insbesondere im vergangenen Jahr mit dem Thema „Memories Can’t Wait — Film without Film“, das inspirierend, innovativ und zugleich historisch kontextualisierte.
So abschließend der Themenzyklus 2015 begangen wird, so zukunftsweisend warteten die 61. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen mit 3D einmal mehr in ihrer Vorreiterrolle auf. Björn Speidel, selbst Filmemacher und künstlerischer Mitarbeiter am Filminstitut der Universität der Künste Berlin und außerdem ehemaliger Meisterschüler von Heinz Emigholz, kuratierte das Programm. Oberhausen ist das weltweit erste Kurzfilmfestival, dass sich (neben weiteren, hier und da auch spannenderen Reihen) 3D zum Thema gemacht hat. Durch 3D oder Stereoskopie erhält das Filmbild Tiefe. So heißt Stereoskopie wortwörtlich nichts anderes als Raumbetrachtung und bedeutet das Evozieren eines dreidimensionalen Raumes auf einer zweidimensionalen Projektionsfläche. Durch zwei perspektivisch unterschiedliche Bilder, für jedes Auge eines, entsteht die räumliche Wirkung — besehen durch eine der drei verschiedenen 3D-Brillen. Leider war im schlimmsten Fall der Film bereits vorbei, bis der Zuschauer das passende Utensil fand.
Gezeigt wurden durchaus sehr unterschiedliche Filme, jedoch konnte die häufig gestellte Frage nach der Notwendigkeit von 3D auch nach den sechs 3D-Einzelprogrammen und den vagen Einführungen nicht abschließend geklärt werden. Selbst das Podium „3D Reloaded – was ist vom stereoskopischen Kino zu erwarten?“ brachte kaum differenzierte Tiefenschärfe. Mehr als das gesprochene Wort sagten jedoch einige der Filme selbst: Vor allem der 50-minütige Installationsloop von Lucy Raven, Curtains (USA 2014). Zwei unterschiedlich farbige, inhaltlich aber kaum unterscheidbare Bilder laufen von je einer Seite auf die Leinwandmitte zu. Das Auge des Betrachters muss sich anpassen, zuerst konzentriert man sich — mit anaglyphen, rot-blauen 3D-Brillen ausgestattet — auf die Einzelbilder, dann auf das überlappende und langsam wieder auseinanderdivergierende Bild. Capitalism: Child Labor (USA 2006) von Ken Jacobs besteht aus nur einem einzigen Bild in 15 Minuten und ist ein erstaunlicher und nie langweiliger Flickerfilm. Zwei faszinierende Beispiele, wie Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt werden.
Die Filme für das Programm wurden phänomenologisch ausgesucht, so Speidel. „Besonders das, was noch kommen könnte, liegt mir am Herzen. Die Geschichte des 3D-Kinos befindet sich im Museum“. Dieser Gedanke ist sehr schade, liegt doch das Verstehen und Einordnen der Zukunft gerade in der Kenntnis der Vergangenheit und Gegenwart. Hier und da fand sich dennoch filmhistorisch Spannendes: Louis Lumière hatte 1895 den heute mythisierten einfahrenden Zug gefilmt und das Publikum — so die Erzählungen — in Angst und Erstaunen versetzt. 1935 aber geschah das wirklich Neuartige: Er selbst kreierte ein 3D-Remake dieser Zugeinfahrt. Spannend für uns als Zuschauer war hier vor allem die Faszination der porträtierten Menschen im Bahnhof, die ihren Blick neugierig auf die Kamera richteten — und nicht mehr auf den einfahrenden Zug.
Im filmkalendarischen Anschluss findet übrigens bereits kommende Woche beim Festival de Cannes ein 3D-Workshop („http://www.3dstereomedia.eu/workshop-in-cannes„ http://www.3dstereomedia.eu/workshop-in-cannes) statt, der als Initiative zur Entwicklung von 3D beitragen möchte. Die Kurzfilmtage Oberhausen haben sich thematisch also einmal mehr als Pionier behauptet.
