Johann Lurf bewegt die Diagonale, mit drei verschiedenen Projekten.
Selbst jenen, die ohne Lexikon oder Google sofort wissen, dass eine Kavalkade selbstverständlich eine feierliche berittene Prozession meint, wird sich wohl die Frage stellen: Was hat ein Reiter-Zug mit einer Stroboskop-Scheibe in einem nächtlichen Bach zu tun? Oder ist in Cavalcade doch eher die Bedeutung eines Karnevalsumzugs mitgemeint, oder gar das ebenso gleichnamige Hollywood-Gesellschaftsepos Frank Lloyds aus dem Jahr 1933? Vielleicht ja einfach auch alles, denn das farbenfrohe Wasserrad erinnert mit den so närrisch wild scheinenden Bewegungen seiner Formen und Elemente nicht nur an die Illusion des stillstehenden Western-Wagenrades bei vollstem Pferde-Galopp, sondern warnt in seiner mit Text angereicherten Kurzversion als Festival-Trailer ebenso vor nationalistischem Unheil.
Jedenfalls stellt die Johann Lurfsche Cavalcade, die in ihrer knapp fünfminütigen Vollversion im regulären Programm der Diagonale in 3D gezeigt wird, wieder eine experimentelle Auslotung dessen dar, was Film können kann. Gedreht in Lurfs kindheitlichem Lebensmittelpunkt, dem niederösterreichischen Kaumberg, das dem mittlerweile seit langem in Wien ansässigen Künstler schon für seinen 2007 entstandenen Vertigo Rush (wie auch letztes Jahr die gefeierte Himmelsreise * mit dem Diagonale-Preis für Innovatives Kino ausgezeichnet) als Drehort diente, zieht er sein Publikum in nur einer starren Kameraeinstellung in einen dynamischen Sog, der nichts weniger als die Grundbausteine von Film verhandelt: Bewegung und Stillstand, Licht und Dunkelheit, Stille und Ton. Durch die präzise Abstimmung eines Stroboskop-Lichtes mit den 24 Bildern der beiden Kameras entstehen Eindrücke des Stillstehens, der Rückläufigkeit und weitere Bewegungsmuster – da kann das Wasserrad so kontinuierlich schaufeln, das Wasser noch so lärmend spritzen, wie es will. So besticht Cavalcade nicht nur mittels der Akribie seiner Komposition einer- und des gefälligen visuellen Spektakels andererseits, sondern obendrein durch seine komplexe Vielschichtigkeit: Mal still thronendes, mal sich entfesselnd drehendes Zentrum, das, umgeben von einem Crescendo aus Wasser und Motor und zwischen auf- und abflackerndem Lichtschein, wiederum inmitten eines unbeeindruckt in sich ruhenden Stückes Natur alles und alle in seinen Bann zieht.
Auch in Lurfs Diagonale-Trailer, Nationalismus ist Gift für die Gesellschaft, erschöpft sich das Schauspiel in keiner dekorativen Funktion. Die Maschine rollt, die Geschichte rollt, eigentlich ja zwar unaufhörlich vorwärts, und doch bedrohlich regressiv. Hier wird nicht bloß ein politisches Statement und ein Diskussionsanstoß optisch ausgeschmückt, sondern gleichberechtigt eine Forderung verkörperlicht und kokonstituiert: Bewegung!
Sein eigener filmischer Beitrag ist keinesfalls das einzige Werkzeug, mit dem Johann Lurf die diesjährige Diagonale mitgestaltet: Das von ihm zusammengestellte Kurzfilmprogramm „Agitation – Ästhetik – Politik“ schlägt in dieselbe Kerbe. Wie auch seinen eigenen liegt den ausgewählten Arbeiten die Frage danach zugrunde, wie man mit formaler Präzision, aber eben auch Experimentierfreude neue Perspektiven zu entwickeln vermag, die Auswege aus dem sturen Verharren in festgefahrenen Denkmustern vorzeichnen. Gezeigt werden sowohl historische als auch aktuelle Beispiele solcher Strategien: Neben Harun Farockis Klassiker Nicht löschbares Feuer von 1969, zwei Filmen von Karpo Godina aus den frühen Siebzigern, die von priesterlichem Patriotismus (Healthy People for Fun) und liebessehnsüchtigen Soldaten (On Love Skills Or Film With 14441 Frames) zu erzählen wissen und Hubert Sieleckis ORF-Collage österreich ! (2001), werden Marganith, Tzion Abraham Hazans 2012 entstandene Beobachtung eines Tel Aviver Militär-Turms und der brandneue Cablestreet von Meredith Lackey präsentiert, der die Verlegung eines Tiefseekabels mit Wikileaks-Inhalt verbindet.
Dass man filmische Fragen aber nicht nur mittels der direkten Auseinandersetzung mit Film als Bewegtbild behandeln kann, affirmiert Lurf wirkmächtig anhand der dritten Säule seiner Festivalbeteiligung. Im Space03 des Kunsthauses Graz findet sich die gemeinsam mit Laura Wagner konzipierte und realisierte „Earth Series“. In dieser werden verschiedenste Einzelbilder, die den Planeten Erde vom All aus zeigen, ihrer bewegten, filmischen Kontexte enthoben und so unterschiedliche cineastische Abbildungen der Weltkugel untersucht. Unter den aufbereiteten Erden finden sich sowohl dem berühmten „Blue-Marble“-Foto der Apollo 17 nachempfundene Exemplare als auch solche, die vor den ersten Weltraumfotografien überhaupt kreiert wurden. Angesichts der Methodik lässt sich rasch die Ähnlichkeit zum *-Projekt herstellen, bemerkenswert ist hier jedoch die umkehrende Dopplung der Perspektive: Dargestellt wird der Blick von einer bestimmten Position aus auf jene Position, aus der heraus wiederum wir hier unten die erstere, himmlische Position erblicken. Egal, wie man ihn dreht oder wendet, bei Johann Lurf schließt sich ein Kreis eben nie ganz – auch wenn man versucht ist, den Umstand, dass auch der Wasserrad-Protagonist aus Cavalcade ausgestellt zu bestaunen ist, dahingehend als schönes Schlusswort zu gebrauchen, bleibt das beständige Bestreben, die Kreislinie zu durchbrechen, für ihn stets interessanter.
