Filmkritik

Us

| Roman Scheiber |
Das neue Werk von „Get Out“-Regisseur Jordan Peele: ein erratischer Horrorfilm mit Klassenkampf-Charakter

Er wird so genüsslich ausgespielt, der symbolhafte Zoom-Out des Vorspanns, dass man genug Zeit hat, sich das Bild einzuprägen und die Richtung zu registrieren, in die Jordan Peeles neuer Film Us zu arbeiten gedenkt: vom Einzelwesen zur breiten Masse, vom Besonderen zum Allgemeinen. Wobei das Individuum hier ein Kaninchen ist und in einem Käfig sitzt – wie der Zoom zeigt, inmitten anderer Kaninchen in weiteren Käfigen. Nur bleibt das zuerst eingeblendete Kaninchen starr, während die anderen sich bewegen. Ist es nur eine Attrappe seiner selbst? Und wo ist eigentlich das Labor zu all den Versuchskaninchen?

Es folgt eine Rückblende an jenen Ort, von dem man rasch ahnt, dass er eine zentrale Rolle spielen wird in Us: ein Vergnügungspark an einem Strand der kalifornischen Küste. Adelaide, hier noch als kleines Mädchen, entfernt sich von den Eltern und landet in einem Spiegelkabinett. Dort hat sie eine merkwürdige Erscheinung, die sich ihr tief einprägen wird.

Schnitt in die Gegenwart der Familie Wilson, im Auto unterwegs zu ihrem Feriendomizil am Meer. Mit wenigen Strichen versteht Peele es, uns die Dynamik der Familie zu umreißen, und am Abend stehen sie dann auch schon vor der Tür, die unheimlichen heimlichen Hauptfiguren von Us. Es sind Doppelgänger, besser: Gegenbilder der Familie – korpulenter Mann, bestimmt auftretende Frau, Teen-Tochter und kleiner Bub mit Maske. „It‘s us“, sagt der Kleine schockiert. Sie tragen rote Uniformen, die wie eine Kreuzung aus Arbeits- und Häftlingskleidung anmuten, ihr Habitus ist seltsam und sie sind mit Scheren bewaffnet. Leicht verlottert wirken sie im Vergleich zu ihren Gegenbildern, aber viel flinker als zum Beispiel Zombies.

Was diese Leute wollen, kann nur die Frau formulieren, die anderen sind nicht zur Verbalisierung fähig. Aber auch die Anti-Adelaide würgt ihre Worte derart mühselig hervor, als müsste sie einen Mühlstein damit wälzen. Sie hat es buchstäblich schwer, hatte es offenbar immer schon schwer, und man versteht: Ihre Familie will einfach an die Reihe kommen, möchte die hübschen, wohlhabenden Vertreter er- und sich an deren Stelle selbst ins idyllische Bild setzen. Genre-typischer Weise zerspragelt sich das Geschehen nun eine Zeit lang in Einzelkämpfe.

Zwischendurch könnte man kurz an Hanekes Funny Games denken, aber bald stellt sich heraus, dass diese Geschichte komplexer ist und einen komplett anderen Weg einschlägt. Nur wo er hinführen soll, lässt Genre-Auteur Jordan Peele lange im Dubiosen. Die Fährte führt zunächst zu den Nachbarn, zu den hellhäutigen (und unsympathischen) Pendants der Wilsons also, aber auch hier tauchen schlechter gestellte Entsprechungspersonen mit Tötungsabsicht auf, und so enthüllt sich allmählich die erste Deutungsebene des Films, welche auch die einzig klare bleiben wird: Die Home Invasion trägt den Charakter eines dichotomischen Klassenkampfes. Das „Wir“ des Titels indes bleibt fraglich. Sind es wir gegen uns selbst, wie der Bub vermutet hat? Sind es einfach wir alle?

Wenn die Wilsons vorläufig wieder vereint sind, geht es weiter zum Ursprung des Geschehens, in besagten Vergnügungspark. Zu den zunehmend erratischen Geschehnissen bzw. lose eingestreuten Metaphern gehört nun eine rotuniformierte Menschenkette – was für ein herrlich abseitiges Bild in einem Horror-Sujet (wobei man auch die Händchenhalter antizipieren kann, schaut man am Anfang des Films genau hin). Nur eins ist sicher: So haben wir uns die Revolte der Underdogs nicht vorgestellt! Doch gerade weil die Handlung bis dahin so Regel brechend ist, so verstörend und mehrdeutig, wollen wir Aufklärung, es liegt in unserer Natur als Zuseherinnen und Zuseher. Also müssen wir alle, die wir zusammen im Kino sitzen, mit unserer afroamerikanischen – freilich dezidiert bürgerlichen – Modellfamilie dorthin, wo das Unbewusste ruht, das Ausgesparte, das Unbrauchbare, das Weggesperrte: in den Keller. Ungeheuerliches ist dort passiert, die Angst und das schlechte Gewissen, sie kommen von dort unten. Wenn wir uns nicht damit konfrontieren, so eine mögliche Interpretation von Us, werden wir immer Versuchskaninchen des Bösen in uns bleiben. Eine weitere: Wenn wir uns nicht dagegen wehren, werden wir immer in den sozialen Rollen stecken bleiben, die die Gesellschaft uns zugedacht hat.

Dazwischen gibt es spaßige popkulturelle Referenzen (Jaws-Shirt! „I got 5 on it“!) und Filmzitate, denn beim Comedy Actor Jordan Peele – übrigens geständiger Horrormovie-Nerd von Kind an – kommt auch der Comic Relief nicht zu kurz. Unterhalten, sich selbst ironisieren und dennoch zur Reflexion des Gesehenen animieren: Wie schon mit seinem Überraschungserfolg Get Out gelingt Peele das auch mit seinem viel weniger stringenten, aber ebenso kurzweiligen zweiten Film. Wir heben noch kurz die doppelte Leistung Lupita Nyong‘os hervor und sind gespannt auf Peeles Auftritt als Host der Neuauflage der legendären Mystery-Anthologie The Twilight Zone (US-Premiere, Vorsicht: am 1. April).