At Eternity’s Gate

At Eternity’s Gate

Wo das Licht ist

| Michael Ranze |
Julian Schnabels Van-Gogh-Film „At Eternity’s Gate“ mit einem überragenden Willem Dafoe

Gleich zu Beginn des Films spricht Vincent van Gogh in Südfrankreich auf einem Feldweg eine Schafhirtin an. Eine sehr unruhige, handgehaltene Kamera, die die Labilität des Malers nachempfindet, blickt ihm über die Schulter, sie verweigert den Überblick, zeigt nur Details. Ob er sie zeichnen dürfe, fragt Van Gogh die junge Frau. Doch sie versteht nicht, will weiter, ist trotzdem interessiert. Erst am Schluss wird der Film diese Szene noch einmal aufgreifen und zu Ende erzählen.

Dass eine Szene sich doppelt und ihr Ausgang sich erst beim zweiten Mal erschließt, kommt öfter vor in diesem Film. Das ist auch schon sein Geheimnis: Es ist ein Drama der Eindrücke, der Momente, der hingeworfenen Fragmente. Er zeigt Van Gogh als verfolgte Seele, im Kampf mit seinen geistigen Problemen, in Opposition zu seinen Mitmenschen, vor allem aber als leidenschaftlichen, asketischen Künstler, der nicht aufhören kann zu malen, der einfach malen muss.

Ein Maler macht einen Film über einen Maler. Julian Schnabel, 1951 als Sohn jüdischer Eltern in New York geboren, ist vor allem als Bildender Künstler berühmt geworden, der überall auf der Welt, vom Stedelijk Museum in Amsterdam 1982 bis zum Aspen Art Museum 2016 ausgestellt hat. Gleich seine erste Einzelausstellung in der Mary Boone Gallery in New York City wird im Februar 1979 zum vollen Erfolg, all seine Werke werden noch vor Beginn verkauft. Schnabel gilt seitdem als einer der Hauptvertreter des Neo-Expressionismus und des New Image Painting, Begriffe, die Kunstkritiker erfinden, um das neue Phänomen griffig zu benennen. Charakteristisch sind für Schnabel die sogenannten „plate paintings“, übergroße Gemälde, bei denen er die unterschiedlichsten Materialien benutzt, von Gips bis Wachs, von zerbrochenem Glas bis Porzellan. Er malt auf Leinwand und Holz, auf Musselin und sogar Surfboards.

In Pappi Corsicatos Dokumentarfilm Julian Schnabel: A Private Portrait (2017) kann man dem Künstler dabei zusehen, wie er mitten in seinen großflächigen Gemälden steht oder sich mit einem Kran hochheben lässt, um noch irgendwie an sie heranzukommen – ein Drang nach expressiver Größe, ebenso überwältigend wie einschüchternd. Aufgrund ihrer Größe, ihres Gewichts und ihrer Tiefe könnte man diese Gemälde fast als Skulpturen bezeichnen. Womit wir bei Schnabels neuem Film wären: „Dein Bild sieht eher aus wie eine Skulptur denn wie ein Gemälde“, tadelt Paul Gauguin Van Goghs Malstil, weil er die Farben so dick aufträgt. Schnabel größtes Gemälde namens „Ahab“ hängt übrigens im Foyer des Opern-Turms in Frankfurt am Main. „Die Leinwand aus gebrauchtem Segeltuch hat eine Breite von dreizehn Metern und eine Höhe von zwölf Metern. Ahab, die tragische Hauptfigur von Hermann Melvilles großem Walfänger-Roman ,Moby Dick‘. Die Konturen an der Wand der hohen Lobby gemahnen denn auch an den großen weißen Wal – und den Kapitän Ahab, der ihn jagt, mit aller Hybris und tödlicher Besessenheit“, schreibt Claus-Jürgen Göpfert in der „Frankfurter Rundschau“. Einen schönen Überblick über Schnabels Gemälde gibt seine Website www.julianschnabel.com, auch ein Video von der Entstehung von „Ahab“ ist hier eingestellt.

Cineastinnen und Cineasten kennen Julian Schnabel seit 1996 vor allem als Regisseur. In seinen Filmen – Basquiat, Before Night Falls, Schmetterling und Taucherglocke und Miral – interessiert er sich zumeist für die Menschen, für das, was sie umtreibt, für ihre Emotionen und Leidenschaften. Das gilt auch für At Eternity’s Gate. Van Goghs verzehrendes Fieber für das Malen hat Schnabel staunen lassen: Wer war dieser Mann? Wie hat er gelebt? Schnabel weiß um die populäre Wahrnehmung Van Goghs als gequälter Künstler, arm, verkannt, vielleicht verrückt. Darum vermeidet er die bekannten Klischees, nicht einmal das Abschneiden des Ohres zeigt er uns, nur später den großen Verband um den Kopf. Stattdessen findet er Bilder für die These, dass Van Gogh von zwei Bauernbuben erschossen wurde, also nicht den Freitod wählte (das insinuierte unlängst auch der stupende Animationsfilm Loving Vincent). So kreiert Schnabel eine ganz eigene Vision dieses Künstlers und zeigt ihn schwankend zwischen naiver Liebe für die Menschen und einsamer Unzufriedenheit.

Ganz eigene Visionen – die hat Schnabel auch in seinen vorangegangenen Filmen ausgedrückt. In Basquiat (1996), seinem ersten Kinofilm, porträtierte er den kontroversen schwarzen Künstler Jean-Michael Basquiat (1960-1988), der zwischen 1981 und 1987 vom unbekannten Graffiti-Sprayer zum Komet der New Yorker Kunstszene aufstieg. Auch wenn der Film die Intensität dieser rasanten Karriere nicht einfängt, so interessiert er sich doch für die Dämonen Basquiats – so wie er sich in seinem neuen Film für die Dämonen Van Goghs interessiert. Before Night Falls (2000) ist ein packender, episodenhafter Blick auf das Leben des kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas, gespannt über mehrere Jahrzehnte, von der Entdeckung seiner Homosexualität bis hin zu seiner Blüte als Schriftsteller. Nicht zu vergessen die traumatische Erfahrung, dass er wegen beidem in Castros Kuba mit Gefängnis bedroht ist. Auch hier wieder interessiert sich Schnabel mehr für die Innenwelt seiner Hauptfigur; Arenas Bücher, sein politisches Wirken kommen nur am Rande vor. Trotzdem – ein aufregend brillanter Film, von Javier Bardem überragend gespielt. Wunderbar auch Schnabels Schmetterling und Taucherglocke (2007) über Jean-Dominique Bauby, den Herausgeber der Zeitschrift „Elle“, der 1995 im Alter von 43 Jahren einen Schlaganfall hat und fortan am sogenannten Locked-in-Syndrom leidet. Bauby ist vollständig gelähmt, nur sein Verstand funktioniert noch, er ist gefangen in seiner eigenen Welt – das musste Schnabel einfach interessieren. Nur mit Hilfe seiner Augenlider gelingt es Bauby zu kommunizieren und sogar ein Buch zu schreiben. Es geht also auch hier um Kunst und Kreativität, und es ist schon beeindruckend, wie Schnabel für seine jeweiligen Figuren immer wieder eine ganz spezifische Bildsprache findet und so ihren Blick auf die Welt als ganz eigenen Ausdruck zeigt. Miral (2010) fällt aus diesem Muster ein wenig heraus. Nach dem 2004 erschienen Roman „La strada dei fiori di Miral“ der palästinensisch-italienischen Journalistin und Schriftstellerin Rula Jebreal erzählt Schnabel die Geschichte eines jungen Mädchens aus dem Dar-Al-Tifl-Waisenhaus in Jerusalem, das später als Lehrerin in den Nahostkonflikt involviert wird. Verbunden damit ist das Schicksal weiterer palästinensischer Frauen aus verschiedenen Generationen – was der Erzählung viel von ihrer Schärfe nimmt.

Nun also At Eternity’s Gate, der keine filmische Biografie des Lebens von Vincent van Gogh sein will. Allenfalls lassen sich soziale Fixpunkte bestimmen, Menschen, die für Vincent und sein künstlerisches Schaffen wichtig sind. Es beginnt in Paris, wo Van Gogh in einem Restaurant eine Gruppenausstellung mit Kollegen geplant hat. Doch die anderen lassen ihn im Stich, und darum hängen nur seine Bilder an der dunklen Wand. Das ist ein schöner Widerspruch zu Schnabels eigenem Erfolg, und so ganz ist nicht klar, ob der Regisseur sich hier selbst konterkarieren wollte. Immerhin lernt Van Gogh bei dieser Ausstellung Gauguin kennen, sie werden Freunde. Er rät ihm, in den Süden zu gehen. Und so zieht Vincent, finanziell unterstützt von seinem Bruder Theo, nach Arles, dorthin, wo das Licht ist. „Was malen Sie?“, wird Vincent später in der Heilanstalt von einem Insassen gefragt. „Licht“, antwortet er kurz und knapp. Egal, was Vincent van Gogh gemalt hat, ob Sonnenblumen, Weizenfelder, Cafés, Stühle, Stiefel oder sich selbst – immer ist es das Licht, dass die Dinge erst zum Strahlen bringt.

So schlägt Schnabel eine Brücke zu Vincente Minnellis Lust for Life (1956), in dem ein schwirrendes Muster aus Farben und Licht einen fast schon „hysterischen Exzess“ (James Naremore) ankündigt. Wir sehen, wie Vincent durch die Felder streift, einen Strohhut auf dem Kopf, seine Leinwand aufstellt und sich von der Natur inspirieren lässt. Nicht jedem gefällt das, die Dorfbewohner begegnen ihm feindselig, einmal belästigt ihn auf einer Anhöhe eine Schulklasse, die Lehrerin schüttelt verständnislos den Kopf über das Motiv – Baumwurzeln. Dazu passt auch das Unverständnis eines in der Anstalt arbeitenden Priesters (Mads Mikkelsen), der Van Goghs Bilder hässlich findet. Jetzt häufen sich auch die Unschärfen, die sich wie ein Lineal durch die untere Bildhälfte ziehen, fast so, als hätte Van Gogh tränenüberschwemmte Augen. Er wiederholt Sätze, als hätte er Stimmen im Kopf, als würden ihn unsichtbare Dämonen verfolgen.

Und jetzt ist es endlich Zeit, über den Hauptdarsteller zu sprechen. Willem Dafoe spielt Vincent van Gogh mit bewundernswürdiger Intensität und Ausdrucksstärke. Seine unruhigen Augen strahlen, das von tiefen Falten zerfurchte Gesicht bebt, die Hände mischen hastig die Farben und tragen sie kräftig auf, mit dickem Strich. Dafoe hat für diesen Film malen gelernt, so, wie Van Gogh es tat, ohne Rücksicht auf Konventionen, nur seiner Vision folgend. So lässt Dafoe vor unseren Augen die Farben auf der Leinwand leuchten, während seine brüchige, tiefe Stimme ihm eine verzweifelte Bestimmtheit verleiht. Vincent van Gogh mag zwar mit seinen Bildern die moderne Kunst auf den Weg gebracht haben. Ein moderner Mensch war er aber keineswegs. Und das macht Willem Dafoe beeindruckend deutlich.