Wenn vom Leben nur das Verharren bleibt
Die Wärmebildkamera würde den Kopf eines Menschen erkennen, der im Wasser treibt, erklärt der Steuermann eines kleinen Rettungsschiffes, das vor der Insel Lesbos seine Runden dreht. Mit anderen technischen Geräten könne man Flüchtlinge auf offenem Meer nicht orten, weil die Schlepper alles daran setzten, die Boote so gut als möglich für das Radar „unsichtbar“ zu machen. Oft bleibt den Rettern nur noch Tote zu bergen. „Was bleibt“, das ist das zentrale Thema in Nathalie Borgers‘ neuem Dokumentarfilm The Remains – Nach der Odyssee. Aber auch: wer bleibt – wo und wie.
Zwei parallele Erzählstränge entfalten sich von einem gemeinsamen Ausgangspunkt: Ein Schiffsunglück in der Ägäis, zwischen Izmir und Samos, wo die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei verläuft. Zwei Jahre ist das her. Am schroff felsigen Strand von Europa angespülte Fetzen zerrissener Schlauchboote, zertrümmerte Holzbretter, zerschlissene Rettungswesten. In einem Seminarraum an Land schulen ein paar Vertreter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes einige Mitarbeiter der Küstenwache in der Bergung von Toten anhand eines Plastikdummys. Beschriftung der Körperteile, Notierung besonderer Merkmale. Einpacken, nummerieren. In den vergangenen 25 Jahren starben im Mittelmeer mehr als 30.000 Menschen auf ihrer Flucht nach Europa. Tausende werden immer noch vermisst, Tausende mussten ohne Namen begraben werden.
Währenddessen warten Farzat in Wien und sein Bruder Imad in Deutschland auf Nachrichten. Wie gelähmt, emotional ausgebrannt, sich an eine Routine klammernd, welche sie die Ereignisse des Unglückstags immer wieder durchdenken lässt. Auf dem gesunkenen Schiff waren dreizehn ihrer Familienmitglieder. Mutter, Tante, Ehefrau, Nichten, Neffen, Töchter, Söhne, Enkelkinder. Noch immer liegt das Wrack mit den eingeschlossenen Toten irgendwo am Meeresgrund. Keine Seite will es bergen.
„The Remains“, das sind auch diese beiden Männer, sind die Hinterbliebenen aller Verunglückten, ist der Vater, der mit Farzats Schwestern schließlich zu seinem Sohn nach Wien reist, weil er in der Türkei allein nicht mehr zurechtkommt. In vielen kleinen Plastiksäckchen hat er seine Medikamente mitgebracht. Schlafmittel, Schmerzmittel, Antidepressiva. Aber nichts hilft.
Beim Suchdienst rät man Imad, nicht mehr auf Neuigkeiten zu warten, sondern sein Leben zu gestalten. Gleichsam seine eigenen Knochen zusammenzuhalten, sich selber aufzusammeln und sich (weiter) zu bewegen. Imad sieht sich außerstande. Noch möchte er verbleiben. In der Starre, die ihn näher rückt zu den Toten, um die er trauert.
