"Der Fall Collini" mit Elyas M‘Barek

Filmkritik

Der Fall Collini

| Jörg Schiffauer |
Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Ferdinand von Schirach

Der erste große Fall, den der junge Rechtsanwalt Casper Leinen (Elyas M‘Barek ) im Rahmen einer Pflichtverteidigung zugeteilt bekommt, erscheint auf den ersten Blick wie der Traum eines jeden ambitionierten Juristen, verspricht der Mord an einem bekannten Industriellen doch jede Menge Aufmerksamkeit und den großen Auftritt im Gerichtssaal. Doch erst nachdem er den Fall übernommen hat, wird dem Anwalt klar, wer das Opfer eigentlich ist. Jean-Baptiste Meyer (Manfred Zapatka), den Leinen nur unter seinen Rufnamen Hans in Erinnerung hat, war von klein auf eine Art von Ersatzvater und Mentor, der den aus einfachen Verhältnissen stammenden Leinen nach Kräften gefördert hat. Zudem war Meyers Enkelin Johanna (Alexandra Maria Lara), die nun die Erbin seines Vermögens und seiner Firma wird, Leinens Jugendliebe. Das Wiedersehen nach langer Zeit verläuft dann auch nur so lange harmonisch, bis Johanna erfährt, dass ausgerechnet Casper den Mörder ihres geliebten Großvaters tatsächlich zu verteidigen gedenkt.

Und als ob dieses moralische Dilemma nicht schon genug wäre, verkompliziert sich Leinens Arbeit noch zusätzlich. Denn sein Mandant Fabrizio Collini (Franco Nero), ein italienischer Gastarbeiter, der völlig unauffällig seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, schweigt sich beharrlich zu den Motiven für seine Tat aus. Denkbar schlechte Voraussetzungen für Anwalt Leinen, der sich im Verlauf des Prozesses nicht nur dem Oberstaatsanwalt (Rainer Bock) gegenübersieht, sondern auch dem charismatischen Staranwalt und Rechtsgelehrten Richard Mattinger (Heiner Lauterbach), der als Vertreter der Nebenklägerin Johannas Interessen wortgewaltig vertritt. Doch ungeachtet seiner schlechten Karten verbeißt sich der junge Anwalt in den Fall, beharrlich bemüht er sich, die Gründe für das rätselhafte Verbrechen aufzudecken. Seine Recherchen werden schließlich nicht nur ein anderes Licht auf seinen Mentor Hans werfen, sie führen Casper Leinen auch zurück in die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Ferdinand von Schirach konnte auf eine langjährige Erfahrung als Anwalt zurückgreifen, als er mit Mitte Vierzig seine ersten literarischen Texte veröffentlichte. In seinen Kurzgeschichten, die in den sich rasch zu großen Erfolgen entwickeltenden Anthologien „Verbrechen“ und „Schuld“ publiziert wurden, beleuchtet er anhand von Routine-Kriminalfällen Fragen zu Schuld und Sühne, Recht und Gerechtigkeit und persönlicher Verantwortung. Mit ihrer präzisen, nüchternen Sprache sind Schirachs Geschichten beinahe schon filmisch geschrieben, die erwähnten Bände wurden als jeweils sechsteilige TV-Mini-Serien auch bald höchst erfolgreich adaptiert. Der 2011 veröffentlichte Roman „Der Fall Collini“ erweist sich als ideale Vorlage für ein veritables Gerichtssaaldrama, dessen thematischer Hintergrund besonders eng mit der Familiengeschichte des Autors – sein Großvater war der Reichsjungendführer der NSDAP und Gauleiter in Wien Baldur von Schirach, der im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde – verknüpft ist.

Regisseur Marco Kreuzpaintner zieht auch alle Register dieses Sub-Genres. Seine Inszenierung hat vor allem in den Gerichtsaal-Sequenzen ihre stärksten und eindringlichsten Momente. Das Drehbuch weist allerdings streckenweise eine Tendenz zur Holzschnittartigkeit auf, womit man dem Sujet freilich nicht gerecht wird. Denn der empörend schlampige Umgang mit der eigenen Geschichte, der sich etwa in dem sperrigen „Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz“ niederschlug, hätte keine lehrstückhaften Elemente gebraucht, um immer noch Fassungslosigkeit und gerechten Zorn hervorzurufen.