Filme über das Altern boomen. Von The Best Exotic Marigold Hotel bis zu Und wenn wir alle zusammenziehen beschreiben viele Spielfilme neben der Schwierigkeit, mit dem erzwungenen Ruhestand zurechtzukommen oder Kämpfen mit Krankheiten auch amouröse Verwicklungen am Lebensende. Bettina Blümner (Prinzessinenbad) zeigt in ihrem neuen Dokumentarfilm Parcours d´amour auf berührende Weise die realen Vorbilder für solch fiktionalisierte Charaktere. Im Interview stellt die Regisseurin fest, dass sich wohl niemand mit der nächsten Phase seines Lebens auskennt, dass Nähe und Vergnügen gegen Geld sogar beim Tanzen funktionieren und dass Vertrauen die Grundvoraussetzung für den filmischen Prozess darstellt.
Im Mittelpunkt des Films steht die Welt der Pariser Tanzcafes, wo sich betagte Menschen aller Schichten meist Nachmittags treffen, um graziös über das Parkett zu schweben, aber auch um neue (Tanz-) Partner kennen zu lernen und schlicht das Leben zu genießen. Mit eleganten Tanzschritten wollen vier Pariser Männer und Frauen dem Alter trotzen und das gelingt ihnen auf beeindruckende Art und Weise, der Paso Doble, Tango oder Rumba sind ihr Lebenselixier, das sie körperlich und geistig jung erhält. Gerade für jüngere Zuschauer ist es doch einigermaßen tröstlich zu sehen, wie Christiane auch jenseits der 70 die Fähigkeit noch nicht verloren hat, wie ein Schulmädchen von einer neuen Bekanntschaft zu schwärmen. Die charmanten Cousins Gino und Eugene dagegen wollten sich zeitlebens nicht binden und sind auch jetzt noch eher auf der Suche nach dem besonderen Moment als nach einer dauerhaften Beziehung. Der blendende Tänzer Michel hat gar sein Hobby zu seinem Beruf gemacht: Er arbeitet als begehrter Taxiboy, für dessen Dienste die Damen gerne 400 Euro für einen Tanzabend ausgeben.
Eine Dokumentation über Menschen steht und fällt mit der Ausstrahlung der Protagonisten, deren Erinnerungen – aber auch gegenwärtigen Nöte und Freuden – neben schwungvoll gefilmten Tanzszenen den Film dominieren. Die Regisseurin kommt ihnen nahe genug, so dass der Zuschauer mitfühlt, wenn Christiane über eine überwundene schwere Erkrankung und die andauernde Unzuverlässigkeit von Männern erzählt oder wenn Gino sich beklagt, dass er ohne Medikamente nicht mehr seinen Mann stehen kann. So bietet dieses Werk vielfältige Einblicke in ein äußerst lebenswertes Dasein im Alter ohne die Schwierigkeiten auszublenden.
Wie sind Sie auf dieses doch nicht unbedingt naheliegende Thema Tanz im Alter gekommen?
Ich liebe das französische Kino und wollte schon immer einen Film in Paris drehen. Meine Ausgangsidee war Paare im Café zu filmen, Begegnungen, Diskussionen, Trennungen etc. Durch Zufall bin ich dann auf das Tanzcafé „Le Memphis“ in Paris gestoßen und dieser Ort hat mich dann sofort in seinen Bann gezogen. Meine Protagonisten habe ich dort kennen gelernt, genau genommen beim Tanzen. Die Entscheidung beim Film mitzumachen war ihre. Und ich habe mich natürlich sehr gefreut!
War es so ein Impuls nach einigen Filmen mit jungen Protagonisten jetzt einmal an das andere Ende des Lebens zu schauen oder hat sich das durch persönliche Kontakte ergeben?
Mein erster Film, der auch mein Bewerbungsfilm an der Filmhochschule in Ludwigsburg war, hieß Jonny, Oldie und Löffel. Der Kurzfilm ist ein Porträt des ältesten Bodybuilder Deutschlands, Jonny Pfeifer. Somit stand die Auseinandersetzung mit dem Thema Alter schon zu Beginn meiner filmischen Arbeit. Erst danach habe ich mich, wie bei Prinzessinnenbad, dem Thema Erwachsenwerden gewidmet. Genau genommen ist ja jeder Film ein Coming-of-Age-Film. Wer kennt sich schon mit der nächsten Lebensphase seines Lebens aus?
Würde, Sinnlichkeit und Melancholie sind drei Begriffe, die mir sehr spontan zu Parcours d´amour einfallen. Wie wichtig war es Ihnen, die richtige Balance zu finden zwischen den dreien und zusätzlich noch leisen Humor einzubauen?
Jeder empfindet den Film anders. Manche empfinden ihn als sehr humorvoll, andere eher als melancholisch. Die Reaktionen des Publikums fallen sehr unterschiedlich aus, was ich spannend finde. Humorvollen Momenten schenke ich schon während der Dreharbeiten eine besondere Beachtung. Der Tanz bringt natürlich auch die Sinnlichkeit mit sich. Ich bin jedenfalls immer noch beeindruckt von den Tanzkünsten meiner Protagonisten.
Der Film schreckt keineswegs vor schweren Themen wie Bindungsangst, Erinnerungen an lieblose Eltern, Einsamkeit, Krankheit zurück, aber die Stimmung ist trotzdem „uplifting“. Ist das der Blick der Regisseurin auf die Welt oder der der Protagonisten oder beides?
Gute Frage. Vermutlich beides. Oder: Gerade weil die Protagonisten und der Film so offen mit diesen Themen umgeht, wirkt er so „uplifting“.
Wollten Sie dieses Element des Bezahlens für Gesellschaft, nicht nur fürs Tanzen, von Anfang im Film haben?
Michel ist von Beruf Taxiboy und tanzt mit älteren Damen gegen Bezahlung. Dieses Element fand ich spannend, Nähe und Vergnügen gegen Geld, funktioniert das auch beim Tanzen? Und warum ist Michel Geld so wichtig? Der Film geht dieser Frage an Hand seiner Figur auf den Grund und findet auch hier eine überraschende Antwort im Gespräch mit seiner Ehefrau auf ihrem gemeinsamen Landsitz.
Hat sich der Film vom Konzept über den Dreh bis zum Schnitt verändert? Wenn ja, wie?
Auf Grund des langen Zeitraums zwischen der ersten Recherche und dem finalen Drehbeginn musste ich zwei Protagonisten, die inzwischen erkrankt und körperlich nicht mehr fit waren austauschen.
Das Alter wird immer populärer als Filmthema, aber selten zuvor sah man Menschen über 70 Lebensmodelle vertreten, die eher an die von Mittzwanzigern erinnern inklusive Bindungsangst und zögerliches Abwarten, sogar jugendliche Schwärmerei kommt in einer sehr schönen Szene vor. Hat sich das Leben im Alter sehr verändert in den letzten 20 Jahren oder mehr der Blick der Gesellschaft darauf?
Das kann ich letztendlich gar nicht beantworten. Aber es hat mich sehr gefreut zu sehen, wie lebendig das Leben im Alter sein kann.
Wie schafft man das, dass die Menschen vor der Kamera so viel von sich preisgeben? Wenn man an ihre anderen Filme wie Prinzessinnenbad denkt, scheint das ein spezielles Talent von Ihnen zu sein. Haben Sie dafür ein Rezept, das notwendige Vertrauen herzustellen?
Ich interessiere mich für Menschen. Und dieses Interesse spürt mein Gegenüber. Es ist ein Geben und Nehmen. Und dieses Vertrauen ist natürlich sehr wichtig und Grundvoraussetzung für die Zusammenarbeit während der Entstehung des Filmes.
Warum ist die Kamera manchmal so tief? War das so geplant oder konnte sonst nicht gefilmt werden.
Die Protagonisten meines Filmes sind tatsächlich klein, während meine Kameramänner Mathias Schöningh und Axel Schneppat sehr groß sind. Wir haben trotzdem versucht auf Augenhöhe mit den Protagonisten zu sein, oder noch tiefer, auch um ihnen eine gute Präsenz im Film zu ermöglichen. Sie sind ja schließlich die Helden ihres eigenen Lebens!
Waren inszenatorische Einfälle wie das leiser werdende Gespräch und die sich entfernende Kamera in einer Sequenz von Anfang an geplant oder ergibt sich das in der Montage?
Ich beende gerne Szenen mit Schnitten in die Totale. Zumal das Gespräch mit den Christiane und Michelle sehr lange gedauert hat und man das prima mit einem diesem „Rückschnitt“ verdeutlichen kann. Es war schon während der Aufnahme so gedacht, ob es so funktioniert, probiere ich im Schnitt.
Die Interviews werden in der zweiten Hälfte länger und intimer. Warum nicht umgekehrt, also am Anfang, um die Protagonisten besser zu etablieren?
Der Zuschauer braucht ja erst Mal Zeit um die Figuren kennen zu lernen. Die Szenen am Ende und in der Mitte sind gerade deswegen so intensiv, weil der Zuschauer die Figuren zuvor vorgestellt bekommen hat.
Könnte man so einen Film auch in Deutschland oder Österreich drehen oder wäre er dann trister? Ich kenne auch in Wien Tanzclubs, wo hauptsächlich ältere Menschen ihrem Hobby nachgehen, aber die wirken nicht so elegant und charmant wie in Paris, aber vielleicht ist das nur ein Vorurteil.
Das kann ich letztendlich schwer beurteilen, da ich mich bei der Recherche auf Paris konzentriert habe. Hier ist die Tanztee-Szene auf jeden Fall sehr ausgeprägt, insofern, dass es viel mehr Tanztees gibt als beispielsweise in Berlin. Wichtig ist: Tanzen ist enorm wichtig für meine Protagonisten, es hält sie praktisch am Leben, sowie Christiane es im Film beteuert. Und das ist gut so.
