Béla Tarr

Wiener Festwochen

Die Würde sichtbar machen

| Günter Pscheider |
Der große ungarische Regisseur Béla Tarr inszeniert für die Wiener Festwochen eine Mischung aus Film, Musik und Installation.

Béla Tarr wirkt müde und abgekämpft an diesem kalten Tag im Frühmärz, so als ob er ein wenig die Last der Welt auf seinen Schultern trüge. Das ist auch kein Wunder, hat er doch die letzten (Winter) Wochen damit verbracht, als Recherche zu seinem Festwochenprojekt Missing Persons mit Wiener Obdachlosen in Einrichtungen wie der Gruft und auf der Straße zu sprechen. Es ist, als wenn ihre Hoffnungslosigkeit ein wenig auf ihn übergegangen wäre. Er ist auch pessimistisch, was die gesellschaftliche Entwicklung in der Zukunft betrifft. Die Filme von Béla Tarr waren sowieso immer das dezidierte Gegenteil von Feelgood-Komödien. In sehr langen Einstellungen verhandelte er die Conditio humana als eine Suche nach Menschlichkeit, die für die Protagonisten oft erfolglos verlief, die aber vor der Kamera von Fred Kelemen immer auch ihre Würde bewahrten. Meisterwerke wie der 450 Minuten lange Satanstango (1994) oder Die Werckmeisterschen Harmonien (2000) tauchen regelmäßig in diversen Bestenlisten renommierter Filmzeitschriften auf, trotzdem hat er das Filmemachen nach seinem bislang letzten Film A Turin Horse (2011) aufgegeben, seinen einzigartigen Stil hat er perfektioniert, sich nur zu wiederholen war ihm zu wenig. Seitdem hat er eine Filmschule in Sarajewo gegründet und ist ein sehr gefragter Gast bei Filmunis und Festivals. Für das Festwochenprojekt Missing Persons drehte er erstmals wieder, die Abende im Museumsquartier sind aber keine Filmvorführungen im klassischen Sinn. Mit Hilfe von Live-Musik und Performance-Elementen wird ein Gesamtkunstwerk kreiert, das exklusiv im Rahmen der Festwochen aufgeführt wird. Im Interview spricht Béla Tarr über die schwierigste Arbeit seines Lebens, über den Schrecken der Perspektivlosigkeit und über die Gefahr einer gewaltsamen Revolution.

 

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Projekt?

Béla Tarr: Der neue Intendant Christophe Slagmuylder hat mich nach Wien eingeladen. Ich wurde gleich von der Architektur der Halle E plus ihrer Lounge inspiriert, konkrete Orte waren für mein filmisches Schaffen immer sehr wichtig. Das war zufällig genau der Tag, an dem in Ungarn das neue Gesetz in Kraft trat, das der Polizei erlaubte, Obdachlose ohne wirklichen Grund einfach festzunehmen. In einer zweiten Meldung hörte ich davon, dass die Bürgermeisterin von Paris das Rathaus für Obdachlose während der Wintermonate öffnete. Aus diesem Spannungsfeld des Umgangs mit den Homeless People, aber auch anderen, die am Rande der Gesellschaft leben, entwickelte sich das Konzept von Missing Persons, mit dem ich diesen Menschen ihre Würde zurückgeben will, indem ich sie sichtbar mache an einem Ort, wo sie sonst nicht hinkommen. Derzeit (Anfang März) beenden wir gerade eine Reihe von Castings (ich hasse dieses Wort), wo wir auch viel mit den Leuten sprechen, um sie besser zu verstehen. Das ist wirklich die schwierigste Arbeit meines ganzen Lebens. Wenn man sieht, wie die meisten dieser Menschen leben, wirft das viele wichtige existenzielle Fragen auf.

 

Sie haben vor einigen Jahren in Rotterdam ein Museums-projekt entwickelt, das sich aber doch sehr von „Missing Persons“ unterschied?

Béla Tarr: Ja, das war etwas ganz anderes. Bei den Festwochen wird es eine Performance, bei der bewegte Bilder, Live-Musik und Installation ein hoffentlich stimmiges Ganzes ergeben. In Rotterdam war es eine längerfristig zu sehende Ausstellung mit filmischen Elementen, wofür wir im Gegensatz zu hier auch kein neues Material gedreht haben. Ich wollte einfach herausfinden, was die Realität ist, was gerade passiert mit diesen Menschen. Ich will keinen Film mehr machen, das habe ich nach A Turin Horse ganz klar gemacht, und das gilt weiterhin, auch wenn Fred Kelemen, mein langjähriger Kameramann, einige Szenen drehen wird, und der Komponist Mihály Víg etwas für dieses Projekt beisteuern wird.

Ich kenne mittlerweile fast alle Obdachlosen in Wien, die meisten Notunterkünfte für den Tag und die Nacht, ich weiß, wo sie sich die meiste Zeit aufhalten und habe einige Zeit mit ihnen verbracht, um wirklich zu spüren, wie sich dieses Leben anfühlt. Das war eine intensive Erfahrung, die einen demütig macht und auch herausfordert. Man kann es mit Worten kaum beschreiben. Auch wenn die Lebensgeschichten unterschiedlich sind, die Folge, das Ergebnis ist immer das Gleiche: Eine absolute Perspektivlosigkeit, das ist das Schrecklichste an diesem meist durch Alkohol hervorgerufenen oder verstärkten Zustand, dass diese Menschen überhaupt keine Ziele mehr haben. Ich habe wirklich großen Respekt für die Sozialarbeiter, die jeden Tag mit ihnen arbeiten. Man hört gerade im Moment viel Unsinn über das christliche Erbe Europas, das es vor den barbarischen Horden zu beschützen gilt. Diese Leute handeln wirklich im ursprünglich christlichen Sinn, indem sie Menschen in Not helfen.

 

War es schwierig, diese Leute davon zu überzeugen, sich filmen zu lassen?

Béla Tarr: Das ist und war schon immer auch in meinen Filmen eine Frage des Vertrauens. Sie glauben und fühlen, dass man sie nicht erniedrigen oder verletzen will, dass man sie nicht gebrauchen will, als simples Werkzeug sieht. Und ich urteile über niemanden, ich zeige einfach. Mein ganzes Leben habe ich daran gearbeitet, das Verschwinden der menschlichen Würde zu dokumentieren und diesem Prozess etwas entgegenzusetzen. Es werden natürlich auch keine Lebensgeschichten erzählt, das ist nicht mein Stil. Die Gesichter werden sehr stark im Mittelpunkt stehen. Es hängt auch sehr von der Empathiefähigkeit des einzelnen Zuschauers ab. Ich zwinge niemandem irgendwelche Gefühle auf. Es ist eine große Anstrengung für mich, diese Welt überhaupt zu verstehen.

 

Gelingt das jetzt nach all den Jahren des Filmemachens besser?

Béla Tarr: Ich weiß jetzt, dass das Leben sehr kurz ist und dass jeder nur ein Leben hat. Und jeder hat ein Recht auf ein „normales“ Leben.

 

Leben Sie derzeit in Ungarn oder verfolgen die politischen Veränderungen in den letzten Jahren unter Viktor Orbán?

Béla Tarr: Die meiste Zeit verbringe ich in Flughäfen oder anderen Transit-orten. Zynisch gesagt, meine Waschmaschine steht schon in Budapest, meiner Heimatstadt. Ich würde gern in Ungarn arbeiten, mich verbindet sehr viel mit den Orten, wo ich aufgewachsen, wo ich viele Jahre lang gelebt habe.

 

Was kann man gegen die starke Zunahme des Rechtspopulismus tun, der nicht nur in Ungarn seinen Siegeszug angetreten hat?

Béla Tarr: Sehr viele Wähler haben keine besonders hohe Schulbildung und leben am Land, beispielsweise in Ost-Ungarn, wo es kaum Jobs gibt und auch keine Aussicht auf eine Besserung ihrer Lebenssituation. Diese Populisten liefern einfache Lösungen oder zumindest Erklärungen, indem sie ihnen sagen, ihr steckt in der Scheiße, weil es so viele Migranten gibt. Und die Leute glauben das oder wollen es zumindest glauben. Ich fürchte, dass sich diese Situation erst ändert, wenn es eine große Explosion gibt, eine Art Revolution, wenn die Menschen wirklich hungrig sind und dadurch noch wütender, sodass sie bereit sind, alles zu zerstören. Was dann passiert, kann keiner vorhersehen.

 

Sind Sie noch in Kontakt mit jungen Filmemachern, seitdem Ihre sehr erfolgreiche Filmschule in Sarajewo aus Geldmangel schließen musste?

Béla Tarr: In Sarajewo wurde eine Art Filmkollektiv gegründet, was ich natürlich sehr begrüße, ohne jetzt Details über ihre Internetpräsenz zu kennen, ich nutze kein Facebook oder Twitter, aber sie arbeiten zusammen und schicken mir ihre Filme, was ich sehr erfreulich finde.

 

Hat sich die Sicht von jungen Leuten auf die Welt durch das Internet und andere technische Fortschritte verändert im Vergleich zu früher, als Sie aufwuchsen?

Béla Tarr: Ich weiß es nicht. Ich kann es einfach nicht sagen. Wenn man zum Beispiel davon redet, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Jugendlichen immer geringer wird, ist das die falsche Frage. Es geht nämlich nicht um die Länge dessen, was zum Beispiel geschaut wird, sondern darum, ob man irgendetwas dabei fühlt, wenn man es sieht. Es gibt Fünf-Minuten-Clips, die finde ich todlangweilig und Fünf-Stunden-Filme, die ich mir ewig anschauen könnte. Wenn es dich berührt, aufrüttelt, dann spielt die Länge keine Rolle. Wenn man als Filmemacher sein Herz und seine Seele in den Film hineinlegt, wird das auf der Leinwand sichtbar werden, unabhängig vom Stil. Gerade wenn man jung ist, sollte man nicht nur als Filmemacher mutig sein und radikal. Und man selbst sein, das ist vielleicht das Schwierigste überhaupt. Das braucht natürlich auch Zeit. Genau das wollte ich den Filmstudenten in Sarajewo bieten. Einen Raum, wo sie sich entfalten können. Unser Slogan war: No education, just liberation. Jetzt wo man Filme mit seinem Handy machen kann, ist man technisch gesehen frei. Ob man aufblüht und durchhält, ist vor allem eine Frage des Spirits.