Christophe Slagmuylder – Wiener Festwochen

Wiener Festwochen

Gekommen, um zu bleiben

| Andreas Ungerböck |
Christophe Slagmuylder, Intendant der Wiener Festwochen, über wenig Zeit, viele Spielstätten, alte Programme und seine filmischen Vorlieben.

Christophe Slagmuylder, 1967 in Brüssel geboren, leitete zwölf Jahre lang das Kunstenfestivaldesarts in seiner Heimatstadt und war als neuer Leiter des dreijährlich stattfindenden Festivals Theater der Welt in Düsseldorf designiert, als ihn im Juni 2018 der Ruf der eben bestellten Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler ereilte, nachdem der Vertrag mit dem ambitionierten, aber glücklosen Festwochen-Intendanten Tomas Zierhofer-Kin nach nur zwei Jahren gelöst worden war. Ursprünglich sollte Slagmuylder nur für das Jahr 2019 einspringen, inzwischen steht aber fest, dass er das Wiener Festival-Flaggschiff bis 2024 steuern wird. Drei Wochen vor dem Start seines ersten Festwochen-Programms wirkt der Intendant im Gespräch erstaunlich entspannt, was er mit dem „Osterfrieden“, der die Stadt im Griff habe, begründet.

Was hat Sie 2018 bewogen, nach Wien zu gehen und die Festwochen zu übernehmen bzw. sich auch für eine längere Amtszeit zu bewerben?
Christophe Slagmuylder:
Nun, ich war zwölf Jahre lang bei meinem Festival in Brüssel, und da dachte ich, es sei durchaus einmal Zeit für eine Veränderung. Man will ja nicht sein Leben lang bei einem Projekt bleiben, obwohl es mir natürlich sehr lieb und teuer und fast schon in meine DNA übergegangen war. Aber dann kam dieses attraktive Angebot in dieser tollen Stadt, und da war mir klar: Das ist die Chance, etwas Neues zu probieren.

Wie unterscheidet sich denn das Kunstenfestivaldesarts von den Wiener Festwochen, von der Größe und von der Ausrichtung her?
Christophe Slagmuylder: Von der Ausrichtung her ist es nicht unähnlich, aber natürlich mit viel weniger Budget. Ich hatte schon öfter mit den Festwochen kooperiert, auch weil es ungefähr zur gleichen Zeit stattfindet, im Mai und Juni. Es ist kürzer, nämlich drei Wochen, hier in Wien sind es fünf Wochen. Und es ist wahrscheinlich ein bisschen avantgardistischer als die Festwochen. Von daher war ich auch ein bisschen überrascht, dass man mich gefragt hat. Ich komme aus keiner großen Institution, und Dinge wie Musiktheater oder Oper, das ist nicht unbedingt mein Feld. Mein Fokus liegt eher darauf, verschiedene Kunstsparten miteinander zu verschmelzen. Aber ich freue mich auf die Herausforderung. Die Festwochen sind ein Festival mit einer großen und langen Geschichte, aber ich habe auch das Gefühl, es braucht eine gewisse Transformation in Richtung Zukunft.

Sie hatten aber einen anderen Job, den Sie eigentlich antreten sollten, sind also offensichtlich ein sehr gefragter Mann.
Christophe Slagmuylder: Ja, ich war für Düsseldorf vorgesehen, aber der Vertrag war noch nicht unterschrieben. Das war natürlich ein bisschen haarig, wenn man schon zugesagt hat, aber wir haben das sehr freundschaftlich geklärt, und natürlich war Wien eine große Herausforderung, der ich mich stellen wollte.

Welche Funktion haben die Festwochen in einer Stadt, die Tag für Tag ein (Über-)Angebot an Kultur in allen ihren Ausprägungen bereithält?
Christophe Slagmuylder: Das sehe ich nicht ganz so, in dieser Hinsicht ist Brüssel wahrscheinlich fortschrittlicher, jedenfalls was die Internationalität betrifft. Man muss differenzieren, natürlich gibt es Tanz, Performance usw., aber zum Beispiel auf dem Gebiet des Theaters gibt es hier vor allem Deutschsprachiges. Da ist so ein Festival wichtig, um auch Neues, Anderes zu präsentieren. Wien ist doch sehr mit seiner Vergangenheit beschäftigt, mit Klimt, Schiele, Kokoschka – die ich natürlich sehr schätze –, ebenso im Bereich der klassischen Musik.

Das liegt vielleicht daran, dass der Wien-Tourismus sehr stark mit diesen Dingen verknüpft ist.
Christophe Slagmuylder: Ja, sicher. Das Image der Stadt fokussiert sehr stark auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das ist das Momentum der Stadt. Also, ich denke, da kann man noch viel gestalten, und das ist für mich sehr motivierend.

Die Wiener Festwochen stammen ja aus einer Zeit, als noch nicht alles verfügbar war. Heute kann man jedoch zumindest informierte Besucherinnen und Besucher kaum noch mit etwas überraschen, weil man alles im Internet abfragen kann. Wie sehen Sie das?
Christophe Slagmuylder: Ich glaube, es geht heute um etwas Anderes, nicht bloß darum, etwas zu produzieren und zu präsentieren, das allein ist nicht so spannend. Heute ist es unsere Aufgabe, in der Kunst einen Raum zur Begegnung zu schaffen, einen lebendigen Ort des Austauschs, das wird immer wichtiger. Das habe ich auch in Brüssel so erlebt. Darum sind mir Workshops so wichtig, Gespräche, Wissensaustausch, da kann ein Festival sehr viel machen. Auch für die Künstlerinnen und Künstler wird das immer wichtiger. Zum Beispiel Béla Tarr, der hier sein neues Projekt zeigt: Für ihn geht es um mehr, als bloß Bilder zu erschaffen, er will mit den Leuten in Kontakt treten, wie es nun einmal eine Live-Aufführung besser kann als eine Filmvorführung. Gleiches gilt für Ausstellungen oder auch Performances: Die lebendige Erfahrung wird einfach immer bedeutender, und es gibt von künstlerischer Seite eine große Sehnsucht danach.

Was versprechen Sie sich von den „Festwochen in der Donaustadt“? Ähnliche Ansätze, Kultur zu dezentralisieren, sind ja immer wieder gescheitert (nicht nur in Wien), weil die Bevölkerung nichts damit anfangen konnte.
Christophe Slagmuylder: Ich habe keine Erfahrung damit, ob das in Wien funktioniert. Aber natürlich muss man es probieren. Ich komme gerade von einer Konferenz in Berlin, da ging es um europäische Werte und um die Europa-Wahlen, und natürlich ist es wichtig, darüber zu reflektieren, welche Rolle Kunst und Kultur dabei spielen können und sollen. Also: Man soll das probieren, und auch hier sehe ich einen Wunsch von künstlerischer Seite, partizipative Projekte zu machen, direkt mit den Menschen, die sonst mit Kunst nicht so sehr in Berührung kommen. Sie wollen nicht immer nur für die Bühne inszenieren, sondern auch mit den Menschen in Kontakt treten. Sie wollen dorthin, wo die Leute sind, wo sie leben. Es geht auch darum, ein zukünftiges Publikum anzusprechen. Die Festwochen sind ein Festival für Wien, und Wien besteht ja nicht nur aus dem Zentrum oder dem Rathausplatz. Aber natürlich weiß ich nicht, wie das Eröffnungswochenende in der Donaustadt funktionieren wird.

Es sind auch nicht gerade einfache Projekte, die Sie dort platziert haben.
Christophe Slagmuylder: Ja, aber doch Projekte, die ein Mitmachen der Menschen vor Ort ermöglichen. Es gibt dort das Donauzentrum, ein großes Einkaufszentrum, es gibt die Vienna International School mit 800 Studierenden gleich bei der Erste-Bank-Halle, also da gibt es Potenzial. Und es ist ein rasch wachsender Bezirk. Derzeit gibt es nicht allzu viele kulturelle Orte dort, außer der Volkshochschule – aber ist es spannend, dort hinzugehen? Für mich ist es auch eine Art Zusatzprogramm zur Eröffnung am Rathausplatz, die eher traditionell ist und auch für das Fernsehen funktionieren soll. Vielleicht werden wir scheitern, aber versuchen will ich es auf jeden Fall.

Wollen Sie dann in den nächsten Jahren andere Bezirke erforschen?
Christophe Slagmuylder: Ja, ich weiß noch nicht genau, wie und wo, aber das ist schon mein Plan. Das heißt aber nicht, dass die Donaustadt nicht mehr vorkommt. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass das dann abgehakt und nicht mehr interessant ist. Natürlich ist so ein Festival ein Event, das einmal im Jahr stattfindet, aber ich möchte schon überlegen, wie man eine Art Kontinuität schaffen kann, wie man ein Publikum gewinnen und „bei sich“ behalten kann.

Es gibt viel mehr Schauplätze als früher bei den Festwochen. Wird das Festival dadurch nicht sehr unübersichtlich?
Christophe Slagmuylder: Ja, es sind 27 Spielstätten. Aber wie gesagt, ich sehe die Festwochen als Festival für die ganze Stadt und nicht nur für große Institutionen im Zentrum. Das ist meine enthusiastische Sicht jetzt, mal sehen, wie ich nach den Festwochen denke. (Lacht.)

Es fällt auf, dass ziemlich viele Projekte („Corbeaux“, „aCORdo“, „Apart-ment“, „Fever Room“, „Five Days in March“, „Bergman in Uganda“) gar nicht neu sind bzw. schon bei Ihrem Festival in Belgien präsentiert wurden. Wieso haben Sie diese dennoch ins Programm aufgenommen?
Christophe Slagmuylder: Sie müssen bedenken: Ich kam im September 2018 nach Wien, und das Programm musste vor Weihnachten stehen, also hatte ich etwas mehr als drei Monate zur Verfügung. Man kann da keine Wunder wirken. Also musste ich mich auf Künstler und Projekte verlassen, die ich bereits kannte. Natürlich gibt man gerne neue Projekte in Auftrag, wie eben das von Béla Tarr, und wir haben auch fünf, sechs ganz neue Arbeiten, aber in der kurzen Zeit war einfach nicht mehr möglich. Aber das Programm ist für mich auch eine Visitkarte für das, was ich in den nächsten fünf Jahren machen will. Diese „alten“ Dinge wurden noch nie in Wien gezeigt, und es sind alles Künstler, mit denen ich auch in Zukunft arbeiten will, also ist das auch ein guter Weg, um sie hier dem Publikum zu präsentieren.

Apichatpong Weerasethakuls „Fever Room“ haben Sie 2016 in Brüssel koproduziert …
Christophe Slagmuylder: Ja, das ist ein gutes Beispiel. Das ist so eine faszinierende Arbeit, warum sollte man die nicht zeigen, sie war ja noch nie in Wien. Und ich will mit ihm auch ein neues Projekt machen.

Verändert sich „Fever Room“ eigentlich je nach Location?
Christophe Slagmuylder: Nun, er nimmt immer wieder kleine Anpassungen vor, er liebt einfach die Arbeit vor Ort, aber im Grunde verändert es sich jetzt nicht mehr so viel. Er sagt ja selbst, was ihn daran fasziniert: Wenn er einen Film fertig geschnitten hat, dann war es das, das ist endültig. Bei so einer Live-Sache kann er immer etwas nachjustieren, wenn er findet, etwas ist zu lang oder zu kurz.

Sie gelten als sehr filminteressiert, das spiegelt sich ja auch in Ihrem Programm. Welches sind denn Ihre Favoriten, was begeistert Sie?
Christophe Slagmuylder:
Ach, so vieles. Filmemacher sind für mich sehr sehr komplexe Künstler. Sie verstehen vom Erzählen etwas, von der Montage, von Zeit und Raum, sie können Charaktere entwerfen usw. Als ich jung war, faszinierte mich zum Beispiel das italienische Kino, Antonioni im Speziellen. Ich liebe asiatisches Kino, Apichatpong Weerasethakul oder Tsai Ming-liang, mit denen ich auch das Glück hatte zu arbeiten, oder das iranische Kino, das ich wirklich großartig finde. Kino ist dort so ein wichtiger Bestandteil der Kultur und des Lebens, unglaublich. Und weil es ja immer schwieriger wird, Filme zu finanzieren und zu produzieren, interessieren sich auch immer mehr Filmemacher für Live-Projekte. Ich habe mit Abbas Kiarostami gearbeitet, es war ganz wundervoll. Diese Leute sind einfach so kompetent in
allem, was sie tun.

Wie ist es Ihnen denn gelungen, Béla Tarr nach Wien zu holen, der ja eigentlich keine Filme mehr machen wollte?
Christophe Slagmuylder: Er war letztes Jahr in Brüssel, um Workshops abzuhalten. Wir lernten einander ganz gut kennen, weil er fast einen Monat da war, und schauten auch mehrere Orte an, um ein Projekt für ihn zu finden. Dann ging ich nach Wien und lud ihn ein, hier etwas zu machen, allein schon wegen der langen gemeinsamen Geschichte zwischen Österreich und Ungarn. Und er meinte, ja, er sei interessiert, in Wien etwas zu machen, etwas ganz Anderes als sonst, etwas zwischen Kino, Performance und Musik. Zuerst sollten es nur 20 Minuten werden, aber inzwischen hat er sich so hineingetigert – ich bin schon sehr gespannt, was daraus wird.

Hatten Sie jemals mit den Dardenne-Brüdern zu tun? Es wäre doch naheliegend und spannend, mit ihnen einmal so ein Projekt zu entwickeln.
Christophe Slagmuylder: Gute Frage! Ja, ich habe es versucht, aber sie sagen klipp und klar: „Nein, wir machen Filme, das ist das, was wir können und uns interessiert.“ Sie hatten schon mehrere Angebote, eine Oper zu inszenieren, haben aber immer abgelehnt. Das ist okay, solange sie weiter so großartige Filme machen.