Die interessantesten Zukunftsszenarien erzählen von der Komplexität der Gegenwart. So auch das kolonisierte Sonnensystem in „The Expanse“.
Man muss sich das einmal vorstellen. Im 23. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hat die Menschheit den Mars zivilisiert und begonnen, die verstreuten Steine des Sonnensystems nach Rohstoffen abzuklopfen. Die auf der Erde verbliebenen, mittlerweile 30 Milliarden Menschen leben offenbar in ökonomisch weitgehend abgesichertem Wohlgefallen; die menschlichen Marsianer („Martians“) sind deutlich in der Minderheit, haben sich jedoch – quasi dem Namenspatron ihres unwirtlichen Heimatplaneten gemäß – zu straff disziplinierten Kadern formiert, denen das Laissez-faire der Erdlinge („Earthers“) gegen den Strich geht. Dementsprechend droht ständig Krieg zwischen Erde und Mars.
Als Sündenböcke dafür werden regelmäßig die Bewohner eines Asteroidengürtels („Belters“) ausfindig gemacht bzw. die jeweiligen Köpfe der Outer Planets Alliance (OPA), in welcher die einen eine Bürgerbewegung sehen, die anderen ein Terrornetzwerk und die meisten zwischen diesen beiden ohnehin keinen Unterschied erkennen wollen. Nur ist die Sache dieses Mal um einen Bio-Hazard gefährlicher als sonst: Es hat den Anschein, dass eine neuartige Massenvernichtungswaffe getestet wird, was den ohnehin niedrigen Humanitätsstandard in der Gürtelarbeiterregion auf null senken würde. Eine Raumstation auf dem erdähnlichen Asteroiden Eros nämlich – der die Form einer rund 35 Kilometer langen Kartoffel hat – degeneriert gegen Ende der ersten Season von The Expanse zum grausigen Testlabor mit 100.000 dahinsiechenden menschlichen Versuchstieren.
Das Biogenetik-Unternehmen Protogen, Tochter eines Mischkonzerns, der das halbe Sonnensystem bewirtschaftet, hat sich Eros für sein „Protomolekül“-Experiment erkoren. Das ist so gnadenlos wie logisch: Einst eine der ersten Anlaufstationen für die serientitelgebende Expansion der Menschen ins Weltall, einst blühender Handelsplatz, auf dessen Docks Wasserschlepper, Gasfrachter und Ausflugsschiffe Station machten, war Eros zuletzt zur Glücksspiel- und Rotlichtmeile des Gürtels verkommen. Mit Prostituierten, Freiern, Spielsüchtigen und Exilierten kann man es ja machen, dachte sich wohl der mächtige Boss von Protogen.
Konzentration und Transzendenz
Während des vermeintlichen Biowaffen-Showdowns treffen auf Eros zwei Hauptfiguren aufeinander. Jim Holden (Steven Strait), Einzelkind von acht Eltern, deren Genome künstlich kombiniert wurden, ist ein unehrenhaft von den Marines der Vereinten Nationen entlassener Flugkapitän. Nach der Zerbombung seines Eisfrachters Canterbury will er Gerechtigkeit für die getötete Besatzung und also die Schuldigen dingfest machen, gerät aber mit seiner verbliebenen Kern-Crew immer mehr in die Bredouille. Joe Miller (Thomas Jane) wiederum, niederer Polizist mit Private-Security-Erfahrung und cooler Western-Attitüde, hat zum ersten Mal seine Heimatstation auf dem planetoiden Gürtelhauptort Ceres verlassen, um auf Eros Julie Mao zu finden. Julie (Florence Faivre) ist für Miller sowohl Auftragszielobjekt als auch Love Interest. Während Holden und Miller nun ihre bislang dürftigen Ermittlungsergebnisse teilen, könnte es für Julie, die rebellische Tochter des oben erwähnten Konzernchefs, schon zu spät sein. Oder vielleicht auch nicht, aber das wird sich ebenso erst im Verlauf der zweiten Season entfalten wie der Verdacht, das Ganze könnte mit einer Weltallverschwörung oder gar mit einer außerirdischen Lebensform zu tun haben. Auf der Erde versucht indes Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo), eine Art graue Eminenz der Vereinten Nationen, mit machiavellistisch geschulten Mitteln den Weltraumkrieg zu verhindern.
So viel zu Handlung und Hauptfiguren von The Expanse. Es wäre ein Schwall ins All, die teils nicht unkomplizierten, aber stets geschickt ineinander verwobenen Handlungsstränge der bislang drei Seasons umfassenden Serie (eine vierte will Amazon Prime Ende 2019 veröffentlichen) detailliert aufzudröseln; wer sich für Plotlines, Inhaltsangaben und ausführliche Figurenprofile interessiert, findet im Web schier Unendliches. Erwähnt sei vielmehr, dass es eine gewisse Konzentration erfordert, um sich in diesem Universum zurechtzufinden – wobei das Mitdenken unbedingt lohnt. Denn The Expanse erzählt, wie die meisten brauchbaren Epen der Science-Fiction, weniger von einer fernen Zukunft des Menschen als von seinem oft kurzsichtigen Denken und impulsiven Handeln in der jeweiligen Gegenwart. Und ganz zu ihrem Mehrwert erzählt die Serie auch von sozialer Regression in Zeiten rasenden technischen Fortschritts, von den Krisen des Spätkapitalismus oder von Göttern der Wissenschaft, bei denen es sich im Grunde um Glücksspieler handelt. Keiner weiß, ob eine Körper-Transzendenz des Bewusstseins nicht für immer ein Gedankenspiel bleiben wird. Aber es macht Spaß, einem zusammengewürfelten Haufen kantiger Charaktere dabei zuzusehen, sich strapaziös und gefahrvoll an der entsprechenden Recherche abzuarbeiten.
Komplexität und Konsistenz
Erdacht wurde The Expanse von James S.A. Corey (hinter dem Pseudonym stehen die Autoren Daniel Abraham und Ty Franck), für den Bildschirm adaptiert wurde die Serie ursprünglich im Auftrag des US-Kabelkanals Syfy (von dem nicht zufällig auch das Remake von Battlestar Galactica stammt), nämlich von Mark Fergus und Hawk Ostby. Die beiden haben u.a. den dystopischen Thriller Children of Men (2006) und den ersten Iron Man (2008) geschrieben, was bereits die Bandbreite absteckt, in der sie sich bewegen. Mit ihrem Kreativteam haben sie es geschafft, bekannte Elemente von Weltraumerzählungen mit innovativer Gravitäts- bzw. Kommunikationstechnologie und einem Kolonisierungsszenario so abzumischen, dass eigenständige „Hard Sci-Fi“ dabei herausgekommen ist.
Trotz vergleichbarer Bändigung stetig ausufernden Personals, das in einprägsamen Strichen detailfreudig gezeichnet ist: Viel mehr als mit Game of Thrones, welche manchen Kritikern und Branchenkolleginnen derzeit halt stark präsent ist, hat The Expanse mit Battlestar Galactica (2004–2009) zu tun: in ihrer narrativen Komplexität und Konsistenz, im Gehalt ihrer sozialen Subversion, in ihrem mitunter sardonischen Witz, in der Idee des Nation Building im Weltraum, in der überraschenden Widersprüchlichkeit einiger und in der Charaktertiefe anderer Figuren, vor allem aber auch in der Zwangsläufigkeit der Differenz von theoretischem Ideal und notwendiger Praxis, mithin in ihrer für eine Weltraumoper erstaunlichen Vielschichtigkeit.
Nicht unerwähnt bleiben soll eine weitere Parallele zum in dieser Hinsicht äußerst fortschrittlichen Vorgänger Battlestar Galactica, nämlich der hohe Frauenanteil, gerade in Bereichen, in denen Frauenanteile oft niedrig gehalten sind: Hier treten sie als loyale Schiffskommandantin, schneidige Kämpferin, Rebellin oder altgediente Diplomatin auf und machen jeweils ausgezeichnete Figur dabei. Ja, und welche Wischdimensionen ungeahnte Benutzeroberflächen von Smartphones in ein paar Jahrzehnten – oder in ein paar Jahren? – erreichen werden, sieht man auch in The Expanse. Denn: Alles Mögliche drängt sich zur Verwirklichung. Man muss es sich nur einmal vorstellen.
