Champions of the ordinary

| Roman Scheiber |

Charmante US-Midlife-Crisis-Dramedy: „Togetherness“. Jetzt auf Sky.

Ein Quartett von Late-Thirty-Something-Nobodies lernen wir hier kennen. Alle vier haben einen mehr oder minder angeknacksten Selbstwert. Alle vier hätten gern mehr Kontrolle über das eigene Leben, als dieses Leben in der Stadt der Engel ihnen zugestehen will. Sounddesigner Brett hat keine Lust mehr, sich von seinem Boss herumkommandieren zu lassen. Wortreich erklärt er, dass und warum er etwas ganz gewiss nicht tun wird – nur um es dann doch zu tun. Bretts Ehefrau Michelle ist unzufrieden, weiß aber nicht so recht, warum. Sie würde die Dinge gern in die Hand nehmen, doch dann entgleiten sie ihr. Michelles leicht überkandidelte Schwester Tina hat Angst, keinen Mann mehr abzukriegen. Womöglich nicht ganz zu unrecht, denn sie mischt sich unbotmäßig in das Leben der sie umgebenden Menschen ein, zum Beispiel auch in jenes von Alex. Alex ist ein arbeitsloser Schauspieler, der nach der Zwangsräumung seiner Wohnung bei seinem alten Kumpel Brett und dessen Familie untergekommen ist – „a beached whale“, ein gestrandeter Wal, wie Michelle ihn einmal durchaus liebevoll gegenüber Tina nennt. Man müsse warten, bis die Flut kommt und ihn sanft wieder ins Leben zurückspült.

Für so etwas hat Tina (Amanda Peet wirkt in dieser Rolle selten authentisch) schlicht keine Zeit. Selbst wieder einmal gestrandet, ernennt sie sich spontan zur Fitnesstrainerin und schleift den etwas pummeligen Alex (Co-Creator Steve Zissis) zum Workout. Während diese beiden sich nach und nach anfreunden – befeuert durch Tinas miserablen Männergeschmack, der sie stets in suboptimale Bettgeschichten geraten lässt – scheint die zehnjährige Partnerschaft von Brett (Co-Creator Mark Duplass) und Michelle (entzückend normal: Melanie Lynskey), die zwei Kleinkinder haben, brüchig geworden zu sein. Unbeholfene Versuche, das eingeschlafene Sexleben auf Touren zu bringen, scheitern auf so dramatische wie für das Publikum vergnügliche Weise. Dabei wird kein Blatt vor den Mund und nur ein kleines vor die Kamera genommen. Nicht zuletzt in diesen Szenen zeigen sich die Stärken dieser kleinen „Familien“-Serie, die bei der US-amerikanischen Fernsehkritik zurecht sehr gut angekommen ist: erfrischend organisches Schauspiel, welches auf vitalen Dialogen, differenzierten Beziehungen zwischen den vier Hauptfiguren und sanft versponnenen Alltagsepisoden beruht.

Togetherness takes Jay & Mark Duplass from Mumblecore to Normcore (in the best way possible)“, schrieb „Indiewire“ sehr treffend über das TV-Regiedebüt des Comedy-Actor-Director-Gespanns. Die Brüder Duplass verstehen es außergewöhnlich gut, dem Gewöhnlichen das Überraschende abzutrotzen. Ohne große formale Verspieltheit (eingestreute Jump Cuts bei Tinas Training für Alex oder die obligate triumphale Verlangsamung nach einem gewonnenen Wiesenspiel der ganzen Mischpoche sind umso effektivere Ausnahmen) erhält Togetherness dadurch eine Lebendigkeit, die den meisten stilisierteren zeitgenössischen US-Serien abgeht. Wer in Zielgruppen denkt: eine Art Girls für tendenziell desillusionierte, mittelalte Mittelständler, mit oder ohne eigene Familie.

HBO hat erfreulicherweise bereits eine zweite Season in Auftrag gegeben. Einer der Höhepunkte der ersten ist die siebente von acht knapp halbstündigen Episoden, in der Brett mit der esoterischen Linda (Mary Steenburgen) auf einen Schwammerl-Trip geht. Indes droht Michelle sich in einen supernetten Community-School-Gründer (John Ortiz) zu verlieben. Der ganz normale Wahnsinn schleicht sich ein in die zur Quasi-Kommune erweiterte Vorstadtfamilie, und dabei sind autobiografische Einflüsse ganz offensichtlich. Togetherness hält souverän die Balance zwischen Komödie und Drama, zwischen Alltag und Alltags-Abenteuer, zwischen natürlichem und dosiert künstlichem Aroma. Sogar Gaststar Peter Gallagher als Hollywood-Produzent strahlt eine ungewöhnliche Natürlichkeit aus. Da haben ein paar Leute einfach geschrieben, inszeniert und gespielt, was sie in ihrem eigenen Leben und in ihrem Umfeld erlebt haben. Warum geht so etwas eigentlich nicht in Österreich? Geht es nach der hiesigen Erfolgsformel, gibt es offenbar nur verrückte Vorstadtweiber, aus deren Mündern leblose Schriftsatz-Wuchteln tönen.