CHERNOBYL Stellan Skarsgard

Serie | Chernobyl | Interview

Der Fehler im System

| Pamela Jahn |
Nach der Katastrophe von Tschernobyl war die Welt eine andere. Wie es zu dem Reaktorunfall kam, was getan und was vertuscht wurde, um das verheerende Ausmaß des Reaktorunfalls in Grenzen zu halten, davon erzählt „Chernobyl“ – eine Miniserie auf Sky mit Stellan Skarsgård in seiner zweiten großen Fernsehrolle. Ein Gespräch mit dem großen schwedischen Schauspieler über schmerzliche Einsichten, Wahrheitsverschiebungen und die Vorteile dichter Augenbrauen in der Totalen.

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl steht für ein großes Versagen der Menschheit. Konkret: Für das Versagen einer Regierung, einer Ideologie, einer Politik, die sich dafür entschied, ihre Fassade der Unfehlbarkeit dem Schutz und der Rettung seiner Bevölkerung vorzuziehen. Mit verheerenden Folgen. Erst Jahre später erfuhren die Menschen in der Sowjetunion nach und nach die wahren Ausmaße des Unglücks, nachdem Wissenschafter aus Minsk und Kiew entgegen Moskauer Vorgaben selbständig Messungen in den verstrahlten Regionen durchgeführt und die erschreckenden Ergebnisse veröffentlicht hatten. In Weißrussland und der Ukraine, jenen Ländern, die am stärksten betroffen waren, herrschte lange Zeit eine völlige Informationssperre. Bis heute liegt die offizielle Zahl der Toten, die bei dem Super-Gau am 26. April 1986 ums Leben gekommen sind, seitens der russischen Regierung bei 31 – die Bilanz ist endgültig.

Chernobyl, das erste Ergebnis einer neuen Serien-Kooperation zwischen Sky und HBO, erzählt von dem Reaktorunfall und seinen Folgen aus der Perspektive des sowjetischen Atomphysikers Valery Legasov (Jared Harris), der vom Kreml als offizieller Berater hinzugezogen wird, als die ersten Berichte über den Reaktorunfall Moskau alarmieren. Gemeinsam mit Boris Shcherbina (Stellan Skarsgård), dem Leiter der Regierungskommission für Tschernobyl, soll er die Situation in der Ukraine wieder unter Kontrolle bringen. Im Krisengebiet treffen sie auf Ulana Khomyuk (Emily Watson), eine weitere engagierte Atomphysikerin aus Minsk. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, herauszufinden, was genau zum Super-Gau führte. Neben den wissenschaftlichen Hintergründen, die hier mit viel gesundem Aufklärungswillen und Liebe fürs Detail offenbart werden, steht vor allem eines im Mittelpunkt der Geschichte: Die Menschen, ihre Schicksale und nicht zuletzt die Opfer, die sie im Nachspiel der Katastrophe bringen mussten.

 


 

Herr Skarsgård, wo waren Sie am 26. April 1986?

Stellan Skarsgård: Ich war in Stockholm. Nachdem damals die ersten erhöhten Messwerte im Atomkraftwerk Forsmark festgestellt wurden, man einen Fehler dort aber ausschließen konnte, dachten alle zunächst an Harrisburg. Aber schon bald stand fest, dass der Grund für die erhöhte Radioaktivität Tschernobyl sein musste.

 

Gelungen an der Serie ist unter anderem, wie hier Fachwissen über die Hintergründe einer Katastrophe vermittelt wird, ohne dass es jemals trocken wird. Hat die Arbeit an der Serie auch Ihr persönliches Interesse an Wissenschaft und Forschung im Allgemeinen erhöht?

Stellan Skarsgård: Nein. Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie die Dinge funktionieren. Aber noch mehr interessiert es mich, wie Menschen, wie politische Systeme funktionieren. Natürlich musste ich in der Vorbereitung auf meine Rolle auch lernen, wie ein Atomreaktor aufgebaut ist. Doch damit war‘s ja nicht getan. Ich konzentrierte mich darauf, die politische Situation in der Sowjetunion genauer unter die Lupe zu nehmen. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich am Ende für mich gewonnen habe: Nämlich dass immer, wenn man es mit einer angeblich unumstößlichen Ideologie zu tun hat – sei es nun der Kommunismus oder irgendeine Religion oder was weiß ich – und man sich der Unfehlbarkeit dieser Weltanschauung verschreibt, man im Grunde keine andere Wahl hat, als zum Lügner zu werden. Denn absolut alles, was die Aufrechterhaltung des Glaubens an die Sache gefährden würde, muss zwangsläufig und gegen alle Vernunft unterdrückt werden. Und dann wird’s gefährlich. Ich denke, in einer Zeit, in der die Menschen immer weniger Vertrauen in die Forschung, in Wissen und in Wahrheit setzen, muss man sich diese Tatsache immer wieder vor Augen führen.

 

Sie spielen den stellvertretenden sowjetischen Premierminister Boris Shcherbina, der vom Kreml beauftragt wird, die Untersuchungen zu leiten und die Lage in Tschernobyl wieder in den Griff zu bekommen. Wie würden Sie seine Motivation und seine Stellung im politischen Machtsystem beschreiben?

Stellan Skarsgård: Er ist einer der höchsten Minister in der Sowjetunion. Er hat sein Leben damit verbracht, das kommunistische System zu schützen und zu verteidigen, komme was wolle. Und natürlich musste er auch Kompromisse eingehen, um als Politiker zu überleben. Doch nach der Katastrophe sieht er sich plötzlich mit dem Kernphysiker Legasov konfrontiert. Nicht nur mit dem Wissen, das der ihm an den Kopf wirft, sondern mit der blanken Wahrheit darüber, was da in Tschernobyl unmittelbar nach dem Gau vor sich geht, und was passieren muss, um die Situation irgendwie wieder unter Kontrolle zu bekommen. Zwangsläufig akzeptiert er die Autorität des Experten. Er sieht ein, dass er unrecht hatte. Und mehr noch: Er erkennt die Fehler im System. Ihm wird klar, dass es in erster Linie das System ist, das die Katastrophe verschuldet und zu verantworten hat. Und zwar nicht nur den Reaktorunfall an sich, sondern das ganze Ausmaß, die anfänglichen Vertuschungsversuche, die Falschinformationen an die Bevölkerung, einfach alles.

 

Es gibt einen entscheidenden Moment, wenn Sie mit Legasov im Helikopter sitzen und über den offenen Reaktor fliegen. In dem Augenblick scheint sich Ihre Haltung gegenüber dem Wissenschafter zu ändern.

Stellan Skarsgård: Ja, wobei es ein eher schleichender Wendepunkt ist. Er versucht die Untersuchung zunächst mit eiserner Faust zu leiten, wie er es gelernt hat, bis er sich irgendwann eingesteht, dass er unrecht hatte, und allmählich immer häufiger Legasov die Entscheidungen treffen lässt.

 

Wie gut sind Sie eigentlich persönlich darin, eigene Fehler zu erkennen und zu akzeptieren?

Stellan Skarsgård: Es ist schmerzhaft, aber es geht. Was weh tut ist allerdings weniger der Prozess des Akzeptierens als die Tatsache, dass ich falsch lag.

 

Inwieweit haben Sie sich mit dem echten Boris Shcherbina auseinandergesetzt, um die Rolle zu spielen?

Stellan Skarsgård: Nicht viel. Shcherbina starb 1990 und es gab kaum Informationen über ihn, zumindest keine, die mir zugänglich waren. Aber das war auch gut so. Ich hätte mich höchstwahrscheinlich sowieso nicht daran orientiert, denn mir kam es in erster Linie darauf an, eine Figur zu schaffen, die der Geschichte dient. Und wie alle Persönlichkeiten, die man in Biopics oder in Filmen sieht, die auf wahren Begebenheiten beruhen, ist auch Shcherbina reine Fiktion. Denken Sie zum Beispiel an Dick Cheney in Vice. Alles in dem Film beruht auf Tatsachen, die Handlung, die Dialoge, und trotzdem ist der Mann, den man auf der Leinwand sieht, nicht Dick Cheney. Nur wenn man mit dieser Gewissheit an die Sache herangeht, kann man als Schauspieler mit einer Figur arbeiten, die einer realen Person entspricht. Nur so wird man glaubwürdig.

 

Hilft die äußerliche Verwandlung, sich in eine Figur hineinzuversetzen? Ihre Haare, zum Beispiel, sind hier ziemlich beeindruckend.

Stellan Skarsgård: Ich hatte eine Perücke. Und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich richtig gute Augenbrauen. Bei mir persönlich wächst ja nichts mehr, deshalb fühlt es sich toll an, endlich wieder Brauen zu haben, wenn auch nur gefälschte. Die waren aus Eichhörnchenfell, das auf einem extrem dünnen Streifen Plastik befestigt und über meine Augen geklebt war. Es war fantastisch. Denn plötzlich konnte man selbst in einer Totalen sehen, wenn ich verärgert war. Normalerweise sieht man bei mir aus der Entfernung gar nichts, da muss immer ein Close-up her. Aber diesmal nicht. Leider hielten die Dinger immer nur einen Tag. Aber ganz ehrlich, was würde ich für solche Augenbrauen geben!

 

Sie müssen in Ihrer Rolle als Leiter der Untersuchungskommission einige Überzeugungsarbeit leisten. Dazu gehört auch eine ergreifende Rede übers Opferbringen, mit der Sie drei Männer dazu zu bewegen versuchen, ihr Leben zu riskieren.

Stellan Skarsgård: Ja, keine leichte Szene. Wir haben ein paar verschiedene Versionen gedreht. Einmal bin ich aufgetreten wie ein russischer Bär, aber das ging total nach hinten los. Deshalb haben wir uns letztlich für eine eher mildere Variante entschieden. Energisch, überzeugend, aber nicht gebieterisch.

 

Denken Sie, es wäre heutzutage immer noch möglich, eine Katastrophe wie die von Tschernobyl auf ähnliche Weise zu vertuschen?

Stellan Skarsgård: Wie in Nordkorea, zum Beispiel? Ja. Und überhaupt stehen Taktiken wie das Verschweigen von Wahrheiten, das Zurückhalten von Informationen, das Verdrehen von Tatsachen sowie das Vertuschen von Fakten in der Politik heute höher im Kurs denn je. Sie müssen doch nur nach Amerika schauen. Trump ist ein Meister darin, bei allem, was er sagt, den Fokus zu verschieben. Er tut nichts anderes und die Leute lassen es einfach zu. Ein anderes Beispiel ist Fukushima. Dabei handelte es sich vielleicht weniger um eine Vertuschungsaktion wie das in Tschernobyl der Fall war, aber auch dort wurden im Umgang mit der Katastrophe eine Menge Fehler begangen, die eigentlich nicht hätten passieren dürfen.

 

Sind Sie persönlich für oder gegen Atomkraftwerke?

Stellan Skarsgård: 1980 gab es in Schweden eine Volksabstimmung zur Kernenergie. Damals habe ich dagegen gestimmt. Heute ist die Welt jedoch in einem viel schlimmeren Zustand als noch vor 30 Jahren und die Frage scheint mir eher zu sein, woran wir zuerst sterben wollen: Kernenergie, Kohlenstoff, Plastik – es gibt mittlerweile endlos viele Wege, uns selbst zu vernichten. Und wenn wir schon elektronische Autos haben, dann sollten wir die Energie dafür vielleicht nicht ausgerechnet aus Kohlekraftwerken beziehen, denn das macht letztendlich keinen Sinn, oder? Das heißt, wir müssen entweder Kompromisse eingehen oder schnellstmöglich und intensiv nach alternativen Wegen zur Energiegewinnung forschen. Bis es soweit ist, wird es die Kernenergie geben und damit das Risiko, dass es erneut zu einer Katastrophe kommt.

 

Chernobyl ist nach River die zweite große TV-Serie, in der Sie mitwirken. Liegt es an mangelnden Angeboten, dass Sie nicht öfter international fürs Fernsehen arbeiten? Oder stehen Sie dem Medium grundsätzlich eher skeptisch gegenüber?

Stellan Skarsgård: Als ich mit der Schauspielerei anfing, waren die Grenzen noch ganz klar abgesteckt. Wer als Darsteller was auf sich hielt, arbeitete nicht fürs Fernsehen. Und tat man es doch, hatte man beim Film keine Chance mehr. Aber das war zu einer Zeit, als es noch jede Menge Filme gab. Filme mit mittlerem Budget, die charaktergesteuert waren, und bei denen die besten Schauspieler, die besten Drehbuchautoren und die besten Regisseure mitwirkten. Die gibt es heute leider nicht mehr, weil das Kino sich komplett dem Blockbuster-System verschrieben hat. Was übrig bleibt, sind die kleinen Festival-Filme, die es lediglich mit viel Glück und Subventionen in ein paar übrig gebliebene, ums Überleben kämpfende Arthouse-Kinos schaffen. Und alle Talente, die früher anspruchsvolle Kinofilme gedreht haben, sind über die Jahre ins Fernsehen abgewandert. Deshalb bekommt man gute Geschichten, gespielt von tollen Schauspielern und inszeniert von hervorragenden Regisseuren, jetzt im Kleinformat zu sehen. Das hat rein künstlerisch natürlich auch enorme Vorteile, weil man nicht mehr auf das klassische Zweistundenformat angewiesen ist. Außerdem ist mehr Geld für mehr Stoffe und damit ultimativ für mehr Produktionen da, was in letzter Zeit zu einer Art Overkill an Content geführt hat. Aber auch das wird sich wieder legen, denn irgendwann werden die Geldgeber sich nur noch auf die Sachen konzentrieren, die auch wirklich Profit abwerfen. Die Abenteuerlust wird ihnen vergehen, was bedeutet, dass auch das Fernsehen wieder überschaulicher und berechenbarer werden wird. Aber bis dahin dauert es hoffentlich noch eine Weile. Denn es stimmt schon, ich habe bisher erst zwei internationale Serien gemacht, aber beide sind einzigartig und von ihrem Stil her völlig verschieden. Solange der Anspruch so bleibt, bin ich für alles offen.