Das Herz ist ein einsamer Jäger in dieser prächtigen Augenweide von einem Neo-Western.
Eine Stimme erzählt uns die Geschichte von Jay (Kodi Smit-McPhee), einem liebestrunkenen schottischen Teenager, der sich auf den Weg durch den Westen Amerikas macht, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe, einem Mädchen namens Rose, das mit ihrem Vater in die Neue Welt geflohen ist. Das Jahr ist 1870. Unvorbereitet für jedwede Gefahren, begegnet Jay in einem niedergebrannten Indianerdorf einem Soldaten, der europäischen Einwanderern nicht wohlgesinnt ist. Da kreuzen sich die Wege des jungen Aristokraten und des lakonischen Kopfgeldjägers Silas (Michael Fassbender), der ihm seinen Begleitschutz offeriert. Leider jedoch ist Jay blind gegenüber der Tatsache, dass sein vermeintlicher Beschützer zu jenen Gesetzlosen gehört, die seine Rose und ihren Vater für zweitausend Dollar erledigen wollen.
Während Jay über die Liebe sinniert und Silas auf den Träumen des Jungen herumtrampelt, sorgt Autor und Regisseur John Maclean (ehemaliges Mitglied der schottischen Beta Band) dafür, dass die beiden auf Schurken, Träumer und Wanderer stoßen: ein Trio musizierender Migranten aus dem Kongo, ein bewaffnetes schwedisches Ehepaar und einen deutschen Anthropologen namens Werner, der ein Buch über den Niedergang der eingeborenen Stämme schreibt – in der Hoffnung, ihre Auslöschung durch ihre Bekehrung zum Christentum zu verhindern. Dicht auf den Fersen ist ihnen der finstere Payne (Ben Mendelsohn) mit seiner Bande kaltblütiger Kopfgeldjäger. Macleans Langfilmdebüt entfaltet sich vor dem Hintergrund der Eroberung der amerikanischen Frontier, als der Westen zu jenem Ort avanciert war, an den die Zivilisation zum Sterben ging, eine Zeit, die allerspätestens in Eastwoods Unforgiven dekonstruiert und in Jarmuschs Dead Man ironisiert wurde. Niemand hat heute noch eine verklärte Vorstellung vom kleinen Haus in der Prärie.
Mit dem Gefühl einer surrealen Novelle und zwischen Ikonischem und Groteskem, schlummert Slow West voller Tragödien, aber sie kommen mit einer melancholischen Märchenqualität, schwarzem Humor und gelegentlichen Gewaltausbrüchen, wie sie auch die Coen-Brüder pflegen. Kameramann Robby Ryan komponiert einprägsame Bilder von Revolverhelden in goldgelben Kornfeldern gegen stechend blaue Himmel, die ihres Genres würdig sind, das alles in einer endlosen Landschaft (wobei Neuseeland hier für Colorado einsteht). Slow West ist eine akribisch konstruierte Kuriosität mit einem sorgfältig kalibrierten Showdown, der vielleicht unsentimental ist, aber sicher nicht unromantisch.
