Neue Filme von Ken Loach und Jessica Hausner
Es geht weiter politisch und vor allem sozialkritisch zu in diesem Wettbewerb. Einer, der das Fach beherrscht, wie kein zweiter, ist Ken Loach. Nach I, Daniel Blake spielt auch Sorry We Missed You in Newcastle, wo ein einheitliches Grau den Himmel wie den Alltag seiner Bewohner trübt. Und wie im Goldpalmen-Gewinner vor drei Jahren beleuchtet Loach auch in seinem neuen Film die Auswirkungen einer ökonomischen Entwicklung, die auf Rationalisierung ausgerichtet ist und in ihrem Gewinnstreben den Menschen auf der Strecke lässt. Das bekommt diesmal der ehemalige Bauarbeiter Ricky (Kris Hitchen) zu spüren, der im Zuge der Finanzkrise vor zehn Jahren erst seinen Arbeitsplatz und damit endgültig die Chance auf eine Hypothek verlor. Seitdem schlägt sich der Familienvater mit seiner Frau Abbie (Debbie Honeywood) und den beiden Kindern Seb und Liza Jane mehr schlecht als recht durchs Leben. Die Wohnung ist gemietet, renovierungsbedürftig und klein. Und Abbies Job als Altenpflegerin wirft längst nicht genug ab, um die Familie von ihrem Gehalt allein durchzubringen. Rickys Plan ist es deshalb, als Selbständiger bei einem Kurierdienst anheuern. Das Risiko für die termingerechte Auslieferung der Pakete, die er jeden Morgen in seinen Kleintransporter lädt, trägt er selbst. Dazu gehört auch, dass er einen Ersatzfahrer stellen muss, sollte er, aus welchen Gründen auch immer, nicht selbst hinter dem Steuer sitzen können. Und wenn sich das Geschäft überhaupt rentieren soll, muss auch noch ein eigener Van her, denn die Kosten für einen Leihwagen der Firma würden das Einkommen um einen erheblichen Teil verringern. Also muss letztlich auch noch das Auto seiner Frau herhalten, die fortan auf den Bus angewiesen ist, um zu ihren Patienten zu kommen. Aber damit nicht genug, Über die finanziellen Probleme hinaus, macht Sohn Seb seinen Eltern zusätzlich das Leben schwer. Als Teenager in der rebellischen Phase hält er wenig von Schule und Verantwortung und konzentriert sich lieber auf die freie Entfaltung seines künstlerischen Potenzials. Sein Vater kommt mit heftigen Ermahnungen schon lange nicht mehr heran, doch selbst Abbie schafft es bei allem Verständnis, die sie ihrem „Großen“ entgegenbringt, kaum noch, zu ihm durchzudringen. Und irgendwann kommt, wie so oft, alles zusammen. Loach nutzt die Gelegenheit, um seiner Wut über das Ausmaß an sozialer Ungerechtigkeit einmal mehr Raum zu verschaffen. Die absolute Verzweiflung, die einem in diesen Momenten von der Leinwand entgegenschlägt, trifft tief in die Magengrube und beweist einmal mehr, dass dem mittlerweile 82-jährigen Regisseur die Kraft zum Kämpfen noch längst nicht ausgegangen ist. Ob sein Film dem Vorgänger an Betroffenheit jedoch tatsächlich noch mal eins draufzusetzen vermag, ist fraglich. Die Wut, die sich in I, Daniel Blake hochschaukelte, die Umstände, die zu ihr führten sowie die Mittel, mit denen Loach sie bloßzustellen versucht, sind dieselben. Neues sieht man bei ihm vielleicht nicht, aber seine Kunst, mit geringsten Mitteln große Wirkung zu erzeugen, ist und bleibt beeindruckend.
Jessica Hausner, die mit ihrem ersten englischsprachigen Film an die Croisette gereist ist, konnte dagegen nur mit Abstrichen überzeugen. Little Joe war angesichts des internationalen Ansehens der österreichischen Regisseurin einer der mit großer Spannung erwarteten Filme in Cannes. Doch nicht jeden konnte Hausner mit ihrem sterilen zukunftsgewandten Horrorfilm über das, was Menschen zueinander und voneinander wegbringt, überzeugen. Vielleicht liegt es an der stoischen Seltsamkeit, die dem Film eingeschrieben ist. Vielleicht kommt einem das Ganze zu aufgesetzt, zu künstlich, zu trügerisch daher. Ganz abgesehen von der zunehmend das Gehör attackierenden Musik, die den Film vom ersten bis zu letzten Bild begleitet. Fest steht, dass ihre Geschichte um eine ambitionierte Pflanzenforscherin und ihre Kreation einer unheilvollen neuen Blumenart die Kritiker in zwei Lager teilt, in die Skeptiker und die Euphoriker.
Emily Beecham spielt die arbeitswütige Wissenschaftlerin Alice, die sich in den Kopf gesetzt hat, eine Planzenart zu entwickeln, deren Geruch die Menschen glücklich macht. Selbst geschieden und mit ihrem Sohn Joe (Kit Connor) allein, verläuft ihr Leben in den immergleichen Bahnen, dabei wäre ihr Kollege Chris (Ben Whishaw) durchaus daran interessiert, das zu ändern. Nur ist Alice viel zu verstockt und mit ihrer neuen Kreation beschäftigt, um sich auf ihr Privatleben zu konzentrieren. Deshalb bringt sie anstatt eines Mannes lieber ein Versuchsexemplar ihrer neuen Schöpfung nach Hause, was nicht nur gegen die Regeln verstößt, sondern zudem fatale Folgen für Alice und ihre Umgebung hat. Dass die Blume mit dem verführerisch grellroten Blütenkopf und ihren samtigen Pollen eine Wirkung auf die Menschen ausübt, steht bald außer Frage. Nur was für eine und in welchen Ausmaß, das ist das Rätsel, das es zu lösen gilt.
Der Film tut das nur bedingt und leidet zudem an einer fehlenden dramatischen Struktur, um den Horror und die hervorragenden Schauspieler in eine auch nur annähernd spannende Richtung zu lenken. Für die einen mag es genug sein, sich an der durchaus ansprechenden messerscharfen Ästhetik zu erfreuen, in die Little Joe gehüllt ist. Für alle anderen jedoch bleibt außer der schicken Hülle kaum etwas zurück. Wie weit Hausner damit bei der Jury punkten kann, wird sich zeigen. Denn noch ist dieser Wettbewerb jung und die Stimmung allgemein zuversichtlich, dass es noch die eine oder andere Überraschung geben wird.
