Verzweifelter Schrei einer humanistischen Stimme
Als wir zum ersten Mal der Protagonistin in Sergey Dvortsevoys neuem Film begegnen, der ihren Namen trägt, wacht sie in einer Moskauer Geburtsklinik auf, nachdem sie gerade ein Kind zur Welt gebracht hat. Sie soll ihren Sohn stillen, schnauzt die Krankenschwester sie an. Aber anstatt das Kind zu füttern, taumelt die kleine, schmale Frau alleine ins Badezimmer und schlüpft durchs Fenster hinaus in einen heftigen Schneesturm. Ein Akt der Verzweiflung. Und ein Schock, zweifelsohne, aber das Neugeborene ist vermutlich besser ohne die Mutter dran.
Mit dutzenden von illegalen Einwanderern schläft die junge Kirgisin Ayka (Samal Yeslyamova) auf engstem Raum in einem Loch und kann kaum für sich selbst sorgen. Sie hat Schulden bei zwielichtigen Mafiosi gemacht. Nach der Flucht aus dem Krankenhaus stapft sie halbtot durch den tiefen Schnee, um pünktlich zur Arbeit in einer Hühnerfabrik zu erscheinen, aber ihr Chef hat nicht vor sie zu bezahlen. Ihr Bauch schmerzt, das Blut rinnt ihr die Beine hinunter und ihre Brüste tun weh, weil sich darin Milch gestaut hat. Es muss weitergehen. Sie geht in eine Auto-Waschanlage, aber ohne Visum bekommt sie einfach keinen Job. Einmal bietet eine Putzfrau ihr eine dreitägige Stelle in einer Tierarztpraxis an. Eine verletzte Hündin wird auf einen Tisch gelegt und ihre vier Welpen nuckeln selig die Muttermilch. Ayka steht mit ihrem Wischmopp daneben und sieht zu, während ihre eigene Milch, die sie nicht abpumpen kann, Flecken auf ihrem T-Shirt hinterlässt. Verkehrte Welt.
Die kasachische Schauspielerin Samal Yeslyamova, die ihr Leinwanddebüt in Sergey Dvortsevoys preisgekröntem Spielfilm Tulpan (2008) gab, bekam in Cannes im vergangenen Jahr die Palme für ihre unheimlich zurückhaltende und kraftvolle Leistung – und das zu Recht. Der in Kasachstan geborene russische Regisseur (er schrieb Ayka gemeinsam mit Gennadiy Ostrowsky) und seine Kamerafrau Jolanta Dylewska filmen sie mittels intensiver, wackeliger Nahaufnahmen und bleiben ganz nah dran an ihren stählernen Augen und den Schweißperlen, die ihr Gesicht hinunterlaufen, so nah, als gäbe es keinen Ausweg für sie. Unbarmherzig wird sie durch ein gnadenloses Moskau gepeitscht – und wir müssen dabei zusehen, wie auch sie hart wird. Es ist nicht leicht, aber nur so können wir die schiere Verzweiflung von Aykas Zwangslage hautnah miterleben. Menschen wie diesen gibt Sergey Dvortsevoy, der die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verschwimmen lässt, eine zutiefst humanistische Stimme, die zu einem verzweifelten Schrei wird.
