Ein Blick ins Herz des Kultursenders Ö1
Im vergangenen Jahr hat Zukunftsforscher Ben Hammersley auf den Radiodays Europe das Radio für tot erklärt. Für viele eine Provokation, erfreut sich doch Radio gerade im deutschsprachigen Raum nach wie vor großer Beliebtheit. Vielleicht geht es dabei eher um die Frage, wie sich das Medium Radio in einer Welt, die dank Online-Medien und Social-Media-Kanälen nur noch aus Bildern zu bestehen scheint, neu erfinden kann. Noch viel mehr stellt sich diese Frage für einen Kultur- und Informationssender wie Ö1. Jakob Brossmann und David Paede dokumentieren mit ihrem Film eine ebensolche Zeit der Neuerfindung. Nachdem die Zahlen des erfolgreichsten Kultursenders Europas rückläufig sind, setzt Programmchef Peter Klein eine Umstrukturierung und Neugestaltung einzelner Sendungen in Gang. Der Film begleitet die unterschiedlichen Abteilungen bei der Erarbeitung und Umsetzung der Programmlinien, ist zu Gast im Studio, bei hitzigen Diskussionen über die politische Positionierung des Senders mit dabei, sieht den Putzfrauen ebenso wie den Musikern des Radio Symphonieorchesters bei der Arbeit zu und lässt an manchen Stellen einfach nur die Räumlichkeiten des Radio Kulturhauses auf den Zuseher wirken.
Wenn man noch kein Fan des Senders Ö1 ist, ist man es spätestens nach der Sichtung dieser Dokumentation. Selten sieht man so gesittete, fachlich fundierte und selbstkritische Gespräche. Selten wird man Zeuge von solch kreativer und präziser Arbeit, bei der der hohe Qualitätsanspruch, den nicht nur der Programmchef, sondern auch jeder Mitarbeiter an sich selbst zu stellen scheint, im Vordergrund steht. Die gewählte Bildsprache gibt sehr gut die Atmosphäre des Hauses und der Arbeit des Senders wieder und auch die kluge Art, wie Szenen inhaltlich aneinander gereiht werden – wenn beispielsweise die Hartnäckigkeit von Moos und seine Bedrohung durch sich ändernde Lebensbedingungen auf den Sparkurs und die neuen Anforderungen an Ö1 folgen – macht die Doku zum Sehvergnügen. Bei allem Umstrukturieren, Neudenken und Nicht-stehen-bleiben, das einem Kultursender, den es seit über 50 Jahren gibt, hoch anzurechnen ist, stellt man sich als Zuseher aber vielleicht auch die Frage, ob es nicht immer nur an den Medien sein sollte, sich zu verändern, sondern auch am Rezipienten. Bei all der Bilderflut, den Fake News und Schlagzeilen, die die Ausnahme gern mal zur Regel ernennen, ist das Einschalten des Radios und das Hören fundiert recherchierter Themenberichte und Musiksendungen ein sinnstiftender Protestakt gegen Schnelligkeit und Populismus.
