Abdellatif Kechiche versauert die Stimmung an der Croisette.
Filme, die in Cannes am letzten Festivalfreitag laufen, haben es nie leicht. Viele Berichterstatter verlassen bereits am Donnerstag die Stadt. Nach zehn Tagen Schlafentzug und Dauerstress haben sie genug, und die letzten Wettbewerbsbeiträge werden selten als große Favoriten auf einen Hauptpreis gehandelt. Die Preisverleihung lässt sich mittlerweile auch ganz gut vom eigenen Sofa aus auf YouTube anschauen. Für diejenigen, die bis zum (bitteren) Ende bleiben, bedeutet die frühe Flucht der Kollegen eine extreme Auflockerung im Festivalalltag – es bildet sich kaum noch eine Schlange und die Sicherheitsmänner, die einen mittlerweile persönlich grüßen, schauen kaum mehr auf die Badges, sondern winken nur noch durch. Ein merkwürdiges Gefühl aus Schwermut und Erleichterung macht sich breit, wenn der Filmfestwahnsinn allmählich zu Ende geht.
In diesem Jahr wurde die Stimmung an der Croisette zum Abschluss noch zusätzlich durch die Tatsache gedämpft, dass einer der letzten Wettbewerbsbeiträge das Coming-of-Age-Sequel Mektoub, My Love: Intermezzo von Abdellatif Kechiche war. Abgesehen davon, dass eine ganze Reihe der noch anwesenden Kritiker den ersten Teil nicht gesehen hatten, weil der 2017 in Venedig gelaufen war (zumal zu einem Zeitpunkt, als viele bereits nach Toronto weitergereist waren), vermuteten die Kenner des Vorgängers, dass auch Kechiches „Zwischenspiel“ in einem Debakel enden würde. Ein flüchtiger Blick auf die negativen Besprechungen des ersten Teils bestätigte diese Befürchtung. Wohlweislich hatte die Festivalleitung deshalb der Bitte des Regisseurs nachgegeben, den Film trotz der über dreieinhalbstündigen Laufzeit erst in der Spätvorstellung um 22 Uhr zu zeigen. Aber auch das konnte Mektoub, My Love: Intermezzo letztlich nicht vor der Kritik schützen, die am Folgetag auf den Film hereinbrach. Denn Kechiche hat aus der abwertenden Rezeption des ersten Teils absolut nichts gelernt. Wieder passiert herzlich wenig in diesen letzten Sommertagen des Jahres 1994, die der Regisseur hier nachzeichnet. Jugendliche tanzen, baden, haben Spaß und haben Sex – und die Kamera hält immer schön drauf auf die – wenn überhaupt – nur leicht bekleideten Körper, die sich vor ihr räkeln. Allerdings, und darin liegt der Hund begraben, fängt diese Kamera vorzugsweise nackte Frauenhintern ein, und so bestimmt ein derart arroganter, unangenehmer, anstößiger male gaze das Geschehen auf der Leinwand, dass einem bereits nach wenigen Filmminuten die Lust am Schauen gehörig vergeht.
Doppelt schade ist es, dass die Entrüstung über Kechiches heftigen Fehltritt den anderen noch laufenden Filmen gewissermaßen die Luft zum Atmen nimmt. Dabei handelt es sich sowohl bei Justine Triets Sibyl als auch bei Marco Bellocchios The Traitor um weitaus interessantere und gelungenere Wettbewerbsbeiträge. Vor allem Triet zeigt sich als weitere starke und versierte Regisseurin im alteingesessenen Männerclub von Cannes und überzeugt mit ihrem verschachtelten Beziehungsdrama um eine Psychologin, die sich als Romanautorin versucht und in einem zunehmend wilden Durcheinander irgendwo zwischen Fiktion und Realität den Boden unter den Füßen verliert. Und mit Abstrichen beweist auch Marco Bellocchio, dass er sein Handwerk als ein Meister des italienischen Kinos nicht verlernt hat. Es gibt beeindruckende und durchaus effektive Szenen in seinem Mafia-Krimi The Traitor. Allerdings fehlt es dem Film letztlich an Menschlichkeit und Wärme, um eine Verbindung mit dem Publikum herzustellen. Sein Gangsterdrama ist groß, kühl und unnahbar wie die Welt, die es beschreibt, aber zu viel Selbstbewusstsein und Arroganz sind im Kino selten ein Plus.
Das sollte sich auch Abdellatif Kechiche hinter die Ohren schreiben und auf einen schwer zu befürchtenden abschließenden Teil seiner Coming-of-Age-Saga lieber gleich ganz verzichten. Es gibt bereits genug Filme, die die Welt nicht braucht. In Cannes ließen sich in diesem 72.Jahrgang immerhin erfreulich wenige davon blicken und im Hinblick auf die Preisverleihung ist das Feld weit offen. Wie sich Alejandro González Iñárritu und seine Jurymitglieder entscheiden, wird deshalb mit umso größerer Spannung erwartet. Mit Céline Sciammas hervorragendem queeren Historiendrama Portrait of a Lady on Fire gibt es eine verdiente Anwärterin auf die Goldene Palme – wodurch der Bann endlich brechen könnte, dass es seit Jane Campion 1993 keine einzige Palmengewinnerin in der Geschichte des Festivals mehr gab. Nicht mehr lang, dann sind die Würfel einmal mehr gefallen.
