Judi Dench – The Best Exotic Marigold Hotel

The Best Exotic Marigold Hotel

Die ewige Dame – Judi Dench

| Pamela Jahn :: |
77, und kein bisschen müde: Dame Judi Dench im Gespräch über Indien, die Liebe zum Beruf und warum Clint Eastwood so ein toller Mann ist.

Die Dreharbeiten in Indien haben fast zehn Wochen gedauert. Wie war das für Sie?
Judi Dench:
Ganz ehrlich, ich war ja schon überall auf der Welt, aber Indien hat mich komischerweise nie wirklich gereizt. Und dann hat es keinen Tag gedauert und ich war wie verzaubert. Es ist tatsächlich so, wie es E.M. Forster gesagt hat: „Wer einmal in Indien war, dessen Leben wird nie mehr sein, wie es war.“ Ich hatte mir das Zitat vor Reiseantritt in mein Tagebuch geschrieben, weil ich zunächst nicht recht glauben wollte, dass da was Wahres dran ist. Und noch ein anderer Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. An einer Stelle im Film sagt mein Charakter: „Indien ist eine Attacke auf die Sinne“. Und genau so war’s. Es lässt sich im Nachhinein schwer erklären, man muss das einfach erleben, aber ich hatte das Gefühl, dass meine Haut mit jedem Tag sensibler wurde, dass mich die Dinge viel intensiver und unmittelbarer berührten als jemals zuvor. Dabei bin ich, wie gesagt, schon ziemlich weit rumgekommen. Ich war zweimal in West-Afrika und das war weiß Gott auch nicht leicht. Aber Indien ist wirklich einmalig. Alles ist extrem: die Farben, der Verkehr, Gerüche. Was mich allerdings am meisten schockiert hat, ist der offensichtliche Gegensatz von bitterer Armut und extremen Reichtum. Damit muss man erstmal umgehen lernen.

Sie haben ein Tagebuch geführt? Machen sie das bei jeden Dreh?
Judi Dench: Nein, eigentlich nie. Ich habe zweimal in Italien gedreht, da habe ich mich jedes Mal mit den besten Absichten auf den Weg gemacht, aber nach den ersten zwei, drei Seiten ging es nie weiter. In Indien was das anders, da musste ich meine Eindrücke regelmäßig aufschreiben, um sie überhaupt irgendwie verarbeiten zu können. Zwei dicke Bände sind es am Ende geworden, aber sie sind nur als Erinnerung für mich und meine Familie gedacht.

The Best Exotic Marigold Hotel
ist ein erstaunlich ehrlicher und zugleich erfrischender Film übers Älterwerden. Wurde da auch untereinander am Set viel über das Thema geredet?
Judi Dench: Nein! Auf gar keinen Fall. Das Thema war absolut tabu. Wissen Sie, ab einem bestimmten Alter redet man nicht mehr über’s Älterwerden, dann ist man es einfach. (Lacht.)

Was hat Sie am ehesten am Drehbuch gereizt?
Judi Dench: Die Leute, um die es im Film geht, sind an einem Punkt in Ihrem Leben angekommen, an dem Sie sich fragen: “Das kann doch noch nicht alles sein?” Sie wollen sich nicht von ihren Kindern oder der Gesellschaft oder sonst wem vorschreiben lassen, was als nächstes kommt, was angeblich „das Beste“ für sie ist. Nehmen Sie, Evelyn, meinen Charakter im Film: Ihr Ehemann ist gerade verstorben, aber sie will deswegen ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben. Sie will nicht mit ihrem Sohn und dessen Familie leben, auch wenn das nun alle von ihr erwarten. Aber was bleibt als Alternative? Höchstens, dass sie ins Heim geht vielleicht. Im Grunde hat sie gar keine andere Wahl, als auszubrechen und etwas völlig verrücktes zu tun. Da kommt ihr Indien also gerade recht. Aber sie hat nicht genügend Geld, weil ihr Mann hinterrücks alles ausgegeben hat, also muss sie sich dort einen Job suchen und sie schafft das alles – das fand ich toll!

Gibt es etwas, dass sie mit Evelyn Greenslade verbindet?
Judi Dench: Schwere Frage, ich weiß nicht. Ich denke, wir sind grundsätzlich recht verschieden. Was ich allerdings mit ihr teile, ist die Tatsache, dass auch mein Ehemann vor elf Jahren verstorben ist. Gott sei Dank war er aber kein Spieler, das heißt, er hat mich nicht in Geldnöte gebracht. Und ich hatte danach auch nie das Bedürfnis, ausreißen zu wollen. Ich lebe gemeinsam mit meiner Tochter und ihrem Sohn auf dem Land. Das war übrigens auch schon so, als mein Mann noch lebte. Da wohnten wir alle zusammen in einem großen Haus unter einem Dach mit unseren Eltern, Kindern und Enkelkindern. Das hat auch immer prima funktioniert. Und ich wünschte, das würde es hierzulande mehr geben, aber leider ist dem nicht so. Hier werden die Alten einfach in ein Heim verfrachtet und vor den Fernseher gesetzt. Und das war’s dann.

Ihre Schauspielerkollegen waren fast alle gut alte Bekannte. Hatten Sie einen Einfluss darauf, was die Besetzung angeht?
Judi Dench: Nein, gar nicht. Aber es war wunderbar. Wir kennen und ja alle seit ewigen Zeiten, haben fast alle mehrmals miteinander gedreht oder auf der Bühne gestanden. Das macht die Arbeit natürlich sehr entspannt.

Und wie hat Dev Patel da reingepasst?
Judi Dench: Oh mein Gott, er war einfach unglaublich. Diese Energie, die er hat, ist phänomenal. Er ist ständig umhergesaust wie eine Rakete. Aber er ist auch ein sehr, sehr guter Schauspieler. Er hat beim Dreh ständig improvisiert. Keine zwei Takes mit ihm sind gleich. Das war schon beeindruckend.

Sehen Sie persönlich starke Unterschiede in der Arbeitsweise, wenn Sie mit jungen Schauspielern vor der Kamera oder auf der Bühne stehen?
Judi Dench: Ich sehe die Unterschiede zwischen mir und jedem anderen Schauspieler, ob alt oder jung. Ich denke, jeder von uns besitzt ein ganz eigenes Repertoire, einen eigenen Stil, eine eigene Herangehensweise an die Schauspielerei. Das ist keine Frage des Alters, sondern der Persönlichkeit.

Haben sich die Gründe, warum Sie diesen Beruf ausüben, über die Jahre gewandelt?
Judi Dench: Merkwürdig, dass Sie mich das ausgerechnet jetzt fragen. Vor kurzem ist ein sehr guter Freund und alter Schauspielkollege von mir verstorben: John Neville. Er war mein allererster Bühnenpartner überhaupt. Wir spielten Hamlet am Old Vic, er war Hamlet und ich Ophelia. John hat mit alles beigebracht, was ich übers Theater weiß, wirklich alles, und er hat damals zu mir gesagt: „Judi, du musst dir voll und ganz darüber im Klaren sein, warum du diesen Beruf ausübst. Sag’s niemandem, aber bleib immer bei deinen Gründen.“ Das war 1957 und ich habe mich stets daran gehalten. Und ich liebe meinen Beruf heute wie am ersten Tag.

Evelyn Greenslade stellt sich im Film der größten Herausforderung in ihrem Leben. Was würden Sie sagen, war die größte Herausforderung, der sich Judi Dench je gestellt hat?
Judi Dench: Für mich ist jede neue Rolle eine große Herausforderung. Es gibt jedes Mal etwas, mit dem ich vorher nicht gerechnet habe, und man lernt nie aus. Natürlich sind manche Rollen schwieriger als andere, vor allem am Theater. Und wenn man dann noch schlechte Kritiken bekommt und trotzdem jeden Abend wieder von neuem auf der Bühne stehen muss, das ist schon hart.

Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch spielen möchten?
Judi Dench: Ich weiß darauf nie eine Antwort. Ich habe kein gutes Händchen, was die Wahl meiner Rollen angeht. Wer gut darin ist, sind die Regisseure, die mich besetzen. Ich kann also nur hoffen, dass nochmal einer kommt und sagt: „Das ist eine tolle Rolle für dich, die musst du spielen.“

Sie haben nicht nur unzählige Fans, es gibt auch viele Kollegen, die Sie sehr verehren. Hatten Sie jemals Herzklopfen bei einem Dreh?
Judi Dench: Ja! Erst kürzlich bei J.Edgar. Clint Eastwood hat mich total umgehauen.

Hat er sie persönlich gefragt, ob sie die Rolle in J.Edgar übernehmen wollen?
Judi Dench: Na ja, um die Wahrheit zu sagen, habe ich mich erstmal ordentlich blamiert. Er rief mich nämlich zu Hause an. Das heißt, man hatte zunächst angefragt, ob ich die Rolle übernehmen würde, und mir blieb schon in dem Moment fast das Herz stehen. Was soll ich sagen: Clint Eastwood! Und dann klingelte eines Tages das Telefon und die Stimme am anderen Ende sagte ganz leise: „Judi?“. Und ich sagte: „Entschuldigung, wert ist denn da? Die Leitung ist sehr schlecht.“ Daraufhin er wieder: „Hallo Judi, ich bin’s, Clint.“ Und ich platzte fast vor Lachen und sagte: „Brendon, jetzt hör‘ schon auf“, weil ich dachte, dass mir ein guter Freund einen dummen Streich spielen will. Aber nein, dem war nicht so. Es war tatsächlich Clint Eastwood. Wie peinlich!

Wie ging’s dann weiter?
Judi Dench: Ich kam drei Tage vor Drehbeginn ans Set. Er war nirgends zu sehen. Ich hatte Anproben, die Perücke wurde angepasst. Dann kam mein erster Drehtag. Ich wurde zurecht gemacht, Make-up, Perücke, Kostüm, kam ans Set, setzte mich hin und wartete. Ich hatte eine Szene mit einem kleinen Jungen, der saß auch schon neben mir. Von Clint keine Spur. Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich langsam um und sah diesen unheimlich großen Mann. Er war ganz wunderbar. Es war auch das leiseste Set, an dem ich jemals gearbeitet habe. Niemand schreit herum. Niemand ruft „Cut“ oder „Action“, er sagt nur irgendwann (flüsternd): „In deinem Tempo.“ Dann spielt man die Szene einmal durch, und er sagt: „Stop“, oder er sagt: „Print.“ Da war ich dann zunächst total perplex und meinte: „Aber wir haben die Szenen doch erst einmal durchgespielt. Können wir das nicht nochmal machen?“ Und er sagte: „Warum?“ Und ich stotterte: „Na ja, ich würde es vielleicht noch mal anders versuchen.“ Und er wieder: „Warum?“ Ich meinte dann, ich würde die Szenen gern noch einmal spielen, woraufhin er antwortete: „OK. Denk einfach nicht nach.“ Oh, was für ein toller Mann.

Sie drehen gerade den neuen Bond-Film. Wie fühlt es sich an, mal wieder M zu spielen?
Judi Dench: Es gibt mir ein unglaubliches Gefühl der Macht. (Lacht.) Außerdem finden es die Freunde meines Enkels ganz toll. Und ich finde es auch ganz toll. Es macht unheimlich viel Spaß, obwohl es auch harte Arbeit ist, weil ich meistens keine Ahnung habe, wovon M redet. Das heißt, ich muss viel für die Rolle lernen. Aber es ist immer noch aufregend, Teil dieser Franchise, Teil dieser Familie zu sein.

Jane Eyre
, The Best Exotic Marigold Hotel, J. Edgar, My Week with Marilyn, der neue Bond…es sieht zum Glück nicht danach aus, als würden Sie demnächst in den Ruhestand treten.
Judi Dench: Ganz gewiss nicht! Was für ein furchtbares Wort.