Seit seinem Oscar-Hit „Shakespeare in Love” (1999) ist viel Zeit vergangen, in der sich John Madden bis auf einige wenige filmische Unternehmungen vor allem rar machte. Nun legt der 62-jährige Brite mit „The Best Exotic Marigold Hotel” ein heiteres Drama über eine Gruppe englischer Pensionisten im exotischen Altersdomizil vor. Ein Gespräch über persönliche Einsichten, innere Schweinehunde und wie es sich anfühlt, plötzlich der Älteste in der Crew zu sein.
The Best Exotic Marigold Hotel scheint ein sehr persönlicher Film zu sein. Haben Sie das von Anfang an bewusst so empfunden?
John Madden: Um ganz ehrlich zu sein: Der Film ist viel persönlicher, als ich zunächst erwartet hatte. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich mir erst einmal selbst eingestehen musste, dass ich eigentlich auch fast schon zu der Altersgruppe gehöre, um die es hier geht. Im Nachhinein betrachtet, sind die Geschichten, die im Film erzählt werden, allerdings tatsächlich sehr von meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen geprägt.
Welchen Einfluss hatten Sie auf das Drehbuch?
John Madden: Graham Broadbent, der Produzent, kam vor zwei oder drei Jahren erstmals mit dem Projekt zu mir. Ich hatte Deborah Moggachs Roman „These Foolish Things“ nicht gelesen und Ol Parkers Drehbuch steckte damals noch in seinen Anfangszügen. Aber mich reizen grundsätzlich Geschichten, die den Zuschauer in eine komplett andere Welt versetzen, und Indien fand ich schon immer spannend, also zeigte ich Interesse. Allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt gerade mit den Dreharbeiten zu The Debt begonnen und war dementsprechend eingespannt. Als ich dann die nächste Fassung in die Hände bekam, hatte das Drehbuch bereits eine gewisse Form angenommen. Ol und ich haben dann begonnen, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und daran weiterzuarbeiten. Die Emotionen der Charaktere, die shakespearehafte Qualität der Handlung, das waren von Anfang an die essentiellen Elemente für mich, daran wollte ich festhalten. Und ohne den Bogen zu weit spannen zu wollen: Für mich steht das Marigold Hotel sozusagen als Metapher für den Ardenner Wald. Die verschiedenen Charaktere geraten auf diese Weise in eine völlig andere Welt, eine Welt, in der normale Normen und Werte keine Gültigkeit besitzen und in der Farce und absurde Komödie permanent mit höchst emotionalen, tragischen Momenten kollidieren. So eine Geschichte kann natürlich auch total schief gehen, wenn Sie den Plot nämlich von der anderen Seite her denken, also lediglich als Ausflug einer Gruppe verschrobener britischer Pensionisten, die nach Indien reisen und sich dort auf Teufel komm raus über die lokalen Sitten und Gebräuche lustig machen. Das wollte ich auf jeden Fall verhindern. Und je länger wir an den Charakteren und ihren jeweiligen Geschichten bastelten, umso deutlicher wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich mehr Perspektiven beisteuern konnte, als ich mir zunächst eingestehen wollte, und dass wir dadurch die Möglichkeit hatten, einen ganz besonderen, persönlichen Zugang zu den einzelnen Charakteren zu entwickeln.
Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen?
John Madden: Jetzt muss ich natürlich ein bisschen aufpassen, weil ich nicht wie jemand dastehen will, der gerade einen Roman geschrieben hat, und nun suchen Sie darin noch nach der winzigsten biografischen Gemeinsamkeit. Nichts, was im Film geschieht, ist mir in genau der gleichen Weise passiert, und ich möchte ungern ins Details gehen, was Situationen angeht, die vielleicht mehr oder weniger durch meine persönlichen Erfahrungen geprägt sind. Darum geht es auch gar nicht. Aber nehmen Sie zum Beispiel das Ehepaar gespielt von Bill Nighy und Penelope Wilton. Ihre Geschichte bildet ja in gewisser Weise so etwas wie das Rückrad des Films und ich finde sie ganz besonders erschütternd und überraschend, weil sie zeigt, wie die natürliche Nettigkeit, Toleranz und Aufrichtigkeit des Mannes über die Jahre hinweg eine Art Monster aus der Ehefrau macht, das sie höchstwahrscheinlich nicht war, als die beiden geheiratet haben. Ich fand das eine sehr spannende Dynamik. Und das stand so zunächst nicht im Drehbuch, aber ich wollte zeigen, dass ihnen das neue Umfeld und die ganz spezielle Situation, der sie in Indien ausgesetzt sind, die Möglichkeit gibt, auszubrechen und zu verstehen, was da überhaupt mit ihnen passiert ist. Aber, wie gesagt, dabei geht es wohlgemerkt nicht um meine eigene Ehe. Aber auch Evelyn, Judi Denchs (Interview) Charakter, ist sehr geprägt von Erfahrungen, zu denen ich Zugang hatte. Vor allem die Tatsache, dass sie sich nach dem Tod ihres Mannes komplett überrumpelt fühlt, weil sie feststellen muss, dass ihr der Mensch, mit dem sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat, im Grunde völlig fremd war. Das macht sie im ersten Augenblick schutzlos und angreifbar, aber die Wut und die Kraft, die sie daraus entwickelt, ist etwas, dass ich sehr gut nachvollziehen kann. Was ich damit sagen will, ist: Der Film gewährt keine tieferen Einblicke in mein Leben, aber er behandelt viele Themen und Emotionen, die mir sehr wichtig sind. Natürlich steckt auch viel Absurdes und viel Humor darin, und das Spannende war ja, die Handlung in ein exotisches und ziemlich groteskes Umfeld einzubetten, ohne dass das Ganze total lächerlich wirkt. Aber die Tatsache, dass man glaubt, vielleicht sein komplettes Leben an die falsche Idee verschenkt zu haben, oder fürchtet, irgendwann einfach den falschen Weg gegangen zu sein, das sind Gedanken, die ich sehr ernst nehme – und zwar nicht nur im Hinblick auf die Charaktere im Film.
Es gibt nicht wirklich viele gute Filme übers Älterwerden. Hat Sie das auch gereizt?
John Madden: Auf jeden Fall, aber wie gesagt, zuerst habe ich mich schon gefragt: „Willst du wirklich einen Film über alte Leute drehen?“ Denn seien wir mal ehrlich, jeder von uns, zumindest in meiner Generation, denkt doch, er wäre mindestens zwanzig Jahre jünger als er ist. Dann kam ich zum ersten Mal ans Set und musste auch noch feststellen, dass ich diesmal sogar mit Abstand der Älteste in der Crew war. Weiß Gott, ich war froh, dass der Kontext nicht todernst war, und wir auch während der Dreharbeiten viel Spaß hatten, eine Geschichte übers Älterwerden zu erzählen, die humorvoll und zugleich glaubwürdig, tiefgründig und bewegend ist.
Hatten die Schauspieler anfangs ähnliche Bedenken? Wie lief das Casting?
John Madden: Das kann ich gar nicht genau sagen, weil das Projekt verschiedene Phasen durchlief in der Zeit, in der ich nicht konkret daran beteiligt war. Ich glaube ehrlich gesagt, dass fast jeder nicht mehr so junge britische Schauspieler das Drehbuch in der einen oder anderen Form gelesen hat, wahrscheinlich sogar mehrmals in verschiedenen Rollen. (Lacht.) Als ich dazu kam, hatte Tom Wilkinson bereits zugesagt, mit dem ich ja schon einige Male zuvor gearbeitet hatte. Judi and Bill sagten dann auch etwa zur gleichen Zeit zu. Natürlich laufen bei so einem Projekt vorab auch immer Verhandlungen mit dem Studio über die Schauspieler, die die Produzenten gerne sehen würden. Das darf man auch nicht vergessen. Aber ganz ehrlich, es gab es bei diesem Film einen relativ großen Pool von Kandidaten, auf den man notfalls hätte zurückgreifen können.
Eine der erstaunlichsten Wandlungen im Film, ist die von Maggie Smiths Charakter. Zunächst sträubt sie sich davor, nach Indien zu gehen, und am Ende entpuppt sie sich als die heimliche gute Fee des Hotels.
John Madden: Ja, genau. Dabei war es allerdings auch alles andere als einfach, Maggie für den Film zu gewinnen. Sie hatte zu dem Zeitpunkt ernste gesundheitliche Probleme und es war lange nicht klar, ob sie den Part übernehmen würde. Die Entwicklung, die ihr Charakter im Film durchlebt, entspricht übrigens auch nicht der Romanvorlage. Einige Aspekte davon sind zwar auch im Buch enthalten, aber nicht in der Art und Weise, wie sie im Film quasi die Queen Elizabeth des Marigold Hotels wird. Aber ich fand, das passte einfach ganz wunderbar zu Maggie. Vor allem auch die anfängliche maßlose Verbitterung und extreme Abwehrhaltung ihres Charakters gegen alles Fremde und jede noch so kleine freundliche Geste, das kann sie phänomenal gut spielen. Manchmal ist es wirklich nur ein flüchtiger Blick, der in dem Moment aber einfach mehr sagt als tausend Worte. Und ich weiß noch, als wir gerade in Indien ankamen, meinte ich zu ihr: „Maggie, ich muss dir etwas gestehen: Es sind jeden Tag anderthalb Stunden Fahrt zum Hotel“, woraufhin sie mich völlig empört anschaute und schrie: „Was???“ Ich entschuldigte mich und meinte: „Ich weiß, ich hätte es dir vorab sagen sollen.“ Und sie erwiderte mürrisch und in dem typischen Maggie-Smith-Tonfall: „Dann wäre ich ganz sicher nicht gekommen!“ Und zwar exakt so, wie sie es dann später auch an einer Stelle im Film sagt. Diese Momente mit ihr sind einfach Gold wert.
Darum geht es ja auch im Film: Das man sich selbst im Alter noch ins Abenteuer stürzen und seine Ängste beziehungsweise den inneren Schweinehund überwinden lernen kann.
John Madden: Ja genau, aber nicht nur im Alter. Es ging mir darum, neue Blickwinkel zu eröffnen, auch für die jüngeren Zuschauer, die sich hier vielleicht noch nicht direkt betroffen fühlen. Allerdings muss man sich auch im Klaren sein, das sich die jetzige Generation an Pensionisten natürlich in einer privilegierten Situation befindet, im Verhältnis zu dem, was jede zukünftige Generation erwarten kann. Die Renten werden weiter schrumpfen und die Älteren werden es nochmal sehr viel schwerer haben als bisher. Was der Film vermitteln will, ist im Grunde genommen ein Gefühl von Offenheit für neue Erfahrungen und dass man sich nicht gleich geschlagen gibt, nur weil man plötzlich angeblich in der Endzone des Lebens angekommen ist.
Wovor haben Sie am meisten Angst beim Älterwerden?
John Madden: Am schlimmsten fände ich es, die Neugier aufs Leben zu verlieren. Die Neugier und die Freude daran, andere Menschen aber auch sich selbst besser verstehen zu lernen. Und lassen Sie mich Ihnen eins versichern: Auch ich habe bei dem Film meine Lektion gelernt. Es hat überhaupt keinen Sinn, den Wonnen der Jugend nachzuweinen und sich vor dem Alter an sich zu fürchten. Je eher man diese Tatsache akzeptiert, umso mehr kann man aus der Zeit machen, die einem bleibt.
