Es war das Beste, was Cannes passieren konnte: „Parasite“ von Bong Joon-ho gewinnt die Goldene Palme.
Manchmal gibt es noch Gerechtigkeit in dieser Welt, zumindest in der Welt des Kinos. Das hat die 72. Internationale Jury von Cannes bewiesen, in dem sie Bong Joon-hos schwarzhumorige, bitterböse Kapitalismusparabel Parasite mit der Palme d’Or auszeichnete. Der Wettbewerbsbeitrag war nach seiner Premiere am Dienstagabend schnell zum Festivalliebling der Kritiker avanciert, was jedoch für gewöhnlich nicht mehr als ein Indikator dafür ist, dass der Film letztlich mit einem Preis versehen wird. Man denke nur an das Debakel vor drei Jahren, als Toni Erdmann sämtliche Kritiker-Rankings anführte, sogar Rekorde in der Punktevergabe brach, und am Ende doch mit leeren Händen ausging, weil die damalige Jury um Mad Max-Macher George Miller das Sozialdrama I, Daniel Blake von Ken Loach für den besseren Film hielt. Die allgemeine Enttäuschung über die damalige Entscheidung hallte noch lange nach, zumal Maren Ades brillante Tragikomödie auch keine andere vergleichbare Auszeichnung erhielt. Nicht einmal eine lobende Erwähnung hatte man damals in Cannes für den Film übrig. Das war bitter, auch wenn die Ignoranz an der Croisette dem internationalen Erfolg von Toni Erdmann letztlich nichts anhaben konnte.
Tatsächlich würde auch Bong Joon-hos Parasite ohne Goldpalmenehren seinen Weg machen. Der Film ist auch, das hat sich in dieser Woche schnell herumgesprochen, ein sicherer Publikumshit: großes Kino und beste Unterhaltung zugleich, was will man mehr! Trotzdem freut es, dass auch die Jury unter dem Vorsitz von Alejandro G. Iñárritu sich gleichermaßen dafür begeistern konnte. Immerhin war dieser 72. Jahrgang insgesamt ein starker Wettbewerb, der weniger auf Stars als auf Qualität im Kino setzte. Da hätte im Grunde alles passieren können. Spekuliert wurde etwa, ob sich die mit Kelly Reichardt, Alice Rohrwacher, Maimouna N’Diaye, Yorgos Lanthimos, Robin Campillo und Pawel Pawlikowski von hinter der Kamera arbeitenden Menschen dominierte Jury eher dazu entschließen würde, den Hauptpreis an ihren Kollegen Pedro Almodóvar zu vergeben – um ihn damit nicht nur für seinen neuen Film Pain and Glory, sondern indirekt für sein gesamtes Spätwerk zu ehren.
Gestern Abend wurde schließlich Antonio Banderas für seine Darstellung von Almodóvars Alter Ego als bester Schauspieler ausgezeichnet, während der spanische Auteur selbst leer ausging. Parallel übrigens zur Österreicherin Jessica Hausner, die mit Little Joe erstmals ins Rennen um die Goldenen Palme gegangen war. Es ist keineswegs ein schlechter, aber extrem sperriger Film, in dem Hausner, ähnlich wie Bong Joon-ho, diverse Genre-Elemente von Horror bis Satire mischt, um ihre Kritik an unserer fortschrittsgewandten Gesellschaft zu formulieren. Dass der Preis für die beste Schauspielerin wohlverdient an die Britin Emily Beecham ging, die in Little Joe die Hauptrolle spielt, dürfte dem Film zum Kinostart hierzulande und anderswo zumindest den nötigen Rückenwind geben, um sich ein Stück weit gegenüber weniger avantgardistischen Werken zu behaupten. Was Little Joe natürlich fehlt, ist die Leichtigkeit und jenes besondere Gespür fürs große Gefühl, mit dem Bong in Parasite zu trumpfen vermag.
Der zweitwichtigste Preis, der Grand Prix, wurde derweil an die Französin Mati Diop für ihr Wettbewerbsdebüt Atlantique vergeben. Es ist der erste Langfilm von Diop sowie der erste Film einer schwarzen Frau, der für eine Goldene Palme nominiert war. Und man gönnt ihr die Auszeichnung, auch wenn ihr atmosphärisch dichtes Drama, in dem Diop, Tochter eines Senegalesen, auf so poetische wie verstörende Weise Fluchtursachenforschung betreibt, viele Kritiker ähnlich ratlos zurück ließ wie Hausners sterile Versuchsanordnung zum Thema Genmanipulation.
Mehr Zuspruch unter den Berichterstattern aus aller Welt fand im Vorfeld Céline Sciammas kühner Historienfilm Portrait of a Lady on Fire, dem viele Journalisten sogar Chancen auf einen Hauptgewinn einräumten. Dass es am Ende nur für den Preis für das beste Drehbuch reichte, ist vielleicht die größte Enttäuschung in diesem Jahr. Damit erging es Sciamma ähnlich wie im Vorjahr der Italienerin Alice Rohrwacher, die sich den Drehbuch-Preis sogar noch teilen musste, obwohl auch sie sich für ihre magische Parabel Happy as Lazzaro mehr verdient hätte.
Geteilt vergeben wurde gestern der Jury-Preis: Les Misérables, ein Erstlingswerk des Franzosen Ladj Ly, und der sehenswerte Bacurau von dem Brasilianer Kleber Mendonça Filho, der sich für seinen neuen Film mit seinem langjährigen Production Designer Juliano Dornelles zusammengetan hat. Die Doppelvergabe war letztlich eine kluge Entscheidung, um auch jenen Filmen Rechnung zu tragen, die im Wettbewerb als stark, wichtig und versiert aufgefallen waren, sich aber vielleicht nicht konsequent genug in der Inszenierung zeigten, um es bis ganz nach oben auf die Liste der Gewinner zu schaffen.
Dass ausgerechnet der Preis für die beste Regie an das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne vergeben wurde, nun ja, das kann man halten wie man will. Ihr Drama Young Ahmed über einen jungen Moslem, der sich radikalisiert und seine Lehrerin zu töten versucht, ist jedenfalls nicht mehr als ein Nebenwerk im Oeuvre der zweifachen Palme d’Or-Gewinner. Da hätte man eher noch Terrence Malick für A Hidden Life über den österreichischen Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter honorieren können.
Schwamm drüber. Ändern lässt sich an den Entscheidungen der Jury sowieso nichts mehr und im Großen und Ganzen kann man über die Preisvergabe heuer nicht meckern. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele der diesjährigen Gewinner und Nominierten es im Lauf des Jahres auch in die hiesigen Kinos schaffen. Jim Jarmuschs Festival-Opener The Dead Don’t Die läuft jedenfalls schon mal im Juni an und Almodóvars Pain and Glory soll im Juli folgen. Der Kinostart von Parasite ist vorerst auf den Herbst angesetzt. Aber das Warten lohnt sich im Fall des unumstrittenen Goldpalmenträgers allemal.
