Beklemmungen

| Pamela Jahn |

Drei eher düstere Wettbewerbsbeiträge beschäftigen sich mit Gewalt und Paranoia.

Nachdem in der ersten Festivalwoche vor allem die amerikanischen Großproduktionen den Ton angaben, kann in der zweiten Halbzeit, wie so oft in Venedig, das Autorenkino auftrumpfen. Mit Abluka (Frenzy) stellte der türkische Regisseur Emin Alper seinen zweiten Spielfilm vor und lieferte damit zugleich den ersten würdige Löwen-Kandidaten. Der beklemmend einsilbige Polit-Psycho-Thriller mit leisen Sci-Fi-Elementen handelt von zwei Brüdern, die einander nach 20 Jahren in Istanbul wiedertreffen, nachdem der ältere, Kadir, aus der Haft entlassen wurde und nun den Neueinstieg in eine unerbittliche Endzeitgesellschaft sucht, die vom Geheimdienst regiert und kontrolliert wird. Während der jüngere Bruder Ahmet im offiziellen Auftrag die Stadt nach streunenden Hunden durchforstet,  lässt sich Kadir auf einen „Job“ für die staatliche Terrorismusabwehrbehörde ein, die von ihm verlangt, seine Nachbarn und Freunde zu bespitzeln und im Straßenmüll nach Spuren von Sprengstoff zu suchen. In einer sich langsam immer fiebriger windenden Spirale aus Bedrohung, Isolation und Paranoia, findet Alper immer düstere, unheilvollere Bilder für den Wahnsinn der allgegenwärtigen politischen Gewalt seines Landes, das hier ebenso stellvertretend für den Alptraum einer jeden Gesellschaft stehen könnte, die sich auf ähnlich unsicherem Boden bewegt.

Terror, Kontrolle und Gewalt bestimmten den Alltag auch in zwei weiteren Wettbewerbsfilmen. Der 38-jährige Regisseur und Drehbuchautor Tobias Lindholm begleitet in Krigen (A War) zunächst eine Gruppe dänischer UNO-Soldaten beim Friedenseinsatz in einer abgelegenen Provinz in Afghanistan. Was auf den ersten Blick nach routiniertem Kriegsalltag ausschaut, entpuppt sich jedoch bald als fataler Konflikt, für dessen Lösung der befehlshabende Offizier Pedersen (Pilou Asbæk) die Verantwortung trägt. Als sein Trupp auf einer der täglichen Patrouillen in eine brenzliche Situation gerät, bei der aufgrund einer falschen Entscheidung Pedersens elf Menschen ums Leben kommen, wird er unverzüglich aus dem Krisengebiet abgezogen, um sich in seinem Heimatland vor Gericht für das vermeintliche Kriegsverbrechen zu verantworten. Der Plot mag wenig originell klingen, doch gelingt Lindholm in der Gegenüberstellung von Kriegsalltag, Familienleben und Rechtsstaat eine so eindringliche wie fesselnde Versuchsanordnung über das moralische und ethische Dilemma eines Mannes, dessen Berufung als Offizier Konsequenzen nicht nur für ihn alleine und für seine Truppe hat, sondern vor allem auch für seine Frau und seine Kinder zu Hause. Wie bereits in seinen vorangegangenen Regiearbeiten R und A Highjacking hält sich Lindholm erneut vor allem im Schnitt zurück und gibt seinen Figuren damit die Zeit und den Raum, zu sich selbst und zu ihren Gefühlen zu finden. In seiner unprätentiösen Art ist Krigen eine konzentrierte Reflexion über Schuld, Sühne und Vergebung, die sich behutsam von den beschriebenen Umständen löst und zu einer bewegenden Parabel wird.

Als weniger sensibel, aber in seiner Umsetzung nicht weniger wirksam erwies sich der argentinische Blockbuster El Clan. Pablo Trapero rekonstruiert darin die kriminellen Machenschaften des Puccio-Clans, einer nach außen hin unscheinbar und intakt  wirkenden Familie und deren Oberhaupt Arquimides Puccio. Innerhalb von knapp drei Jahren hatten sie mindestens drei Menschen, die zur Erpressung von Lösegeld gekidnappt worden waren, getötet. Ein weiteres Opfer, das in Ketten im Keller des Familienhauses gefangen gehalten worden war, konnte nach der Verhaftung Puccios und seiner Angehörigen befreit werden. Der Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, die Argentinien in den achtziger Jahren in Atem hielt, setzt vor allem darauf, die  bizarre Atmosphäre jener Zeit widerzuspiegeln und schafft dennoch angesichts der dem Drehbuch eingeschriebenen subversiven Ironie eine beklemmende Tiefe und Authentizität.