Wo die Preise hinfallen

| Pamela Jahn |

Entscheidung in Venedig – mit durchaus überraschenden Resultaten.

Mit Juryentscheidungen ist das immer so eine Sache: Über sie vorab zu spekulieren macht Spaß, doch am Ende lassen sie einen oft ratlos zurück. Die Preisverleihung, mit der die 72. Internationalen Filmfestspiele von Venedig zu Ende gingen, ist dafür ein gutes Beispiel und bestätigt obendrein einen Trend dieses Festivaljahres, der sich bereits in Berlin und Cannes abzeichnete. Mit der überraschenden Vergabe des Goldenen Löwen für den besten Film an Desde Allá (From Afar) von Lorenzo Vigas aus Venezuela gewann ein durchaus gelungenes, aber keineswegs herausragendes Drama den Hauptpreis. In dem düsteren Erstlingswerk des 48-jährigen Regisseurs geht es um einen Mann mittleren Alters, der auf den Straßen von Caracas junge Burschen aufgabelt, um sich buchstäblich hinter ihrem Rücken selbst zu befriedigen. Als er eines Tages auf den 18-jährigen Elder trifft, entwickelt sich aus dieser Begegnung eine prekäre Beziehung, die für beide nicht ohne Folgen bleibt. Desde Allá ist ein solider, unaufdringlich inszenierter, aber auch allzu schnell verblassender Film. Man fragt sich, was die neunköpfige Jury um Alfonso Cuarón dazu bewogen hat, ausgerechnet diesen Beitrag anderen Löwen-Kandidaten vorzuziehen, die in diesem durchwachsenen Jahrgang nicht nur besser, sondern auch origineller waren. So geht der Goldene Löwe zum ersten Mal nach Venezuela.

Ist der Hauptpreis erstmal an einen Außenseiter vergeben, wirkt sich das oft bis in die unteren Kategorien aus. Dabei verwundert es weniger, dass der Silberne Löwe für die beste Regie an den Argentinier Pablo Trapero für den Entführungsthriller El Clan (The Clan) und damit ebenfalls an einen Südamerikaner ging, als die Tatsache, dass sich der türkische Beitrag Abluka (Frenzy) von Emin Alper, dem viele Kritiker durchaus Chancen auf den Goldenen Löwen eingeräumt hatten, mit dem Spezialpreis der Jury zufrieden geben musste. Als bester Darsteller wurde der Franzose Fabrice Luchini ausgezeichnet, der in Christian Vincents L’Hermine (Courted) einen Richter im Abgesang seiner Karriere verkörpert, während sein Regisseur selbst den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Als beste Schauspielerin wurde die Italienerin Valeria Golino für ihre Darstellung einer gepeinigten Frau in Giuseppe Gaudinos Per Amor Vostro geehrt, doch so sehr man ihr zwar den Preis an sich gönnte, hätte man sich gewünscht, dass sie ihn für einen besseren Film gewonnen hätte. Keineswegs überraschend wurde dagegen der Marcello-Mastroianni-Preis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung an Abraham Attah vergeben, der in Cary Joji Fukunagas mangelhaftem Beasts of No Nation in der Hauptrolle als verwaister Kindersoldat brillierte.

Schließlich konnte am Ende trotz allem einer der Favoriten trumpfen: Mit dem Großen Preis der Jury für den entwaffnend schlichten Puppentrickfilm Anomalisa hat Venedig neben dem offiziellen auch seinen heimlichen Hauptgewinner gefunden. Das Gemeinschaftswerk von Charlie Kaufman und Duke Johnson, das aus einer Bühnenfassung heraus entstand, erzählt die Geschichte eines von sich und der Welt entnervten Geschäfts- und Ehemannes auf Dienstreise nach Cincinnati. Als sein verzweifeltes Ego im Hotel unverhofft auf die reizend introvertierte Lisa trifft, stellt jene Begegnung nicht nur unverzüglich die unerträgliche Banalität seines Daseins auf den Kopf, sondern mündet in eine Nacht der emotionalen Irrungen und Wirrungen. Wo die Liebe ist, da ist auch die Enttäuschung nicht weit – eine Gewissheit, die sich Kaufmann bereits in seinen genialen Drehbüchern für Michel Gondry (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) und Spike Jonze (Adaptation, Being John Malkovich) zu Nutze zu machen wusste.

Als großer Gewinner in der Nebenreihe „Orizzonti“ konnte sich der 27-jährige US-Amerikaner und bisher nur als Schauspieler bekannte Brady Corbet behaupten. Für sein Regiedebüt The Childhood of a Leader durfte er nicht nur den Silbernen Löwen für den besten Debütfilm, sondern auch gleich den Preis für den besten Regisseur mit nach Hause nehmen. Nicht wenige Kritiker hatten mit dem ambitionierten Erstling, dessen von übermäßiger Wut durchtränkte Handlung lose auf einer Kurzgeschichte Sartres basiert, so ihre Probleme. Aber trotz der konzeptionellen Unausgegorenheit und der hölzernen Figuren (gespielt unter anderem von Bérénice Bejo, Robert Pattinson und Liam Cunningham) muss man dem selbstbewussten Corbet eines lassen: mit dem fulminanten Score von Scott Walker, der sich wie ein Donnerwetter über den düsteren Bildern entlädt, hat er einen Coup landen können, der seinen Film letztlich vor dem großen Untergang rettet.

Die „Orizzonti“-Jury um Jonathan Demme mag bei ihrer Entscheidung von Brian de Palma inspiriert worden sein, der ein paar Tage zuvor mit dem Spezialpreis „Jaeger-LeCoultre Glory to the Filmmaker 2015 Award“ ausgezeichnet wurde. Auch De Palma wollte früh hoch hinaus und war angesichts seines elaborierten Stils nicht immer jedermanns Liebling. Pünktlich zu seinem 75. Geburtstag hat er nun in dem Dokumentarfilm De Palma die Gelegenheit, über sein Leben und Werk zu reflektieren und dabei aus dem Nähkästchen zu plaudern. Zur Preisverleihung angereist waren auch die Filmemacher Noah Baumbach und Jake Paltrow, die den Ausnahmeregisseur insgesamt über zehn Jahre lang für ihre unterhaltsame Doku begleitet haben. Gezeigt worden war sie außer Konkurrenz im Anschluss an die Galaveranstaltung.

Der einzige österreichische Beitrag in Venedig, Andreas Horvaths Doku-Porträt Helmut Berger, Actor, ging in der mit insgesamt 31 Beiträgen größten Nebenschiene „Venezia Classici“ völlig unter. Für den tragischen Star des Films war das vielleicht auch am besten.