Klotzen statt Kleckern

Klotzen statt Kleckern

| Dieter Oßwald |

Das Filmfest Zürich punktete mit Star-Aufgebot und starken Filmen

Auf die Promi-Parade des Filmfests Zürich (24. September bis 4. Oktober) dürfte die deutsche Festival-Konkurrenz neidisch sein. Zu den bisherigen Glamour-Gästen gehörten u.a. Hugh Jackman, Richard Gere, Sean Penn, Michael Douglas, Michael Keaton, Morgan Freeman, Debra Winger, Peter Fonda, Cate Blanchett oder Elyas M’Barek. Auf der aktuellen Gästeliste der elften Ausgabe fanden sich illustre Namen wie Arnold Schwarzenegger, Christoph Waltz, Kiefer Sutherland, Ellen Page, Liam Hemsworth, Stephen Fry und Jeremy Irons. Wer das nötige Kleingeld hat, bekommt eben auch die großen Nummern der Branche. Mit einem satten Budget von umgerechnet 6,5 Millionen Euro können die Schweizer freilich auch große Sprünge machen. Die Viennale muss sich mit knapp der Hälfte begnügen, München und Mannheim haben 1,5 beziehungsweise 1,3 Millionen Euro für ihre Filmfeste zur Verfügung und Hamburg lediglich 650.000 Euro. Wenn dann noch eine große Airline als Sponsor jedem verkauften Kinoticket einen Gutschein von 20 Prozent Rabatt für den nächsten Flug beilegt, lässt sich der Nachfrage gelassen entgegen sehen.

Doch auch programmatisch haben die Festival-Gründer Nadja Schildknecht und Karl Spoerri in elf Jahren ein hochkarätiges Filmfest etabliert. Als Weltpremiere ging, gleichsam als Heimspiel, die Verfilmung von Martin Suters Erfolgsroman „Die dunkle Seite des Mondes“ ins Rennen. Moritz Bleibtreu gibt darin den erfolgreichen Manager, dem das Menü psychoaktiver Pilze seiner Hippie-Freunde einen ziemlich üblen Horrortrip beschert. Der aalglatte Jurist mutiert fortan zum Menschenfreund, der eine fiese Pharma-Manipulation aufdecken will – was Jürgen Prochnow als sein skrupelloser Chef nicht ganz so gut findet. Etwas verrechnet hat sich ebenfalls Jeremy Irons, der als Mathematik-Professor in The Man Who Knew Infinity einen indischen Nobody nach Oxford holt – der sich alsbald als wahres Genie entpuppt. Die eitle Elite der Kolonialmacht will sich von dem Underdog freilich nicht in den Schatten stellen lassen. Die biedere Malen-nach-Zahlen-Dramaturgie vermag kaum zu überzeugen, immerhin erweist sich Stephen Fry einmal mehr als vergnügliches Highlight.

Der Trend, wahre Geschichten auf die Leinwand zu bringen, findet sich auch im Programm von Zürich vielfach wieder. Freeheld erzählt die Story der lesbischen Polizistin Laurel Hester (Julianne Moore), die darum kämpft, dass ihre Partnerin (Ellen Page) pensionsberechtigt wird – sehr zum Ärger der homophoben Lokalpolitiker. Der deutsche Oscar-Besitzer Florian Gallenberger widmet sich in Colonia dem düsteren Kapitel der „Colonia Dignidad“ in Chile, wo eine pseudoreligiöse Sekte schwerste Menschenrechtsverletzungen beging – und dabei von deutschen Diplomaten gedeckt wurde. Über die Verrisse in Toronto zeigte sich Gallenberger in Zürich bestürzt. „Einige Kritiker haben mir eine Verhöhnung der Opfer vorgeworfen. Tatsächlich haben mir viele Überlebenden diese Lagers erzählt, wie dankbar sie für diesen Film sind.“  Beim Programm bedient man sich in Zürich auch an den bewährten Erfolgen von Cannes, Berlin und Venedig. Das Spektrum der Festival-Perlen reichte von Carol über Life und Louder than Bombs bis hin zu 45 Years. Als cineastisches Sahnehäubchen erwies sich erwartungsgemäß die umfangreiche Mike Leigh-Retrospektive – dass der britische Griesgram höchstpersönlich seine Filme dem Publikum in Zürich präsentierte, spricht für die Premium-Klasse des jungen Festivals.