shoplifters

Shoplifters

The Human Touch

| Michael Pekler |
Mit seinem feinsinnigen Familiendrama „Shoplifters“ über das Leben einer Gruppe von Außenseitern hat der Japaner Kore-eda Hirokazu heuer in Cannes völlig zu Recht die Goldene Palme gewonnen. Eine späte europäische Würdigung eines der bedeutendsten Regisseure des asiatischen Autorenkinos.

Es gibt Dinge, die kann man zuhause nicht lernen.“ So ein Satz ist schnell gesagt, weil er sich richtig anhört und natürlich auch stimmt. Dafür müsse man zur Schule gehen, erklärt der penibel gekleidete Mann dem Buben, der ihm in seinem Büro gegenüber sitzt. Shota ist wohl knapp zehn Jahre alt und hat noch nie eine Schule besucht. Leute treffen und Freundschaften schließen, wie man sich das offiziell vorstellt, will er aber durchaus. Möglicherweise war dieser Wunsch sogar eines Tages so groß, dass er nun hier in diesem kahlen Büro sitzt, das so ganz anders aussieht als die vollgeräumte winzige Wohnung zuhause. Oder es war das schlechte Gewissen, schon so lange als Dieb durch die Stadt gezogen zu sein. Oder beides. Der Büromensch, der hier die Interessen des Staates und also vorgeblich der Gesellschaft vertritt, mag zwar recht haben, seine Argumente richtig und seine Gründe triftig sein, doch was man in Shoplifters zuvor gesehen hat, ist nicht weniger wahr.

Denn was man bis dahin gesehen hat, war die Geschichte von Shota und seiner Familie, die in einem kleinen Haus in Tokyo auf engstem Raum lebt. Dass Geld und Essen hier von größter Bedeutung sind, erfährt man gleich zu Beginn in einer Szene, in der Shota mit seinem Vater Osamu Lebensmittel klaut – und zwar nicht zum ersten Mal, wie man anhand ihrer professionellen Vorgehensweise leicht erkennen kann. Sie sind ein eingespieltes Team, bei dem sich der eine auf den anderen verlassen kann. Kleine Zeichen und Gesten genügen den beiden zur Verständigung. Alles wirkt nicht nur leicht, sondern beinahe selbstverständlich. „Solange etwas noch nicht gekauft ist, gehört es auch niemandem“, erklärt Osamu, und obwohl das als Rechtfertigung natürlich nicht stimmt, genügt es Shota als Erklärung. Und Erklärungen wird es noch viele brauchen in diesem Film, und zwar deshalb, weil Kore-eda Hirokazu genau weiß, dass man manche Fragen nicht so einfach beantworten kann – es aber umso wichtiger ist, sie zu stellen.

Zum Beispiel die Frage: Was ist eigentlich eine Familie? Was zeichnet sie aus, was bestimmt sie? Als Osamu und Shota abends nachhause gehen, entdecken sie ein kleines Mädchen, das offensichtlich auf einen Balkon ausgesperrt wurde. Voller Empathie nehmen sie die hungrige und durchfrorene Yuri mit, zunächst nur in der Absicht zu helfen. Daheim entdeckt Osamus Partnerin Nobuyo blaue Flecken an dem Mädchen. Kann man ein Kind an einen solchen Ort, zu einer solchen Familie, zurückbringen? Yuri wird jedenfalls bleiben, denn der Weg zur Polizei ist für Osamu und Nobuyo keine Möglichkeit – warum das so ist, zeigt Kore-eda in der Folge als völlig undramatische Enthüllungsstory.    

Diese Enthüllung betrifft die einzelnen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern ebenso wie ihre Vergangenheit, die sich im Laufe der Tage und Wochen langsam, aber immer deutlicher abzeichnet. Neben Osamu, Nobuyo und Shota sind da nämlich noch zwei weitere Mitbewohnerinnen: die alte Hatsue, die von allen Großmutter genannt wird und die mittels geheimer Quelle wesentlich zum Haushaltseinkommen beiträgt, sowie ihre erwachsene Enkeltochter Aki. Vor allem Hatsue – dargestellt von der im September verstorbenen, großartigen Kiki Kirin, die schon etliche Male für Kore-eda spielte – verfolgt dabei ihre eigenen Interessen. Es ist diese fein ausgewogene Balance zwischen den Figuren, die Shoplifters zuvorderst bestimmt und die im Grunde alle Familiendramen Kore-edas auszeichnet. Das hat auch damit zu tun, dass Kore-eda, ganz im Sinne der Autorentradition, seine Filme auch selbst schreibt und für den Schnitt verantwortlich zeichnet. Das Schreiben, das Inszenieren und die Montage haben für Kore-eda merklich denselben Stellenwert. Der Gestaltung der Charaktere und dem Spiel der Darsteller kommen dieselbe Bedeutung zu wie der Erzählzeit. Bis in Shoplifters etwa die tatsächlichen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern ersichtlich geworden sind, sozusagen die Wahrheit ans Licht gekommen ist, hat man dieses Quintett bereits so gut kennengelernt, dass die moralische Beurteilung – ist das tatsächlich Diebstahl und gar Kidnapping? – ganz eigenen Kriterien folgt.

Dass Kore-eda nach The Third Murder, seinem zuletzt überraschenden Ausflug ins Thrillerfach (wenngleich sich hier erstaunliche Parallelen zu seinen vorigen Arbeiten feststellen ließen), mit Shoplifters wieder auf sein angestammtes Terrain des Familiendramas zurückgekehrt ist, überrascht also wenig. Ebenso der wiederkehrende Vergleich mit dem allseits verehrten Großmeister Ozu Yasujirô und dessen Familiengeschichten als Krisenzentren der japanischen Gesellschaft. Denn wo sonst ließe sich der von Kore-eda so oft wie fulminant behandelte Widerspruch von Wahrnehmung als Beobachtung und Wahrheit als Bestandsaufnahme darlegen als im Alltag und in der Beziehung zu jenen Menschen, die einem scheinbar am nächsten stehen? Wie nehmen wir uns vertraute Menschen wahr und worauf bauen Gefühle wie Vertrauen und Zusammengehörigkeit? Die kleinen Geheimnisse der Kleinkriminellen und Ausgestoßenen, die sich in Shoplifters zum losen Familienverband zusammengefunden haben, basieren etwa nicht auf Lügen, sondern auf Verschweigen. Vielleicht passt auch deshalb der französische Titel dieses Films besser als sein internationaler englischer: Une affaire de famille. Es ist eine Familienangelegenheit, aber zugleich ein Handel. Und zwar ein lange Zeit guter für alle.

Bei der Pressekonferenz in Cannes, wo Shoplifters seine Weltpremiere feierte, meinte Kore-eda, er habe keinen Film über die japanische Gesellschaft drehen wollen, sondern nur über eine Familie. Das ist natürlich gelogen und wahr zugleich. Denn Kore-eda und jeder, der seine Filme kennt, weiß genau, dass diese Familienangelegenheiten in höchstem Maße politisch sind. Dass der Rückzug ins Private, vor allem wenn er so konsequent beschritten wird wie in Shoplifters, natürlich das Licht auf eine Gesellschaft wirft, die vor Armut und Einsamkeit die Augen verschließt. Osamu und Nobuyo haben zum Beispiel, obwohl man es beinahe übersieht, durchaus eine Arbeit – von der sie, was man aber nicht übersehen kann, nicht leben können: Er auf einer Baustelle, sie in einer Wäscherei. Als Osamu in einer Szene von Aki gefragt wird, warum er und Nobuyo überhaupt noch zusammen seien, obwohl sie doch nicht mehr miteinander schlafen, verweist er auf die Herzensbindung, die doch viel wichtiger sei. Falsch, so Aki, was sie einzig zusammenhielte, sei ihre gemeinsame Not. Sogar hier, wo es doch um die Liebe geht, widersprechen sich Wahrnehmung und Wahrheit.    

Dass Kore-eda für Shoplifters mit der Goldenen Palme prämiert wurde, ist unbedingt auch als Auszeichnung für sein bisheriges Werk zu verstehen. Seit mehr als zwanzig Jahren dreht der Japaner Filme auf höchstem Niveau, seit Imamura Shohei mit Unagi (Der Aal, 1997) ist er der erste japanische Cannes-Gewinner. Regierungschef Shinzo Abe soll – angesichts der sozialkritischen Thematik wenig überraschend – nicht gratuliert haben. Erst spät erlangte Kore-eda dank internationaler Festivalerfolge wie Like Father, Like Son (2013) und Our Little Sister (2015) auch im deutschsprachigen Raum die ihm gebührende Aufmerksamkeit (eine Vorreiterrolle übernahm die Viennale, die 2004 anlässlich des damals aktuellen Nobody Knows eine umfassende Retrospektive des Frühwerks präsentierte). Like Father, Like Son, ein Drama über zwei Familien, deren Söhne bei der Geburt vertauscht wurden, erhielt in Cannes den Preis der Jury und wurde ebendort vom anwesenden Steven Spielberg für dessen Dreamworks-Studio für ein Remake auserkoren. Die Entdeckung Kore-edas für den regulären Kinobetrieb, und sei es über den Umweg des US-Mainstream, war also überfällig.

Das familiäre System in Shoplifters, das durch das Auftauchen der kleinen Yuri zu kippen droht, ist auch deshalb so fragil, weil es autonom funktioniert und sich außerhalb der Norm – also des Nomalen – befindet. Das kleine Glück im Unglück zu finden, wurde im Kino so oft romantisiert, dass es mitunter schwierig geworden ist, das Elend hinter der Verklärung zu erkennen. Kore-eda ist – anders als das sozialkritische europäische Autorenkino – jedoch ein Filmemacher, der die Not, in der sich seine Figuren befinden, nie bewertet.

In Shoplifters schafft die Not jene Situation, auf der die Zweckgemeinschaft beruht, die aber keine ist, gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Vielmehr geht es darum, sich mit ihr zu arrangieren, so wie man sich mit sich selbst zu arrangieren hat, wenn man im Leben nicht dort gelandet ist, wo man vielleicht hinwollte. Wer sich wie Osamu, Nobuyo und die alte Hatsue mit der Situation abgefunden hat, empfindet diese gar nicht mehr als schlimm. Sondern kümmert sich vielleicht sogar noch um die anderen. Das bringt die melancholisch-traurige Note in die Filme Kore-edas ein, aber auch eine komische. Und eben das macht Kore-eda Hirokazu zu einem der größten Humanisten des aktuellen Weltkinos.