Michael Shannon Die Libelle

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Die Welt ist nicht genug

| Pamela Jahn |
Der Ausnahmeschauspieler Michael Shannon spielt in der Miniserie „Die Libelle“ einen israelischen Spion auf Terroristenjagd. Im Gespräch mit ray spricht er über das Romantische am Geheimagentendasein, die Politik von heute, die Sorgen von morgen, und warum Spione die besseren Schauspieler sind.

Mister Shannon, was hat Sie mehr an diesem Projekt gereizt, die Tatsache, dass es sich um eine John-le-Carré-Verfilmung handelt, oder die Zusammenarbeit mit Park Chan-Wook?
Michael Shannon:
Ich wollte unbedingt einmal mit Park Chan-Wook arbeiten. Ich bin seit langem ein großer Fan. Und mir ist bisher von niemandem so eine tolle Rolle als Spion angeboten worden. Wahrscheinlich kommt Nelson Van Alden in Boardwalk Empire der Sache am nächsten. Der war ein Agent des Finanzministeriums. Aber davon abgesehen, war die Rolle Neuland für mich, und es hat mich gereizt, einmal einen Spion zu spielen. Ich finde, es hat etwas unheimlich Romantisches an sich, diese Welt der Intrigen und Spionage. Und ich war neugierig, mehr über den Israelisch-Palästinensischen Konflikt zu erfahren. Es ist immer spannend, wenn ein Job einem über die Rolle hinaus zudem auch noch etwas Geschichte lehrt.

Geschichte, die bis heute enorme Relevanz hat.
Michael Shannon: Leider, ja. Aber was mich an der Figur von Martin Kurtz am meisten fasziniert hat, ist, dass er seinen – in Anführungsstrichen – Feinden, ein enormes Maß an Empathie entgegenbringt. Das liegt mir sehr nahe. Ich persönlich bin ebenfalls ein großer Freund von Empathie im Gegensatz zu Antipathie.

Sie haben das Romantische an Spionage-Geschichten angesprochen. Das ist interessant, zumal Le Carre doch eigentlich dafür bekannt ist das Genre zu entzaubern und demystifizieren.
Michael Shannon: Das sehe ich nicht so. Ich finde Kurtz extrem romantisch, ganz ehrlich. Er ist ein Mann, der eine extrem brutale Kindheit überlebt hat, und der sich jetzt als erwachsener Mann an der Hoffnung festklammert, dass sein Tun und Handeln vielleicht irgendeinen positiven Effekt in der Welt haben könnte. Also wenn Sie mich fragen, ist das die romantischste Vorstellung überhaupt. Wir reden von einem kleinen Jungen, der zwar das Konzentrationslager überlebt hat, im Krieg aber seine ganze Familie verloren hat. Der danach nach Israel ging, um Freiheitskämpfer zu werden, bis er schließlich dem Mossad beitrat. Und jetzt steht er da und fordert seinen Chef auf, die Gegner nicht einfach in die Luft zu sprengen, wie sie es tun, sondern zu versuchen, sie zu verstehen. Also, ich finde das romantisch.

Er sieht sich mehr als ein Künstler.
Michael Shannon: Ja, das kommt auch noch dazu, die Tatsache, dass er sich als Künstler versteht. Natürlich kann man es Manipulation nennen, wenn man will, was dem Ganzen automatisch einen negativen Beigeschmack gibt. Aber er liebt die Art und Weise wie er diese alternativen Realitäten schafft und sie zelebriert. Und etwas anderes tue ich als Schauspieler ja im Grunde auch nicht.

Es gibt bereits einen Film aus den achtziger Jahren, der auf Le Carres Buch basiert und in dem Klaus Kinski die Rolle von Kurtz spielt. Haben Sie den gesehen?
Michael Shannon: Nur in Ausschnitten. Ich glaube nicht, dass irgendjemand den Film für ein großes Meisterwerk hält, das man gesehen haben muss. Leider war George Roy Hill bereits sehr krank, als er daran arbeitete und es bedeutete eine große Anstrengung für ihn, den Film fertig zu stellen. Außerdem denke ich, funktioniert die Geschichte besser im Serienformat. Im Film kommt vieles zu kurz. Und dass Klaus Kinski damals die Rolle spielte und es zwischen uns Parallelen im Hinblick auf unsere Zusammenarbeit mit Werner Herzog gibt, das ist reiner Zufall.

Waren Sie bereits ein Kind ein Fan von Spionage-Filmen?
Michael Shannon:
Nein. Ehrlich gesagt, bin ich als Kind kaum ins Kino gegangen. Vielleicht ein Bond-Film hier oder da, aber das war’s. Das klingt jetzt nicht wirklich sehr anspruchsvoll, aber es ist die Wahrheit. Nichts für ungut, Ian Fleming!

Sie sprechen mit einem Akzent im Film, den Sie brillant meistern. Wie schwer oder einfach ist es für Sie, sich zusätzlich zu Ihrem Text, ihrem Spiel, ihrer Mimik und Gestik auch noch darauf zu konzentrieren?
Michael Shannon: Es ist immer wieder beängstigend. Ja, beängstigend ist vielleicht das richtige Wort. Denn natürlich will man keinen Aspekt einer Darstellung vermasseln. Ich persönlich, versuche das jedoch trotzdem nicht zu eng zu sehen. Ich bin ehrlich gesagt mehr besorgt darüber, was in der Realität geschieht, als mit meinem Auftritt in einem Film oder in einer TV-Serie.

Der Serie gelingt es, feine Nuancen zu setzen. Man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie engagiert und entschlossen beide Seiten sind, man erfährt, was sie denken, ihre Ansichten und Beweggründe. Nichts ist einfach schwarz oder weiß.
Michael Shannon: Ja, stimmt. Es gibt keine richtigen Bösewichte und keine Engel. Das liegt in der Natur des Konflikts. Es geht um Israelis und Palästinenser – um Menschen und Kulturen. Amos Oz, ein israelischer Schriftsteller, dessen Interviews mir bei der Vorbereitung auch in Sachen Akzent geholfen haben, hat immer gesagt, da stehen sich zwei Kulturen gegenüber, die auf beiden Seiten schwere Schläge haben einstecken müssen, die verfolgt wurden und getötet. Das heißt, im Grunde handelt es sich um zwei Seiten derselben Medaille Die Aufgabe besteht darin, sie aus dieser Zwickmühle zu befreien. Das ist das Problem. Das ist es, was sie in den Wahnsinn treibt.

Denken Sie, der derzeitige Fokus auf politisch orientierte Stoffe jeglicher Art in Film und Fernsehen ist in der Zeit, in der wir heute leben, wichtiger als noch vor ein paar Jahren?
Michael Shannon: Unbedingt. Denken Sie nur an die Warnung des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), dass ein Großteil der Welt 2030 vermutlich unbewohnbar sein wird. Ich habe eine Tochter, die dann gerade mal 16 Jahre alt sein wird, und ich möchte nicht, dass sie das durchmachen muss. Das hat sie nicht verdient. Nur leider interessiert das unsere derzeitige Regierung nicht, obwohl sie genau wissen, worum es geht. Sie halten es trotzdem nicht für nötig, etwas dagegen zu tun. Ich habe keine Ahnung, was in deren Köpfen vorgeht. Oder anders gesagt: Es ist schwer, sich vorzustellen, was in einem Kopf vorgeht, in dem vermutlich grundsätzlich nicht viel Hirn vorhanden ist

So wie Kurtz die Welt mit seinem Handeln verbessern will, ist das nicht eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen?
Michael Shannon: Vielleicht. Ich denke mir immer, es gibt so viele schlechte Menschen auf der Welt. Auf jeden wirklich positiv engagierten Menschen, der sich darum bemüht, Gutes zu tun, kommt immer gleich einer, der nur daran interessiert ist, die Welt zu zerstören. Im Endeffekt ist es ein Nummernspiel. Es geht lediglich darum, welche Seite überwiegt. Aber ganz gleich auf welcher Seite man steht, wenn man aufgibt, bleibt nur noch der Abgrund. Und der Punkt ist doch der: Mal ganz abgesehen davon, ob man an irgendeine Religion glaubt oder nicht, jeder von uns sollte seinem Leben einen Sinn geben, für eine Sache eintreten, etwas tun, an das man glaubt. Denn es ist ein Privileg, auf der Welt zu sein, ganz gleich wie anstrengend oder trostlos es sich manchmal anfühlt. Es ist ein Privileg, eine einmalige Chance, und die sollten wir nutzen, obgleich der noch so unüberwindbar scheinenden Herausforderungen, die sich einem dabei in den Weg stellen mögen.

Haben Geschichten, die in der Vergangenheit spielen, einen besonderen Anreiz für Sie?
Michael Shannon: Ja und nein. Wie gesagt, ich mache mir in erster Linie Sorgen um unsere Gegenwart und die Zukunft für unsere Kinder. Aber das Spannende an historischen Stoffen ist, dass sie einem die Gelegenheit geben, an Orte und in Zeiten zurückzugehen, die einem sonst verschlossen bleiben würden. Allein deshalb bin ich so dankbar dafür, dass ich einen Beruf habe, der mein Leben in dieser Hinsicht unendlich bereichert. Würde ich Tag ein, Tag aus in einem Büro arbeiten, immer mit denselben Leuten, immer das Gleiche tun, hätte ich nie all die Dinge gesehen und gemacht, die ich in meiner Laufbahn bisher erleben durfte. Und ich weiß, das ist keine Selbstverständlichkeit. Deshalb habe ich stets versucht, die Dinge von möglichst vielen Standpunkten aus zu betrachten und bis jetzt bin ich damit immer ganz gut gefahren. Ich denke, auf diese Art und Weise an seinen Beruf, egal welchen, heranzugehen, ist gut fürs Herz und für den Kopf.

Sie haben vorhin die Parallelen zwischen der Schauspielerei und der Spionage bereits angesprochen. Sind Spione vielleicht sogar die besten Schauspieler?
Michael Shannon: Kurtz redet von dem, was er tun als dem „Theater des Realen“ – und nichts anderes tun wir Schauspieler ja auch, wir kreieren eine alternative Wirklichkeit, in der sich die Zuschauer verlieren können. Der Unterschied besteht darin, dass mein Leben auf der Bühne oder vor der Kamera nicht auf dem Spiel steht. In diesem Sinne sind Spione in der Tat die besseren Schauspieler – sie müssen es sein. Wenn ich eine schlechte Performance abliefere, werde ich nicht gleich erschossen. Ich bekomme ein paar schlechte Kritiken, aber das ist alles. Für einen Spion dagegen ist quasi jeder Tag ein Spiel um Leben und Tod.

Sind Sie jemand, der leicht Risiken eingeht?
Michael Shannon: Was soll ich sagen, ich sitze hier mit Ihnen und einem Aufnahmegerät, das jedes Wort von mir aufzeichnet. Das ist mir riskant genug.

Ich hoffe, so schlimm ist es nicht.
Michael Shannon: Nein, im Gegenteil. Aber wenn Sie mich so fragen, niemand hat mir am Anfang meiner Laufbahn den Schlüssel zum Schauspiel-Emporium ausgehändigt. Ich bin einfach ans Set gekommen und habe meinen Job gemacht, so gut ich eben konnte. Die Leute fragen mich immer, was mein großer Durchbruch war. Und ich weiß nie, was ich darauf antworten soll, denn den gab es nicht. Ich hatte keinen durchschlagenden Erfolg. Ich habe langsam meinen Weg gefunden, mir eine Karriere aufgebaut. Einfach war es ist, und ich habe einiges riskiert. Umso dankbarer bin ich, dass ich jetzt da bin, wo ich bin und nirgendwo anders.