Am 30. Juni ging nach elf abwechslungsreichen Tagen die bereits 73. Ausgabe des liebevoll Edfest genannten Edinburgh International Film Festival mit dem Abschlussfilm „Mrs. Lowry & Son“ erfolgreich zu Ende.
Schottlands Hauptstadt ist sowieso immer eine Reise wert. Im August verstopfen die kulturhungrigen Besucher des Fringe Theater Festivals die engen Gassen der Altstadt, aber auch den Rest des Jahres locken die vielen Sehenswürdigkeiten rund um die Royal Mile genügend internationale Touristen an. Auch das Edfest ist ein Highlight des Kulturkalenders, die vielen Stammgäste bei diesem Publikumsfestival können sich jedes Jahr auf interessante Gäste freuen, die bei Filmtalks gerne ausführlich Rede und Antwort stehen, aber auch keine Scheu haben, sich zu später Stunde bei Drinks in der Filmhouse Bar unter das gemeine Volk zu mischen. Dieses Jahr standen u. a. Danny Boyle (Trainspotting, Yesterday), der renommierte Dokumentarfilmer Nick Broomfield, aber auch internationale Gäste wie die Spanierin Iciar Bollain dem Publikum gernezur Verfügung. Dem Filmland Spanien war ein ausführlicher Fokus gewidmet, die vielen hauptsächlich im Servicebereich tätigen Gastarbeiter haben sich sicherlich über die Gelegenheit gefreut, ihre Muttersprache auf der Leinwand zu hören. Einer der Schwerpunkte des Programms liegt natürlich auf aktuellen englischen und schottischen Produktionen, darunter einige Weltpremieren und britische Erstaufführungen wie Joanna Hoggs sehenswertes autobiografisches Werk The Souvenir. Tilda Swinton spielt eine Nebenrolle und ihre Tochter Honor Swinton Byrne liefert als Alter Ego der Regisseurin, die in einer schwierigen Beziehung mit einem heroinsüchtigen Dandy steckt und auf der Filmschule ihren Stil finden muss, eine echte Talentprobe.
Der Rest des Programms setzt sich aus der üblichen Festivalmischung aus amerikanischen Indies, europäischem Arthouse und einer handverlesenen Auswahl des restlichen Weltkinos zusammen, wobei Dokumentarfilme mit interessanten Einblicken in die Hintergründe des Filmemachens eine wichtige Rolle spielen: Ziva Postec. The Editor Behind the Film Shoah, wirft ein Licht auf den spannenden und langwierigen Entstehungsprozess von Claude Lanzmanns bahnbrechender Holocaust-Aufarbeitung mit klarem Fokus auf die Montage. Der 2001 verstorbenen einflussreichen Filmkritikerin Pauline Kael ist die Hommage What She Said: The Art of Pauline Kael gewidmet, in der ihr Leben, ihr feministisches Engagement und ihre oft kontroversiell diskutierten Kritiken von Wegbegleitern und Regisseuren beleuchtet werden. Ganz in der Tradition von Pauline Kael beschäftigt sich Tom Donahue in This Changes Everything mit der langen Geschichte der Gender-Ungleichheit in Hollywoodproduktionen. Schauspielerinnen und Aktivistinnen wie Cate Blanchett, Geena Davis oder Meryl Streep, die für die „Balance of power“ eintreten, analysieren vor der Kamera den unbefriedigenden Status quo, geben aber auch Hoffnung, dass sich langsam etwas ändert in der Traumfabrik.
Bei den vielen politisch und sozial engagierten Filmen des Festivals darf aber auch der Genuss nicht zu kurz kommen. Edinburgh ist nicht nur eine kulturell äußerst vielfältige Stadt, auch das kulinarische Angebot beschränkt sich längst nicht nur auf das nicht gerade magenschonende Scottish Breakfast und diverses Meeresgetier. Internationale Restaurants jeder Preis- und Güteklasse zeigen, dass die Schotten offen sind für Einflüsse, auch wenn sie den Stolz auf ihre eigene Küche nicht verleugnen. In der Serie CineCuisine wird die Wechselwirkung von Kino und Küche in Filmen, Vorträgen und Verkostungen lustvoll erforscht. Wie sich überhaupt die hohe Lebensqualität in der Stadt auch auf die Stimmung des Festivals überträgt, die zahlreichen Volunteers sind immer freundlich, das Publikum und die professionellen Besucher kontaktfreudig und interessiert, die zahlreichen Partys legendär. Falls man bei diesem reichhaltigen Programm noch Zeit findet, bieten sich die spektakulären Küstenlandschaften für Ausflüge an, hier kommen nicht nur Golfer und Vogelkundler voll auf ihre Rechnung. Das Edfest erfüllt auf jeden Fall die durchaus hohen Erwartungen, die man an ein so traditionsreiches und renommiertes Festival automatisch stellt.
