Kunstzwerge und Hollywood-Riesen

| Marietta Steinhart |

Das New York Film Festival zeigte frühe Blicke auf kommende Hollywood-Produktionen und internationale Schätze.

Zum 53. Mal versammelte sich die Filmszene Manhattans zum New York Film Festival, das von 25. September bis 11. Oktober 70 Spielfilme und 132 Kurzfilme offerierte und sich in einer Retrospektive den Avantgarde-Werken von Nathaniel Dorsky und Jerome Hiler widmete. Hier gibt es keine bahnbrechenden Entdeckungen unbekannter Emporkömmlinge und keine nicht enden wollenden Warteschlangen wie in Toronto oder Sundance, aber das NYFF ist nicht weniger prestigeträchtig und will ganz sicher nicht mit dem anderen New Yorker Filmfestival – Tribeca – in einem Atemzug genannt werden. Ehrlich gesagt: Es ist ein bisschen versnobt, weil es von und für die kulturelle Elite New Yorks programmiert wird. Man setzt hier auf jene Talente, die sich bereits in der Welt bewährt haben, und sie schauen alle vorbei: Tom Hanks, Michael Fassbender, Don Cheadle und Kollegen. Das Lincoln Center – die Institution, die hinter dem NYFF steht – pickt sich die süßesten Filme aus dem internationalen Festivalbuffet, die sich der Normalverbraucher für 20 Dollar aufwärts ansehen kann – wenn er denn Tickets bekommt.

Es ist eine honorige Veranstaltung „deren Geburt im Jahr 1963 den Höhepunkt des Filmsnobismus in Amerika darstellte“, so drückte es die „New York Times“ aus. Eröffnet wurde damals mit Luis Buñuels Der Würgeengel. Das Festival avancierte zu einem Hafen für Filme aus Europa und Asien, aber heute wird ein guter Teil Premieren renommierter Hollywood-Produktionen gewidmet. Nur weil ein Film aus einem großen US-Studio kommt (wie z.B. Steve Jobs), macht es ihn nicht schlecht, stimmt, aber nur weil ein dreiteiliger Film mit fremdsprachigen Untertiteln sechs Stunden dauert (Miguel Gomez Doku-Fantasy-Hybrid Arabian Nights), muss man ihm keinen Freibrief geben  (so hier geschehen).

Der griechische Filmemacher Giorgos Lanthimos bekam mit The Lobster einen von 26 wohlverdienten Plätzen im „Main Slate“ neben Steven Spielbergs Bridge of Spies, The Forbidden Room, einem sinnlich-klaustrophoben Fiebertraum von Guy Maddin & Evan Johnson, und dem großen taiwanesischen Regisseur Hou Hsiao-Hsien, hier mit seinem in Cannes preisgekrönten Pracht-Film The Assassin vertreten.

Eröffnet hat man dieses Jahr mit Robert Zemeckis The Walk, ein Film, der von Philippe Petits Drahtseilakt zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Centers erzählt. Es war ein idealer, emotionaler Opener für jene New Yorker, die noch lebhafte Erinnerungen an die beiden Türme haben. James Marsh hatte die Geschichte bereits in seinem oscarprämierten Dokumentarfilm Man on Wire besser erzählt, aber die visuellen Effekte in der letzten Hälfte von Zemeckis Film sind vielleicht die besten, die man in diesem Jahr sehen wird.

Das New York Film Festival ist auch ein Ort, wo man vergrabene Schätze finden kann. Wie zum Beispiel Comoara (in Cannes honoriert mit dem Prix Un Certain Regard), einen Film von Corneliu Porumboiu, einem Protagonisten des neuen rumänischen Kinos. Ein Büroangestellter wird von einem möglicherweise verwirrten Nachbarn überredet, nach einem „Schatz“ im Garten seines Urgroßvaters zu graben. Wie in seinen anderen Filmen auch, steckt in Porumboius Film eine komische Allegorie über Rumäniens Platz in der Geschichte.

Giorgos Lanthimos, bekannt für sein sperriges Meisterwerk Dogtooth, stellte sein surreales Wunder The Lobster vor. Der Held seiner Geschichte, David (nie besser gewesen: Colin Farrell), lebt in einer Welt, in der Singles nicht toleriert werden. Weil seine Frau ihn verlassen hat, checkt er in ein Hotel ein, in dem sich alleinstehende Menschen gezwungen sehen, unter den anderen Gästen einen Partner zu finden oder andernfalls in das Tier ihrer Wahl umgewandelt werden. Wie der Titel bereits suggeriert, will David ein Hummer sein, weil die „über hundert Jahre alt werden und blaublütig sind wie Aristokraten“. Gemeinsames Nasenbluten verbindet beim Anbandeln genauso wie schöne Haare oder im Fall von David und seiner Geliebten (Rachel Weisz) die gemeinsame Sehschwäche. Es ist eine brutal dunkle und urkomische Metapher für die Absurditäten des menschlichen Paarungsverhaltens.

Ein weiterer Film, an dem viele schon auf dem Sundance Film Festival Gefallen gefunden hatten, ist Michael Almereydas Experimenter, ein faszinierendes und zeitweilig surreales Porträt des Sozialwissenschaftlers Stanley Milgram (Peter Sarsgaard).

Über das Festival legte sich in diesem Jahr ein weiter Schatten, der ein tiefes Loch in der internationalen Filmszene hinterließ, nämlich der Tod der belgischen Regisseurin Chantal Akerman, einer großne Künstlerin des europäischen Kinos. In ihrem Film No Home Movie dokumentierte sie Unterhaltungen mit ihrer inzwischen verstorbenen Mutter. Die beiden plaudern in der Küche, im Flur oder im Wohnzimmer, und Akerman selbst ist eine spürbare, aber nur flüchtige Präsenz. Sicher, es ist eine schwierige Angelegenheit, weil man mit konsequenter, erdrückender, mitunter einschläfernder Stille konfrontiert ist, und auch in New York war man geteilter Meinung, aber zu Unrecht hat man sie während der Pressevorführungen in Locarno ausgebuht. Für lange Zeit hält Akerman auf leere Zimmer, und wir beginnen zu spüren, dass dies ein Film über eine bevorstehende Abwesenheit ist. Die Betroffenheit in New York war groß. „Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sie eine der originellsten und kühnsten Filme in der Geschichte des Kinos gemacht hat“, schrieb der „New Yorker“ über Jeanne Dielman. Ihr zu Ehren gab es eine separate Vorführung dieses Schlüsselwerks, und NYFF Direktor Kent Jones veröffentlichte einen Tribut an Ackerman, die zur US-Premiere ihres Films erwartet worden war.

Es war kaum zu übersehen, dass Kent Jones ein Faible für Frankreich hat. Das Festival war mit der Geschichte eines französischen Artisten eröffnet worden, die Sprache der Filme von Chantal Akerman ist Französisch, und auch sonst gab es eine Reihe von erwähnenswerten Werken von französischen Auteurs zu sehen wie zum Beispiel Stéphane Brizés La Loi du marché. Arnaud Desplechins liebenswerter Film Trois souvenirs de ma jeunesse ist eine Art Vorgeschichte zu Comment je me suis disputé… (ma vie sexuelle) mit Mathieu Amalric, der hier als Mann mittleren Alters zurückkehrt. Paul Dédalus (Quentin Dolmaire spielt den jungen Dédalus) blickt zurück auf seine Jugendendliebe, gespielt von der bezaubernden Lou Roy-Lecollinet, und zwar auf eine Weise, die es vermag, einem das Herz zu brechen. Philippe Garrels L’Ombre des femmes erzählt ein paar turbulente Monate im Leben eines Schürzenjägers und seiner Ehefrau, während sich in Michel Gondrys sympathischer Komödie Microbe et Gasoil zwei Teenager für einen Road Trip ein Haus auf Rädern bauen. Eine schöne Überraschung war Les Cowboys, ein tolles, nicht immer leichtes und sehr zeitgerechtes Regiedebüt des Drehbuchautors Thomas Bidegain (Stammautor von Jacques Audiard), der auf der Suche nach dem „Wilden Westen“ in Afghanistan ankommt.

Ein Film, der französisch anmutet, aber von der Tochter Arthur Millers stammt, ist Rebecca Millers Komödie Maggie’s Plan. Die Titelheldin (Greta Gerwig) verliebt sich darin in John (Ethan Hawke), einen verheirateten Professor und Romancier, und das gerade, als sie versucht, sich mit gespendeten Spermien befruchten zu lassen. Es ist feinster Woody Allen-Vintage und hat Julianne Moore als köstlich angespannter Ehefrau mit dänischem Akzent.

Das Herzstück und sogenannte „Centerpiece“ des Festivals war Danny Boyles Steve Jobs mit Michael Fassbender als unbändiger Tech-Visionär mit persönlichem Makel, und der Andrang war groß. Sehr groß. Das letzte Mal, das ein Film das New York Film Festival so aufgemischt hat, war angeblich vor fünf Jahren The Social Network, das aus der Feder desselben Drehbuchautors stammt, nämlich Aaron Sorkin. Boyle konzentriert sich auf drei Momente in Steve Jobs Leben, gekoppelt mit der Backstage-Manie von Birdman. „Ich habe Ashton Kutcher studiert“, mokierte sich Fassbender im Rahmen der Pressekonferenz über seinen Vorgänger und Kollegen wegen dessen banaler Leistung in Jobs (2013) – zu Recht. Steven Spielbergs Bridge of Spies bekam das Publikum auf die Beine bei seiner Weltpremiere, aber das auch deshalb weil Hollywoods Lieblingssohn persönlich anwesend war. Es ist ein sehr solider Kalter-Krieg-Thriller, ein bisschen altmodisch, aber formvollendet mit Tom Hanks und einem großartigen Mark Rylance in den Hauptrollen. Zu sehen bekam man auch die schwärmerische, extravagante Schönheit Carol von Todd Haynes. Inzwischen hatte sich auch eine kleine Fangemeinde um Dokumentationen wie Junun von Paul Thomas Anderson und De Palma von Noah Baumbach und Jake Paltrow gebildet. Amerikas „Stiefsohn“ Michael Moore ließ es sich unterdessen nicht nehmen, in seinem ersten Film seit sechs Jahren, Where to Invade Next, die vielen ungünstigen Aspekte des amerikanischen Lebens mit dem europäischen zu vergleichen. Französische Schulkinder bekommen nahrhafte Gourmet-Mahlzeiten serviert, und Italiener bekommen bezahlten Urlaub für ihre Flitterwochen. Davon können Amerikaner nur träumen.

Nach zwölf Tagen endete das New York Film Festival mit Don Cheadles Regiedebüt Miles Ahead, einer jazzigen, nicht-linearen Erzählung über den Trompeter Miles Davis (von Cheadle gespielt), die übliche Biopic-Strukturen zugunsten einer freieren Form meidet, aber übliche Standards wie Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt und Vertragsstreitereien unsentimental abarbeitet.

Festivals sind so gut oder schlecht, so banal oder außerordentlich, wie man sich entscheidet, sie zu machen. Die einen frästen sich konsequent durch etwaige Oscar-Anwärter, die anderen konzentrierten sich auf jene Filme, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Das New York Film Festival erlaubte jedenfalls seltsame Verbindungen und nette Assoziationen zwischen „Kunstzwergen“ und Hollywood-Riesen und erbrachte den Beweis, dass Hollywood und Kunst kein Widerspruch sein muss und Zwerge manchmal sowieso ganz groß sind.