Ein Gespräch mit Yorgos Lanthimos über seinen Film „The Lobster“.
In The Lobster, dem neuen Film von Yorgos Lanthimos (Dogtooth, Alpis), werden alle Singles in ein bestimmtes Hotel verfrachtet, wo sie sich innerhalb einer gewissen Frist verlieben sollen. Bleiben die vom Management erstellten Best-Match-Profile ohne Erfolg, wird die jeweilige Einzelperson schließlich in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. David (Colin Farrell) wählt den Hummer. Regisseur Yorgos Lanthimos erklärt, warum.
Welche Regeln haben Sie denn heute schon befolgt? Oder besser: Welche nicht?
Das ist eine verdammt gute Frage! Viel zu viele habe ich bereits wieder befolgt, viel zu wenige nicht. Das gilt jeden Tag, meine ich. Oje, das ist ja schon wieder eine Regel! Wir leben tatsächlich in einer sehr Regel-bezogenen und von Regeln bestimmten Welt. Vorschriften, mit Sicherheit aber Konventionen gibt es für und über fast alles, für wichtige und völlig unwichtige Dinge. Ich will nun spontan überlegen, was ich heute schon aus völlig freier Entscheidung heraus getan habe…
Damit wären wir schon bei einem wesentlichen Thema Ihres Films: Haben wir überhaupt die Freiheit, herauszufinden, was wir wollen?
Ja, die Frage, ob man wirklich frei ist, überhaupt klar zu denken, ist ein wichtiges Parallelthema im Film. Bedenkt man, dass jeder bereits mit einem ganzen Set von Vorstellungen und Konventionen aufwächst, sofern er nicht völlig allein im Wald geboren wird, kann man berechtigterweise daran zweifeln, dass es per se möglich ist, „klar“ im Sinne von „blank“ zu denken. Jeder um einen herum erwartet etwas von einem, man weiß in einer Gesellschaft, in der man sich bewegt, was es „heißt“, glücklich zu sein, also was in dieser Gesellschaft dafür nötig ist, glücklich zu sein und auch als glücklich angesehen zu werden.
Ist Glück also eine Entscheidung?
In gewissem Sinne, sicher. Es ergibt natürlich Sinn, glücklich sein zu wollen, aber in dem Bestreben ist man vielleicht blind für die tatsächliche Liebe, weil man auch hier bereits nach Kriterien filtert, die unter anderem mit eigenen und fremden Erwartungen oder Regeln und Konventionen, etc. zu tun haben.
Kann man Gefühle herstellen?
Gefühle eventuell schon, aber Liebe nicht, denke ich. Sicherlich gibt es Umstände, die es begünstigen, dass Menschen einander näherkommen oder im Gegenteil, sich von einander entfernen. Aber dann ist es immer noch eine emotionale Entwicklung, die man selbst durchmacht. Von außen Gefühle zu erzwingen, funktioniert meiner Meinung nach nicht. Unter dem gesellschaftlichen Druck, von dem wir gerade gesprochen haben, kann man sich also eventuell gar nicht wirklich verlieben sondern verliebt sich in die bewusste oder unbewusste Konstruktion und Projektion eines Ideals. Dazu kommt noch die urmenschliche Angst vorm Alleinsein, vorm nicht in der Lage-Sein, allein zu überleben.
Es sind also die Strukturen einer jeweiligen Gesellschaft und auch wir selbst, die Freiheit verunmöglichen.
Für den Film hat uns diese Frage nach der Freiheit immens interessiert, und damit wir sie so vollständig als möglich behandeln konnten, mussten wir Wege finden, auch die unterschiedlichsten Lebensentwürfe in gewissen Figuren zu kombinieren. Auch Regeln können sehr beeindruckend sein, und sie kommen jeweils aus einer bestimmten, oft gut gemeinten Absicht heraus. Für den Film imitieren wir die verschiedenen Bereiche nur.
Welche Rolle spielt dabei das Thema Liebe?
Nunja, Liebe ist eines der Dinge, die uns alle im Leben am meisten interessieren, etwas, das wir alle wollen, sei es eine Beziehung haben oder eine Familie. Das Thema ist also sehr offensichtlich, unsere Absicht für den Film war es, die interessantesten Fragen darüber herauszufilten. Wir wollten das Thema Liebe nicht direkt adressieren, sondern so viel als möglich drumherum. Mein Drehbuch-Koautor Eftyhmis Filippou und ich haben die generelle Tendenz, große Themen wie Liebe, Familie und Tod auszuloten, dabei aber Wege zu finden, wie man das interessant auffächern kann, so dass es auch etwas freilegt, das vielleicht gar nichts mit dem Thema zu tun hat.
Surrealismus in der formalen Übersetzung oder als narratives Element spielt in allen Ihren Filmen eine wichtige Rolle. Bei „The Lobster“ habe ich das Gefühl, spielen Sie das offensichtlicher aus als sonst. Warum?
Die Realität zu zeigen, ist für mich nicht von Interesse. In einem Film die Realität als real nachzustellen, ist langweiliger als die Realität selbst. Nimmt man den Realitätsanspruch weg, kann man tief graben und muss sich andere Möglichkeiten einfallen lassen, um etwas zu sagen.
Was finden Sie schwieriger – in einem Film zwischen Charakteren Distanz zu zeigen oder Intimität?
Ich bin nicht sicher, wie man als Filmemacher direkt an Intimität herangehen könnte. Für eine neue Arbeit überlegen und erschaffen wir zuerst immer das größere Spektrum und daraus ergeben sich Splinter-Aspekte, die eventuell Intimität beinhalten.
David, der Protagonist des Films, gerät von einer sozialen „Diktatur“ in die andere. Obwohl als Gegenentwurf zum Liebeshotel erdacht, sind nämlich die „Anarchisten im Dienste der Einsamkeit“, die sich dem Diktat des Lieben-Müssens entgegenstellen, auch nicht frei.
Natürlich nicht, absolut nicht. Sie haben wiederum ein Set an Regeln, das ihr Zusammenleben beziehungsweise ihr kollektives Allein-Sein bestimmt. Es ist ironisch, aber leider nicht falsch, dass ja die Menschen, die gegen ein bestimmtes System rebellieren, auch immer wieder nur ein neues System etablieren, mit denselben Mechanismen von Hierarchien und Unterdrückung und im Grunde nach den immer wieder gleichen gruppendynamischen Regeln, derer sie sich gar nicht entziehen können. So entsteht natürlich wieder ein Teufelskreis, und im Endeffekt wird klar, dass wir im Prinzip nicht in der Lage sind, tatsächlich festzustellen, was wir wirklich wollen.
Wie aber kam der Hummer ins Spiel?
Wir wollten kein Tier wählen, das irgendwie mit Klischees behaftet ist, mit gewissen soziologischen Assoziationen, wie ein Hund zum Beispiel, den ja Davids Bruder als Wunschtier wählt. Auch als direkten Widerspruch dazu, aber ebenfalls aus einer anfänglich anderen Überlegung heraus, kamen wir auf den Hummer. In der allerersten Idee, die wir entworfen hatten, wurde David schließlich auch in einen Hummer verwandelt und dann von seiner Exfrau verspeist. Geblieben ist davon nun nur noch die Andeutung dieser Möglichkeit. Einen Hund zum Beispiel verspeist man eben eher selten. Dazu kamen aber noch die auch für einen Mann nicht irrelevanten Charakteristika des Hummers, ewige Fruchtbarkeit, langes Leben, appetitliches Aussehen, wichtige Dinge.
Dieser Film ist der erste, den Sie nicht in Griechenland realisiert haben, sondern in London, als Koproduktion. Hat sich das ausgewirkt?
Im Wesentlichen nicht, außer in budgetärer Hinsicht natürlich. In Griechenland machen wir Filme unter Freunden, mit Freunden, alle arbeiten zusammen, helfen einander, es ist kein Geld da. Für diesen Film hatte ich also größere finanzielle Mittel zu Verfügung, auch wenn er an internationalen Standards gemessen eher bescheiden ist. Das aber hat mir wiederum mehr Freiheiten gelassen, Entscheidungen selbst zu treffen, und anders würde ich das auch gar nicht wollen. Ich habe 35 Jahre lang in Griechenland gelebt, es war irgendwie an der Zeit, einmal etwas anderes zu sehen.
Würden Sie einen „Film über die Wirtschaftskrise“ machen?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich erlebe die Krise, ich sehe und höre sie in den Nachrichten. Es würde mich nicht interessieren, sie auch noch in einem Film abzubilden. Mich reizt es grundsätzlich nicht, die Realiät abzubilden, „wie sie ist“. Darin kann ich nichts Neues entdecken.
In welches Tier würden Sie sich denn verwandeln lassen?
In einen Vogel.
