„The Handmaid’s Tale“ zeichnet das präzise Bild der Entstehung einer totalitären Gesellschaft. Schade, dass die Serienmacher es nicht bei der Verfilmung von Margaret Atwoods Roman belassen und noch zwei Staffeln drangehängt haben.
Man muss nur wenig erfinden, es liegt alles vor und ist bereits geschehen. Mit ihrem 1985 erschienenen Roman „Der Report der Magd“ hat Margaret Atwood 1985 eine Dystopie geschrieben, der nicht als ein spekulatives Weiterdenken zeitgenössischer gesellschaftlicher Tendenzen gestaltet ist; zumindest nicht primär. Weite Teile der Menschheit sind nach einer Naturkatastrophe unfruchtbar geworden. In einem Teil der ehemaligen USA hat sich das religiös-fundamentalistische Patriarchat Gilead durch einen Staatsstreich inthronisiert. Die wenigen fruchtbaren Frauen werden als Handmaids – „Mägde“ in der deutschsprachigen Übersetzung – in den Häusern der herrschenden Klasse versklavt, um den Männern Kinder zu gebären. Im Zentrum steht June alias Offred, eine der Frauen, die zu Gebärmaschinen degradiert wurden. Die Körper der Handmaids werden zum frei verfügbaren Objekt für die Männer des Regimes – weit über das mit alttestamentarischen Texten legitimierte Ritual hinaus, nämlich die gemeinsam mit der Ehefrau ausgeführte Vergewaltigung der Handmaid.
Für alles, was der Roman ausgehend von dieser Prämisse erzählt, für den Zwang, die Misogynie und die Gewalt, gibt es historische Referenzen – aus der Vergangenheit und der Gegenwart von westlichen und nicht-westlichen Gesellschaften. Margaret Atwood hat Gilead als einen imaginierten Ort der Zeitenmischung konzipiert, in dessen Koordinaten sich sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit literarisch entfaltet. Der Roman entwirft ein Zukunftsszenario, erinnert dabei aber auch daran, was Frauen in der Menschheitsgeschichte angetan wurde und noch immer wird. Ein Ausschnitt der Dinge, die diese Erzählung zur Anschauung bringt: ritualisierte Vergewaltigung von Untergebenen, Genitalverstümmelung, Beschämung von Frauen, die sexuell missbraucht wurden, Berufsverbot, Abtreibungsverbot, Verbannung in den häuslichen Raum, Zwangsprostitution. Gilead ist ein hochverdichtetes Konzentrat dessen, was geschieht und geschehen ist.
Die erste Season von The Handmaid’s Tale bleibt dem Geist der literarischen Vorlage treu und kann gut dreißig Jahre nach dem Erscheinen des Buches als Kommentar zum politischen Backlash in den USA und in Europa verstanden werden. Die Reaktionen auf die Serie waren, sagt Atwood im Interview, schon „surrealistisch positiv“, und diese Einhelligkeit läge schlicht an den politischen Entwicklungen der letzten Jahre, vor allem an der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Inzwischen werden die ikonisch gewordenen roten Kleider und die weißen Hauben in den USA von Demonstrantinnen bei Protestmärschen getragen.
Die Kritiken, die die Serie als besonders realistisch und vor allem als einen stimmigen Kommentar zum politischen Geschehen sehen, haben einerseits Recht, andererseits greifen sie zu kurz. In The Handmaid’s Tale geht es nur peripher um direkte Bezüge zur Gegenwart – auch wenn die Trump-Regierung die Abtreibungsgesetzgebung verschärfen will. Es geht um Totalitarismus-Analyse. Der Faszinationskern der ersten Staffel liegt nicht so sehr in den Suspense-Szenen und auch nicht in der Verstörung, die die drastischen Inszenierungen extrem gewalttätiger Repression evozieren. Was einen trotz des permanenten Serienüberangebots dranbleiben lässt, ist die pointierte, analytisch genaue Entfaltung der Entstehung einer totalitären Gesellschaft und der Strukturen ihrer Gegenwart.
Anhand der Erinnerungen von June (großartig wie eigentlich immer: Elisabeth Moss) sehen wir, wie eine Welt entsteht, in der man nicht mehr ohne Angst atmen kann. Alle Etappen werden durchlaufen: die Krise, die es braucht, um einer zwar starken, aber doch minoritären Position Plausibilität und Geltung zu verschaffen; eine ideologisch (in diesem Fall zudem religiös) aufgepeitschte Bewegung, der es gelingt, politisch Indifferenten überzeugende Erfolgsangebote zu machen. Wenn der rechte Moment gekommen ist, wird nicht mehr geredet und sonstwie strategisch agiert: Die neue Herrschaft installiert sich mit nackter Gewalt. Die Szene in der dritten Episode der ersten Staffel, in der die Schwelle zum ersten Mal überschritten wird, ist eine der denkwürdigsten der Serie: der ungläubige Gesichtsausdruck der Demonstrantinnen und Demonstranten, als sie realisieren, dass die Staatsgewalt mit einem Mal blind in die Menge schießt – der Moment, in dem das Vertrauen in die Welt, wie man sie kannte, zerbricht. Es sind diese Momente, mit denen The Handmaid’s Tale ganz reale Potenziale auch der gegenwärtigen westlichen Gesellschaften spürbar macht.
Das drohende Ende aller Erzählungen
Die Präzision der Erzählung speist sich aus der genauen Figurenzeichnung, die das jeweilige Verhältnis zur Macht nicht auf eine Charakterfrage runterbringt, sondern als Ensemble von Notwendigkeiten, Zwängen und Abweichungsmöglichkeiten darstellt. Das gilt auch für die Figuren auf der Herrschaftsseite. Sie habe keine schlichte Dichotomie gezeichnet, erklärt Atwood, sondern ein Dreieck. In einer Lesart: die herrschenden Männer, die beherrschten Frauen und die beherrschten Herrschenden. Zu letzteren gehört Serena (Yvonne Strahovski), die Frau des Commanders, in dessen Haus June leben muss. Vor der Machtergreifung war Serena eine erfolgreiche Autorin anti-feministischer Bücher und beteiligt an der Errichtung der Herrschaft in Gilead. Nach der Machtergreifung ist sie den Männern am unteren Ende der sozialen Hierarchie übergeordnet, aber untergeordnet allen anderen.
Es ist die Entfaltung dieser Welt, ihrer Genese, ihrer Komplexitäten und Ambivalenzen, die The Handmaid’s Tale so fesselnd macht. So ist das eigentliche Subjekt in dieser Erzählung das totalitäre Regime, und alles, was passiert, ist nur zu verstehen in Bezug auf diese unterwerfende Instanz. Als Heldinnengeschichte greift die Serie dementsprechend erst in zweiter Linie. Der Widerstand, dem June sich Schritt für Schritt anschließt, ist kein Hort von besonders integren, charakterstarken Figuren, sondern einfach der Ort, an dem sich die versammeln, denen es möglich ist. Das Überleben in einer totalitären Welt und die Möglichkeit des Widerstandes hängen ganz wesentlich von Zufällen ab.
Margaret Atwood macht diesen Punkt unmissverständlich klar. Der Roman endet wie die erste Season – offen. Wir erfahren nicht, ob June in den Folterkeller, vors Gericht oder in die Freiheit geführt wird. Diese Willkür lässt die Willkür der Herrschaft spürbar werden. Über eine Welt, in der die Herrscher mit den Versklavten nahezu alles tun und lassen dürfen, was ihnen in den Sinn kommt, kann man keine ungebrochenen Heldengeschichten mehr erzählen. Damit handelt Junes Geschichte vom drohenden Ende aller Erzählungen.
Das allerdings widerstrebt dem Prinzip der Serialität, das mit der Adaption des Romans für ein Streamingportal automatisch bestimmend wird. Die zweite Season spinnt Atwoods Erzählung von einem Punkt aus fort, an dem es eigentlich nichts mehr zu erzählen gibt. Eine dritte ist bereits in Planung. Dass es weitergeht, hat simple ökonomische Gründe: Die Serie läuft halt wahnsinnig gut. Und es ist auch gut, dass die Perspektive, die The Handmaid’s Tale auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einnimmt, noch ein paar Jahre präsent bleiben wird. Das eigentlich Angemessene aber wäre das Unabgeschlossene und dadurch Verstörende, weil es der Welt, in der The Handmaid’s Tale spielt, entspricht. In Gilead entzieht sich das eigene Geschick weitgehend der Kontrolle der Beherrschten. Ob man überlebt, ist ungewiss.
Nicht zuletzt widerspricht die Serialisierung dem Impetus des Romans. Der Text ist offenbar auf die Beunruhigung von Leserin und Leser aus. Die nun einsetzende Serialisierung aber wirkt zwangsläufig beruhigend, durch das die Rezeption bestimmende Gefühl, dass es immer weitergehen wird. Keine gute Voraussetzung für eine Geschichte, die in gewisser Weise vom Ende der Welt erzählt.
