Vom exquisiten Körper zum Haut-Horror: Zwei eindrückliche Werke aus dem Programm „Österreichische Kurzfilme“ belegen die sinnlich immersive Qualität des heimischen Experimentalfilmschaffens.
Er ist wieder einmal ein Traum, der neue Film von Peter Tscherkassky. Geträumt wird er nach ein paar Minuten, zunächst beobachten wir ein Nudisten-Paar bei einer kleinen Bootstour auf eine schlafende Schöne am einsamen Meeresstrand treffen. In deren Kopf, so suggiert The Exquisite Corpus, befeuert durch die Ankunft des nackten Pärchens, läuft dann der Film ab, genauer: laufen gleich mehrere Filme auf einmal ab, schließen die Bilder einander kurz, dass es den Stecker aus der Dose haut. Da wird gezogen und gezerrt, gerieben und gesaugt, da wird zuckend ineinander verschoben und verschmolzen und keine Stellung der Körper und Bilder zueinander ausgelassen, im Positiven wie im Negativen. Denn das analoge Ausgangsmaterial waren, in der Haupt- und schönsten Nebensache: ein vermutlich britischer Amateur-Nudistenfilm, ein italienischer Erotikfilm, ein dänischer und ein französischer Hardcore-Pornofilm, allesamt mutmaßlich aus den siebziger Jahren. The Exquisite Corpus vermählt auf ingeniöse Weise die erotische Lust am nackten und kopulierenden Menschenleib mit der sinnlichen Lust am Körper des materialen und vergehenden Films, zusätzlich elektrisiert vom Trance-Score Dirk Schaefers. Hier kommt das analoge Material noch einmal zum Höhepunkt, zum kleinen Tod, bevor es bald – daher der auf die assoziative „Cadavre Exquis“-Mischtechnik der Surrealisten bezogene Titel – nur mehr ein schöne Leiche sein wird. Das filmgewordene Begehren, die unnachahmliche Blick(ver)führung: Man fühlt sich schon ein wenig als Traumtänzer, darauf immer wieder hinzuweisen, aber mit der von ihm erzielten Immersionswirkung steht Tscherkassky – zumindest im Found Footage Bereich – in der Experimentalfilmlandschaft nach wie vor ziemlich allein da.
Eine ähnlich sinnliche Qualität auf einem stärker abstrahierten erotischen Niveau erreicht Claudia Larcher mit ihrem neuen Film Self. Hier geht es um das größte Sinnesorgan des menschlichen Körpers, zunächst um seine Erscheinungsform im Detail: Poren, Pickel, Flecken, Härchen und Falten. Doch von der eindeutigen Abbildung zieht Larcher Kurven ins Mehrdeutige und weitere Kurven ins Imaginäre. Die Haut als hochbegabtes Mutationsflächenmonster. Erregt vom rauschenden und knarzenden, mitunter schmatzenden und luftschnappenden Sound Constantin Popps, verführt uns Self zu einer ausgedehnten Erkundungsreise in eine Fantasielandschaft, die sich immer zu dynamisieren scheint und auf je eigene Weise im Zuschauergehirn anschlägt. Zwischen Lust und Horror, zwischen Abscheu und Begehren, zwischen geschlechtlichen Analogien mäandernd, bekommt man hier eine ungekannt plastische Vorstellung einer scheinbar so vertrauten Oberfläche. Und wie oft bei Larcher schließt am Ende die Kamera den Kreis, nüchtert die „Erzählung über ein fragiles Selbst“ (Claudia Slanar) zum Ausgangspunkt zurück.
