Einleuchtende Aneignung eines Klassikers aus feministischer Perspektive: der australische Sechsteiler „Picnic at Hanging Rock“.
Am Valentinstag des Jahres 1900 verschwinden während eines Picknicks am Hanging Rock, Victoria, Australien, drei Internatsschülerinnen und eine Lehrerin. Die jungen Frauen hatten sich die markante Felsformation aus der Nähe ansehen wollen; als sie am Abend nicht zurück sind, ist die Sorge groß: Suchtrupps machen sich auf, durchkämmen das Gelände, erfolglos, wieder und wieder. Die zarten jungen Damen in der Wildnis – das ist kein Gedanke, den ein Gentleman leicht erträgt. Stellen Sie sich vor, was da alles passieren kann! Nein, stellen Sie es sich nicht vor. Schließlich wird eine der Schülerinnen einige Tage später unverletzt – ohne ihr Korsett zwar, aber „unversehrt“ – wieder gefunden, die übrigen drei Vermissten bleiben verschwunden – und sie tauchten nicht nur bis heute nicht wieder auf, nein, man hat auch nie erfahren, was ihnen widerfahren ist.
Die verschwundenen Ladies vom Hanging Rock sind eine der berühmtesten Legenden Down Unders. So tief und fest sind sie im kollektiven Gedächtnis Australiens, zumindest des weißen Australien, verankert, dass nicht wenige glauben, es handle sich um eine wahre Geschichte, von Anno Tobak zwar, aber wahr nichtsdestoweniger. Nun ist aber „Picnic at Hanging Rock“ ein 1967 veröffentlichter Roman der australischen Schriftstellerin Joan Lindsay (1896-1984), und also frei erfunden. Woraus die Frage folgt, warum Lindsays Fabel eine derartige Überzeugungskraft innewohnt, dass sie vielerorts nach wie vor für „tatsächlich geschehen“ gehalten wird?
Die Wahrscheinlichkeit von Lindsays Fiktion liegt darin begründet, dass sich in ihr jener fundamentale Kontrast abbildet, der das historische Australien prägt; soll heißen: victorian civilisation meets the bush. Es ist dies ein Kontrast, der sich schärfer kaum denken lässt, und er wird von den Protagonistinnen der nunmehr vorliegenden Adaption des literarischen Klassikers in Form einer Mini-Serie gleich mehrfach thematisiert. Irma Leopold, eine reiche englische Erbin, die von ihren Eltern nach Australien abgeschoben wurde, beklagt das „Ungeordnete“ und „Hässliche“ der australischen Landschaft, Mrs. Appleyard wiederum, die Leiterin des Internats, findet sie „insubordinate“, aufsässig. Der Busch entzieht sich dem disziplinierenden Zugriff der Kolonialisten; zugleich teilt er seine Geheimnisse mit den Aborigines, diesem schweigsamen Volk, das zuerst da war. Es ist nicht zuletzt deren unbekannte, unbegreiflich holistische Spiritualität, die die Engländer in Australien so erschreckt – und die das Verschwinden der jungen Frauen auf dem von den Eingeborenen verehrten Monolithen schier unerträglich macht. Entzogen ist der weibliche Körper solcherart dem männlichen Blick und zugleich entkommen seiner Zurichtung durch die Schergen des Patriarchats. Wer und wo sind die verantwortlichen Unholde?
Nun, möglicherweise sind die Mädels ja freiwillig gegangen. Möglicherweise hatten sie die Nase voll von hochgeschlossenen Kleidern, Handschuhen und Hüten bei 40°C im Schatten, vom Stillhalten und Sittsamsein, vom Verheiratet-Werden, vom Nicht-Erben-Können und vom Nicht-Frei-Sein-Dürfen. Vielleicht sind sie weggelaufen, geflohen, haben sich auf die Suche gemacht nach einem Ort, an dem sie neu anfangen und vielleicht sogar endlich sie selbst sein dürfen? So wie Mrs. Appleyard, die nicht so heißt und die auch keine Witwe ist und deren Internat als Bastion erzieherischen Reglements in so seltsamem Widerspruch steht zur Umgebung. Das zugleich aber auch ein Schutzraum ist für Gefallene, Verstoßene, Heimatlose. Schutz-, nicht Freiraum! Denn Hester „Appleyard“ weiß nur zu gut, dass einer selbstständigen Frau nichts geschenkt wird im Leben, ein Fehltritt dafür aber umso unerbittlicher geahndet. Nach allen Seiten misstrauisch führt sie daher ein eisernes Regiment und fantasiert sich aus dem Verschwinden der Mädchen paranoid eine Verschwörung herbei, mittels derer ihre zweifelhafte Vergangenheit sie endlich doch noch einholt.
Diffus Diffundierende Unheimlichkeit
Unschwer zu erkennen, mit der Erfindung von Vor- und Hintergrundgeschichten der zentralen Protagonistinnen nimmt sich Picnic at Hanging Rock, die Serie, einige Freiheiten mit dem Zentralwerk der australischen Literatur heraus. Zum einen aber wollte man ohnehin schon immer wissen, was es mit der sinistren Mrs. Appleyard auf sich hat – deren Wechsel von gestreng zu derangiert von Rachel Roberts in Peter Weirs Erstverfilmung so kongenial wie unvergesslich unheimlich gestaltet wurde (und in deren Nachfolge eine unerschrockene Natalie Dormer keine schlechtere Figur abgibt). Und zum anderen nehmen die Autorinnen der Serie solcherart die vielfältigen Möglichkeiten, die der Stoff bietet, noch auf ganz andere Weise ernst als Weir dies in seiner Verfilmung aus dem Jahr 1975 tat. Deren Bedeutung als ein Meilenstein, der das australische Filmschaffen nachdrücklich und auf Dauer international bekannt machte, steht außer Zweifel, als emanzipatorisch-kritisches Werk tat sich seine Adaption hingegen weniger hervor. Freilich genoss auch Weir die Inszenierung der Sinnlichkeit der immer wieder geradezu engelsgleich durch die Szenerie schwebenden Verschwindenden Miranda, Marion und Irma. Und auch Weir machte kein Hehl daraus, dass im Zentrum der ganzen Geheimnistuerei einmal mehr der Schrecken der weiblichen Sexualität stand.
Wobei von den ätherischen Schönheiten allenfalls ein verhalten erotisches Simmern ausging, das ausgerechnet von einer Pan-Flöte – geblasen vom Rumänen Gheorghe Zamfir – mit einem kultivierten Ohrwurm begleitet wurde. An manchen Stellen wirkte Weirs Film gar wie eine der seinerzeit populären, zweifelhaften Weichzeichner-Fotografien, die David Hamilton von jungen Mädchen anfertigte. Nur um in der nächsten Sekunde dann doch erneut vermittels noch nie gehörter elektronischer Synthie-Subwoofer-Waberklänge das unsagbare Grauen des seltsamen Ortes zu beschwören. So sehr Weirs Picnic at Hanging Rock seine Entstehungszeit in sich trägt und an mancher Stelle inzwischen wie ein historisches Zeugnis wirkt, so zeitlos ist der Film in seiner Wirkung – ein Meisterstück diffus diffundierender Unheimlichkeit.
Ambivalenz ist das A und O von Picnic at Hanging Rock und die Serien-Adaption dreht die Schraube noch eine Umdrehung weiter. Indem sie die Frauenfiguren in jeweils glaubwürdige Lebensumstände einbettet, stellt sie sie auf den festen Boden der Realität – der von der visuellen Strategie sodann immer wieder infrage gestellt, wenn nicht gar kurzerhand entzogen wird. Mitunter verliert die Kamera jeden Halt, stehen die Bilder auf dem Kopf, ragen die Figuren seitwärts in sie hinein; Schwenks und Drehungen und Fahrten erschweren die Orientierung, Rückblenden und Erinnerungsflashes durchlöchern die raumzeitliche Ordnung. Auf dem Felsen gebe es keine Zeit, sagt einer der an der Suche beteiligten Aborigine-Fährtenleser. Folgerichtig driftet die letzte Episode, die die Ereignisse am Hanging Rock kulminieren lässt, endgültig ins Trance-Artige ab, fallen Gegenwart und Momente der Vergangenheit in eins, sind alle gleichzeitig da und verschwunden, erscheinen retribution (Vergeltung) und redemption (Erlösung) als nahe Verwandte.
Im lange unveröffentlicht gebliebenen, ursprünglichen Schlusskapitel ihres Romans – 1987 posthum als eigenständige Publikation erschienen – bietet Lindsay eine Auflösung des Rätsels an, die mit den Transformationsmysterien, die die First Nation ihres Heimatlandes kennt, im Einklang steht: die Mädchen verwandeln sich in Tiere und verlassen ihre Welt durch eine Spalte im Fels. Demgegenüber bleibt der Schluss, den die gegenwärtige Version von Picnic at Hanging Rock zumindest nahe legt, jenen konventionelleren Lösungsmöglichkeiten verhaftet, die die westliche Zivilisation traditionellerweise den Frauen anbietet: Friss oder stirb! Wer würde da nicht lieber zur Eidechse werden?
