Ein ebenso poetischer wie enigmatischer Trip durch den japanischen Dschungel
Inmitten uralter, hoher Bäume in urwüchsigen japanischen Wäldern soll sie zu finden sein: eine seltene Heilpflanze namens „Vision“, die nur alle 997 Jahre blühen soll.
Die prominente japanische Regisseurin Kawase Naomi feiert einmal mehr die Natur und schickt die aktuell viel beschäftigte
Juliette Binoche als Journalistin Jeanne auf eine spirituelle Reise. Auf der Suche nach der Wunderpflanze, die ihr helfen soll, traumatische Verlusterfahrungen zu überwinden, trifft die Französin den Eremiten Tomo, der sie in seiner Hütte aufnimmt. Absehbar überkommt die beiden, die sich wohl früher schon einmal nahestanden, die Liebe, so ungestüm und leidenschaftlich wie beim ersten Mal. Kawase inszeniert diese Begegnung mit großer Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit für kleinste Regungen. Wie ein Echo darauf wirkt das erwartete Erblühen der Pflanze als ein ebenfalls besonderes,
singuläres Naturereignis.
Um es allerdings auch zu sagen: Ein Publikum ohne eine gewisse Affinität für Spiritualität wird mit der Geschichte, die zunehmend enigmatischer wird, trotz authentisch wirkender Darstellerinnen und Darsteller wenig anfangen können.
Da gibt es zum Beispiel eine alte Frau, die behauptet, vor tausend Jahren zum ersten Mal geboren worden zu sein, als das Heilkraut erstmals erblühte. Einmal sieht man diese vermeintliche Schamanin im Wald einen merkwürdigen Tanz vollführen. Dann gibt es noch einen jungen Mann, auf den Jeanne trifft, als sie nach einem kurzzeitigen Ausflug in ihre französische Heimat wieder zurückkehrt. Es sieht so aus, als hätte er ihren Platz bei dem Einsiedler eingenommen. Doch scheinen alle Figuren mehr miteinander zu tun zu haben, als sie ahnen. Bei alledem geht eine beunruhigende Veränderung in den Bergen vor sich. Zusehends verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Mit Bildern aus der Vogelperspektive von einer riesigen Eisenbahntrasse, die sich durch die Landschaftsidylle zieht, sensibilisiert Vision wie nebenbei für die zerstörerischen Eingriffe des Menschen in die Natur. Zum Ende driftet die Handlung allerdings zu stark ins Übernatürliche ab. Mag sein, dass die Regisseurin ihre Zuschauer bewusst blendet, damit sie gefordert sind, mit dem Herzen zu sehen. Eine ähnliche Mission schien sie 2017 schon mit ihrem Film Radiance zu verfolgen, in dem sie von einer Filmemacherin erzählte, die Drehbücher für Blinde schreibt und einem Fotografen, der sein Augenlicht zu verlieren droht. Dass sich einige Wendungen und Rückblenden schwer erschließen, bleibt bei alledem etwas unbefriedigend.
