Pete Docter stellt sich viele der „ray“-Fragen selbst, zum Beispiel, warum wir alte Zeichentrickfilme so schön finden.
Ursprünglich war die Angst und nicht die Traurigkeit der Gegenpart zu Freude. Warum haben Sie das letztlich doch geändert?
Angst ist ein großer Motivator in der Pubertät und das hatte großes Potenzial, aber es führte irgendwie zu nichts. Ich bin vor einem unserer Testscreenings in den Wald gegangen und dachte: „Ich bin ein Schwindler, der Film funktioniert nicht, ich sollte kündigen!“ Also habe ich darüber nachgedacht, was ich vermisse. Ich habe mich wie ein Versager gefühlt. Wir hatten bereits drei Jahre lang an dem Film gearbeitet und Millionen von Dollar investiert.
Passiert das nicht bei all Ihren Filmen?
Ja, aber es fühlt sich immer grauenvoll an. (Lacht.) Es war eine plötzliche Eingebung. Traurigkeit sollte die Heldin der Geschichte sein, weil es ist unsere Fähigkeit traurig zu sein, die Empathie in uns und anderen regt. Also haben wir alles umgeschrieben mit einem gewichtigen Ende über den Wert von Kummer in unserem Leben. Wir können nicht immer glücklich sein.
Inside Out hat eine recht schmerzliche Philosophie für einen Familienfilm. Ist es Ihnen wichtig, dass Ihr Film eine Botschaft hat?
Ich mag das Wort „Botschaft“ nicht, aber es benötigt einen Basiswert. Ich will über Dinge sprechen, mit denen ich in meinem eigenen Leben kämpfe, und ich habe notwendigerweise keine Antworten, aber ich will gewisse Wahrheiten zeigen.
Vielleicht werden unsere Kinder jetzt allzu nachdenklich mit Filmen wie Wall-E, Up und Inside Out.
Ich will Filme machen, die unsere Gesellschaft reflektieren auf eine Art und Weise, die sich ehrlich und authentisch anfühlt. Wenn ich einen Film mache über eine Prinzessin und einen Frosch, dann ist das nicht die Art und Weise, wie ich die Welt sehe. Ich sehe Filme als Spiegel und nicht als …
… Märchen?
Auch Märchen können eine innere Wahrheit reflektieren. Ich will räsonieren und das ist es, was an Ihrem Herzen zerrt.
Das ist Ihnen gelungen. Riley hat Bing Bong. Hatten Sie auch einen imaginären Freund als Kind?
Ja. Es war ein Elefant, der mit seinem kleinen Karren auf meiner Zimmerdecke fahren konnte. Sein Name war Norman.
Wenn ich mir alte Zeichentrickfilme wie Dumbo ansehe, dann finde ich die schön auf eine Art und Weise, die Animationsfilme von heute nicht imitieren können.
Das geht mir genauso.
Woran liegt das? Ist das ein fehlgeleiteter Anfall von Nostalgie, oder ist im Computeranimationsprozess etwas verloren gegangen?
Nein, es ist einfach anders, aber ich frage mich das selbst oft. Liebe ich diesen Film, weil er ein Teil meiner Kindheit war? Vermutlich, aber was ich daran bewundere, ist, dass es eine Zeichnung ist. Ich sehe die Hand des Künstlers, während es bei Rechnern ein anderes Level der Abstraktion gibt. Wenn Sie Dumbo hernehmen, dann saß da eine Person, die das mit der Hand zeichnete. Sie können die Pinselstriche sehen. Ich bin komplett verbunden mit diesen Charakteren, aber gleichzeitig bin ich mir der Kunstfertigkeit bewusst.
Können Sie zeichnen? Lernt man das noch?
Ich zeichne ständig. Wenn ich über etwas stolpere, nehme ich einfach ein Stück Papier zur Hand und kritzle. Als Künstler zwingt es mich, Dingen Beachtung zu schenken, die ich sonst übersehen würde. Hier bei Pixar würden neun von zehn Menschen Ihnen sagen, dass sie erwartet hatten, Animationen mit der Hand zu zeichnen. Viele sind in Computergrafik hineingerutscht und wenden all jene Techniken am Rechner an, die sie im Handzeichnen gelernt haben. Wenn Sie zurück in der Zeit gehen und die Animatoren bei Disney fragen würden, dann hätten neun von zehn Ihnen geantwortet: „Ich wollte Maler werden“. Viele sind da gelandet, weil sie Arbeit brauchten während der Depression. Also standen sie nun da und machten Dumbo. Ich weiß nicht, was das aussagt, aber ich finde es interessant. Ich weiß, dass niemand in meiner Generation Computeranimator werden wollte, weil dieser Beruf noch gar nicht existierte.
Man hört, es herrscht „freundlicher Wettbewerb“ zwischen dem Mutterkonzern und seiner Tochter. Gibt es einen Pixar- bzw. Disney-„Typ“?
Sie stellen eine Menge guter Fragen! (Lacht.) Wir hadern selbst damit. Es wäre gut für uns zu wissen, was einen Pixar-Film zu einem Pixar-Film und einen Disney-Film zu einem Disney-Film macht. Wir haben John Lasseter und Ed Catmull, die für beide Studios verantwortlich sind. Die Leute dachten, dass Brave von Disney und Wreck-It Ralph von Pixar stammt, aber es war genau umgekehrt. Sollten Sie einmal eine Definition finden, lassen Sie es mich wissen!
Nun ja, zunächst sehen die Filme optisch anders aus.
Das tun sie, aber die Mitarbeiter von Disney haben, ob sie es nun wollen oder nicht, das Erbe von Walt Disney zu tragen. Oberflächlich betrachtet, haben diese Filme eine Broadway-Musical-Tradition mit einer Struktur, der sich sogar Frozen bis zu einem gewissen Grad widersetzte. Das kommt mit dem Territorium. Vielleicht machen wir das eines Tages, aber das würde womöglich noch mehr Verwirrung stiften. (Lacht.)
Haben Sie einen Liebling im Kanon von Pixar?
Das ist eine knifflige Frage. Womöglich Inside Out, weil es besonders schwer war. Es fühlt sich an wie eine Schlacht, die ich gewonnen habe, und das ist ein sehr befriedigendes Gefühl. Wenn wir von Filmen sprechen, in die ich eng involviert war, dann würde ich sagen: Toy Story. Wir wussten damals nicht, was zur Hölle wir da taten. Wir waren ein wilder Haufen, der einen Film in einer Garage machte. Wir haben den Prozess damals erfunden, und das war ziemlich cool. Welchen Film sehe ich mir am liebsten an? Vermutlich Finding Nemo. Es war das erste Projekt, in das ich nicht täglich eingebunden war, und ich habe verfolgt, wie der Film sich von „es stolpert dahin“ zu „es fühlt sich an, als ob Gott ihn perfekt heruntergereicht hätte“ entwickelte.
Werden Sie eine Fortsetzung von Inside Out über die Pubertät machen? Es würde sich anbieten.
Ich hoffe nicht! (Lacht.) Das ist zu schaurig.
