Das Filmprogramm des diesjährigen „Pop-Kultur“-Festivals in Berlin
Wenn von 21.-23. August die Kulturbrauerei Berlin die bereits fünfte Edition des Festivals „Pop-Kultur“ beherbergen wird, stellen für filminteressiertes Musik- beziehungsweise musikinteressiertes Filmpublikum besonders zwei Programmpunkte Highlights dar:
Zum einen wäre da die Deutschlandpremiere von Where Does a Body End?, die sich zwei detailreiche Stunden lang der Musik, der Geschichte und dem Innenleben von Michael Giras großem Lebensprojekt Swans widmet. Seine Antwort auf die titelgebende Frage liefert Gira gleich selbst: „…actually it does’nt, does it?“ Belege dafür, dass dies keine leere Floskel ist, haben der radikale Performer Gira und seine zahlreichen Mitmusiker*innen über Jahrzehnte hinweg nicht nur mit ihren Platten, sondern vor allem mit ihren fulminanten Live-Shows geliefert, deren Beschreibungsversuche den Begriff der Transzendenz nicht scheuen müssen. Dank massig, auch bisher unveröffentlichtem Archivmaterial – das sowohl Bilder on- und off-stage zeigt – gelingt es Regisseur Marco Porsia nicht nur, eine Ahnung der besonderen Energie und Publikumswirkung von Swans zu vermitteln, er lockert, durchwegs hervorragend montiert, die für eine dokumentarische Aufarbeitung dieser Art unumgänglich hohe Präsenz von talking heads dadurch wirksam auf. So ist Where Does a Body End? seiner satten Laufzeit zum Trotz nie langwierig und bietet neben fröhlichen Anekdoten wie der Erzählung des stundenlangen Pacman-Spielens mit den Kollegen von Sonic Youth, faszinierenden Einblicken in Rolle und Status von Jarboe, Langzeitmitglied und –Partnerin Giras, wie auch in die absolut unfreudigen Aspekte dessen Biographie (ein Stichwort: Alkohol), auch ein Sound-Erlebnis der eigenen Art. Die Pause in der Mitte der Vorstellung macht dennoch Sinn: Schließlich diskutieren Porsia, der langjährige Berliner Swans-Gitarrist Kristof Hahn, der Keyboarder der Gruppe Paul Wallfisch sowie der Musikjournalist und nunmehr Band-Chronist (letztes Jahr erschienen: „Swans: Sacrifice and Transcendence. The Oral History“) Nick Soulsby im Kinosaal.
Die körperliche Erfahrbarkeit und das kollektive Potenzial von Musik schlagen die Brücke zum ziemlich genau um die Hälfte kürzeren Everybody in the Place: An Incomplete History of Britain 1984-1992 von Jeremy Deller. Die von Gucci in Auftrag gegebene und mit dem Kunstmagazin Frieze umgesetzte Arbeit zeigt Deller als Vortragenden in einer Oberstufenklasse in London. Die junge, diverse Gruppe wird mit Fakten, aber auch dem Spirit eines Zeitabschnitts des Vereinigten Königreichs bekannt gemacht, in dem sich der eisernen Politik Margret Thatchers hemmunglose Rave-Culture entgegenstellte. Deller zeichnet dabei von den Anfängen von Acid House in black communities in Manchester, über den rasanten Aufschwung des Techno, bis hin zum legendären, siebentägigen Castlemorton-Festival um das Kollektiv Spiral Tribe ein prägendes Kulturphänomen nicht einfach alleine nach, sondern lässt auch den Schüler*innen genügend Raum für deren eigene Meinung und gibt ihnen ebenso die Möglichkeit, im Klassenzimmer selbst mit elektronischen Instrumenten zu experimentieren. Natürlich ist seine Herangehensweise dabei nicht un-suggestiv; die gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen des Miner’s Strike von ´84 werden ebenso wie die aktuelle Brexit-Debatte derart in die musikkulturellen Beobachtungen eingewoben, dass der dezidiert politische Künstler, wenig überraschend, dafür online bereits beschimpft wurde. Seine klare politische Positionierung schaden dem Film aber natürlich keineswegs – it is what it is, an incomplete history, eine unvollständige Geschichte und ein ganz eigener Blickwinkel, der keinen Anspruch auf Richtigkeit stellt, sondern versucht, Musik, Körper, Kollektivität und Gesellschaft zusammenzudenken. Es gelingt. Zwischen den beiden Vorstellungen diskutieren die Künstlerin, Autorin, Filmschaffende und Mitinitiatorin der ersten Berliner Love Parade Danielle de Picciotto und der Produzent, DJ und Autor Sven von Thülen.
