Blinded by the Light

Filmkritik

Blinded by the Light

| Paul Ertl |
Ein Crowdpleaser von „Bend It Like Beckham“-Regisseurin Gurinder Chadha

Was haben ein 16-jähriger Pakistani in einem britischen Kaff und Bruce Springsteen gemeinsam? Wenig. „Den Synthesizern gehört die Zukunft“, heißt es 1987. Und doch erklärt Javed „The Boss“ zu seinem Helden.

Großbritannien steht unter dem repressiven Geist von Margaret Thatcher. Rechte Recken marschieren mit „Pakis go home“ Schildern, ein Werbeplakat mit Thatchers Konterfei spottet mit dem Slogan „Unifying Britain“. Doch unser jugendlicher Held ist doppelt gefangen: Auch der traditionelle Konservatismus seiner pakistanischen Familie lässt ihm wenig Spielraum. Als der Vater auch noch den Job in der Fabrik verliert, ereifert er sich noch mehr, die Kinder vor der westlichen Dekadenz zu bewahren. „You are Pakistani!“ ermahnt er Javed bei jeder Gelegenheit. Worauf  Javed einwendet „I thought I was British.“

Javed schreibt Gedichte, doch er hält sie für nutzlos, das ist doch kein richtiger Job. Doch siehe da, einer spricht zu ihm aus dem Walkman: Dieser Working-Class-Hero aus einem amerikanischen Kaff findet genau die richtigen Worte und schreit ihm förmlich aus der Seele. Ermutigt von Springsteens Texten nimmt Javed endlich sein Leben selbst in die Hand: Er stellt sich gegen den Vater, kommt mit seiner Schreibkunst aus dem stillen Kämmerlein und erobert auch noch ein wunderbares Mädchen. Er erkennt, dass ethnische Identität nicht sein ganzes Sein definieren muss. Und nein, man muss nicht „Born in the USA“ sein, um in Bruce Springsteen einen Seelenverwandten zu finden.

In den Memoiren des Schriftstellers und bekennenden Springsteen-Fans Safraz Manzoor hat Regisseurin Gurinder Chadha wieder eine bewegende Form für ihre thematische Spezialität gefunden, das Überwinden von Schubladen. Dass dafür ein herrlich uncooler Katalysator wie Springsteen herhalten muss, ist grundsympathisch. Schön sind Musikvideoanleihen, wenn Javed zu Wortinserts aus „Dancing in the Dark“  durch einen Sturm irrt. Man kann es ein wenig peinlich finden, wenn Javed ganz unironisch Springsteen-Texte in Dialog verwandelt.  Und man kann es zu viel finden, wenn sich das Ganze etwas redundant zu einem Jukebox-Musical hochschraubt, in dem plötzlich Leute auf der Straße singen und der Soundtrack völlig ungeniert auf die Katharsis zugespitzt wird. Ja, hier soll geschmachtet, geschmunzelt und geweint werden. Doch das ist eine Stärke: Der Film ist so weit von Zynismus entfernt wie die Musik von Springsteen. Eine erfrischend ehrliche Hommage an die selbstermächtigende Funktion von Popkultur.