Innenperspektiven und Außenseiter bestimmten die erste Woche am Lido.
Nein, das ging wohl gar nicht. Man konnte nicht auch diese 76. Edition der Internationalen Filmfestspiele von Venedig mit einem Sci-Fi-Drama eröffnen. Immerhin hatte erst letztes Jahr zum Auftakt Ryan Gosling als Neil Armstrong die Reise zum Mond angetreten. Und auch Alfonso Cuaróns Gravity ist den meisten Festivalbesuchern auch heute noch, sechs Jahre nach der Weltpremiere in Venedig, als einer der beliebtesten und effektivsten Opener überhaupt präsent. Vielleicht hat man am Lido genau aus diesem Grund beschlossen, heuer nicht mit Ad Astra und Brad Pitt auf dem roten Teppich ins Festival zu starten, sondern den begehrten Platz stattdessen an Kore-eda Hirokazus The Truth zu vergeben, eine amüsante Hommage an und mit der Grande Dame des französischen Films Catherine Deneuve, sowie Juliette Binoche und Ethan Hawke in weiteren Hauptrollen. Und keine Frage, auch der japanische Ausnahmeregisseur hat seit seinem Palme d’Or Gewinn für Shoplifters im vorigen Jahr noch einmal zusätzlich an Prestige und Gewicht als einer der renommiertesten Autorenfilmer im gegenwärtigen Weltkino gewonnen, was die Entscheidung durchaus rechtfertigt und plausibel macht. Dennoch erscheint The Truth abgesehen von der hochkarätigen Besetzung im Nachhinein als vergleichsweise bescheidene Wahl. Amüsant, scharfsinnig und unterhaltsam genug, um das Publikum im Rahmen der Feierlichkeiten zu Beginn bei Laune zu halten, fehlte es Kore-edas erstmals in englischer und französischer Sprache gedrehtem Familiendrama und eine vertrackte Mutter-Tochter-Beziehung etwas an Glanz, Stil und Größe, um in dem gleichen Maße wie etwa First Man, La La Land, Everest oder Gravity zuvor als erinnerungswürdiger Eröffnungsfilm zu punkten.
Am Folgetag stand jedoch sicherheitshalber auch gleich James Grays Weltraumepos auf dem Programm, immerhin wollte man Hollywood auch nicht zu lange warten lassen, oder besser: die Fans. Denn nichts gegen Deneuve, doch mit Brad Pitt kam am vergangenen Donnerstag schließlich der wahre Star an den Lido. Um Zugang zur Pressekonferenz zu gelangen, musste man gute Nerven, viel Zeit und einiges an Ellbogenhärte mitbringen. Doch auch wer es letztendlich nicht schaffte, sich in den Saal hinein zu kämpfen, hatte nicht wirklich viel verpasst. Denn Pitt fasste sich professionell kurz, beantwortete ausschließlich Fragen zum Film und vermied es, anders als auf seiner Mission durch die Galaxis, all zu tief ins Psychische oder Philosophische abzudriften. Auch Oscar-Spekulationen wies er fachmännisch von sich, zumal es ihm standesgemäß nur um seinen Part ging, diesen Major Roy McBride, der in Ad Astra auf Space-Mission Richtung Neptun geschickt wird, um mit seinem lange tot geglaubten Astronauten-Vater (Tommy Lee Jones) Kontakt aufzunehmen und dadurch, einfach ausgedrückt, die Welt zu retten. Gray inszeniert McBrides Reise ins All als eine Reise ins Innere, in den „Mikrokosmos des ganz Persönlichen“, wie er es selbst nennt, um vom Ich aufs große Ganze zu gehen, wie es sich für ein ordentliches Sci-Fi-Drama gehört. Funktionieren tut das alles bis zu dem Punkt ziemlich gut, an dem sich Vater und Sohn nach Jahrzehnten entfremdet und skeptisch erneut gegenüberstehen und unaufhaltsam auf ein Ende zusteuern, dem es nicht nur an genügend Originalität fehlt, um sich entschieden von seinen Vorgängern abzusetzen, sondern vor allem an dem nötigen Nachdruck, um im bei einem so straffen Festivalprogramm wie in Venedig lange im Hinterkopf zu bleiben.
Stimmiger und in diesem Sinne wirkungsvoller ezählt Noah Baumbach seine Marriage Story, und das ganz ohne CGI und aufwendige Spezialeffekte. Die Scheidungsgeschichte zwischen einem Theaterregisseur (Adam Driver) und seiner Frau, einer Schauspielerin (Scarlett Johansson), zwischen New York und Los Angeles, zwischen gemeinsam und einsam und mit einem Kind in der Mitte, fließt so unscheinbar und doch mitreißend vor sich hin, dass man kaum merkt, wie meisterlich und effektiv Baumbach hier erneut Hand anlegt, um allgemeinen Liebes-, Lebens- und Beziehungsfragen auf den Grund zu gehen. Adam Driver singt, Laura Dern kämpft als Scheidungsanwältin für Gerechtigkeit, und Scarlett Johansson findet schließlich wieder zu sich selbst, vor wie hinter der Kamera, nachdem sie auch privat 2017 die Scheidung von ihrem Ehemann Romain Dauriac eingereicht hatte. Keine leichte Zeit, wie sie in der Pressekonferenz zum Film vorsichtig zugab. Und auch Regisseur Baumbach, der sich vor gut neun Jahren von seiner damaligen Ehefrau Jennifer Jason Leigh trennte, weiß genau, wovon er spricht, weshalb der Film bei aller Leichtigkeit zugleich tief unter die Haut geht.
Während außerhalb des Wettbewerbs Kristen Stewart als Jean Seberg mit einem Drehbuch zu kämpfen hatte, das ihrer nuancierten Darstellung der so engagierten wie gebrochenen Schauspielen nur in wenigen Momenten des Films das Wasser reichen kann, ging es auch im Wettbewerb gemischt weiter. Roman Polanski sorgte mit seinem neuen Film J’accuse (An Officer and a Spy), der ebenfalls um den Goldenen Löwen konkurriert, sogar kurzzeitig für richtig schlechte Laune am Lido. Zunächst hatte Jurypräsidentin Lucrecia Martel aufgrund der Entscheidung des Festivals, den Film zu zeigen, am Mittwoch bereits offiziell ihre Teilnahme am Galadinner abgesagt. Und kaum war die Pressevorführung vorüber, meldeten sich auch die Journalisten zu Wort, die in seinem Film über die Dreyfus-Affäre nicht weniger als eine Provokation sahen. Künstlerisch, da war man sich fast durch die Bank einig, sei der Film zwar solide, allerdings schütze ihn das nicht vor der Kritik, zumal sich der französisch-polnische Regisseur geradezu ungeniert mit dem unschuldig verurteilten Dreyfus gleichsetzt.
Und gleich noch ein Film sorgte in der Hinsicht für Aufmerksamkeit: American Skin des vielversprechenden, jungen US-Regisseurs Nate Parker, der 2016 mit Birth of a Nation einen Debüt-Coup landete, bevor ein alter Vergewaltigungsfall ihm letztlich karrieretechnisch wie privat das Genick brach. Denn Parker wusste damals auf drängende Fragen nach persönlicher und künstlerischer Verantwortung nur ausweichende Antworten zu geben, anstatt sich der Situation mit dem nötigen Rückgrat zu stellen. Und genau das wurde ihm zum Verhängnis. Der Film selbst war zu eng mit seiner Person verbunden. Zwischen Mensch und Künstler zu trennen wurde, ähnlich wie bei Polanski heute, zu einem Ding der Unmöglichkeit. Deshalb muss man auch American Skin, der in Venedig in der Reihe Orizzonti läuft, vielleicht zunächst als einen Versuch Parkers betrachten, die eigene Haut und die eigene Kunst zu retten. Doch wo Polanksi mit einer ungesunden Arroganz aufwartet, gibt sich Parker bis in die Knochen reuevoll und überträgt sein scharfes Augenmerk und alle Energie ganz auf sein neues Werk. Die Geschichte um Polizeigewalt an farbigen Menschen, die American Skin erzählt, ist fesselnd und relevant zugleich. Unzählige Sätze fallen darin, die das aussprechen, was viele nicht zu sagen wagen. Und doch wirkt Parkers Ansatz nie anmaßend oder überheblich. Im Gegenteil. American Skin ist ein wichtiger, ein dringender, ein zwingender Film, der mehr positives Feedback verdient, als man ihm angesichts von Parkers persönlicher Vergangenheit und mit Polanski im Hinterkopf hier am Lido gönnt.
Bleibt zum Abschluss dieser ersten Woche ein Film und ein Star, auf den in Venedig mit nicht weniger Spannung gewartet wurde als auf Brad Pitt & Co. Joker, der am Samstagabend im Palazzo del Cinema seine Weltpremiere feierte, galt als das hot ticket des Festivals und enttäuschte als solches nicht. US-Regisseur Todd Phillips, der sich im Film der Vorgeschichte von Batmans Erzfeind annimmt, beweist darin nicht nur ein kluges Händchen, was die Wahl seines Hauptdarstellers betrifft, sondern legt auch inhaltlich und ästhetisch einen Superheldenfilm der Sonderklasse vor, oder besser: ein Superheldendrama, das eher im Kino des New Hollywood seine Wurzeln sieht als in den typischen Blockbuster-Produktionen der letzten Dekade. Joaquin Phoenix spielt den psychisch labilen Arthur Fleck, der sich zu Beginn der achtziger Jahre als Clownsdarsteller durch ein verkommenes Gotham City schlägt, wie immer famos, körperlich wie emotional. Sein leiser psychischer Untergang geht mit dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung einher, und es ist Phillips’ klugem Urteilsvermögen zuzuschreiben, dass er daraus keine überkandidelte Freakshow macht, sondern einen Film, der seinen Helden ernst nimmt, ihn respektiert und der ihm bis über die Grenzen von Gut und Böse hinaus ins Innerste der Seele folgt. Joker, soviel steht fest, meint kein Superhelden-Gefühl, meint nicht die gute Seite der Macht. Ein Glücksfall für Venedig wie fürs Kino überhaupt ist dieser Film jedoch allemal.
