Bildgewichtiges Roadmovie in holprig changierendem Gewand
Ohne gültige Papiere keine Arbeit – das sagt sogar der Pornoproduzent und rät der jungen Russin, die sich von ihm Anstellung erhofft hat, in die Heimat zurückzukehren. Mit ihrem Latein und Kapital am Ende und des Englischen nicht mächtig, macht sich Lillian also sprach- und mittellos von New York aus auf in Richtung Sibirien; aus Gründen, die nur zu erahnen sind, tut sie es zu Fuß. Ihr Ziel fest im Blick, ihr Blick der einer Getriebenen, treibt sie sich selbst wider alle Kompromisslosigkeiten der nordamerikanischen Landschaft jeden Tag wieder aufs Neue an. Nahrung beschafft sie sich aus leer stehenden Häusern, Mülltonnen, Lebensmittelspendenboxen, und irgendwann auch aus der Natur, an die Witterung angepasste Kleidung bieten Flohmärkte und Secondhand- Shops, geschlafen wird überall, wo es nur irgendwie möglich ist. Und im Grunde ist von Anfang an klar: Der Abspann wird sie nicht glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage verblassen lassen.
Der Kraft der Bilder tut dies keinen Abbruch. Lillians Route führt durch die vielfältige wie auch unerbittliche Schönheit eines Kontinents, so episch fotografiert, dass man Fels, Holz, Erde und Wasser beinahe zu atmen spüren meint. Mutter Natur ist die zweite Hauptdarstellerin in einem Film, der oft so wirkt, als wäre die endlose Weiten durchschreitende, stumme Reisende lediglich Verkörperung eines roten Fadens, der als Schlepptau ein Sittenbild der ruralen Bevölkerung der Vereinigten Staaten und Kanadas ziehen soll. Über die Person Lillian erfahren wir so gut wie nichts, nicht einmal an möglichen Selbstgesprächen nehmen wir teil. Die einzigen regelmäßig ertönenden Stimmen dienen schließlich auch nur dem Publikum und nicht der Marschierenden als Orientierungshilfe: Die Radiosprecher Schramm und Doski versorgen uns mit den nötigen Wetterbanalitäten und verdeutlichen so das Vergehen der Jahreszeiten. Auch der Bar-Plausch des Sheriffs, die bewusst gesetzte Auswahl an gezeigten Highway-Billboards oder die Ansprache eines Native Americans im Kontext des Ausbaus der Keystone-Pipeline berühren die titelgebende Figur selbst nicht im Geringsten. Von der historisch realen Lillian Alling, Inspiration für den Film, ist unbekannt, ob sie ihren in den 1920er Jahren beschrittenen Fußweg zu vollenden in der Lage war, das Ergehen ihres filmischen Pendants wird im Laufe der zwei Stunden andauernden Mühsal rasch Nebensache – was die ambitionierte Hybridisierung von Doku und Spielfilm dann doch etwas scheitern lässt. Unbestritten bleibt die tolle Kinematografie, also: Wenn, dann im Kino.
