THE LAUNDROMAT

Venedig 2019 | Blog 3

Warten auf das große Kino

| Pamela Jahn :: |
Die 76. Ausgabe des Internationalen Filmfestspiele von Venedig in der Zielgeraden

Es war wie immer. Mit dem Einstieg in die zweite Festivalwoche ließen wie jedes Jahr nicht nur die Kräfte der Kritiker nach, auch ihre Anzahl nahm sichtlich ab. Hatte man sich am Sonntagmorgen noch mit genügend Vorlauf anstellen müssen, um auch ja nicht die Pressevorführung von Steven Soderberghs hochkarätig besetztem Netflix-Vehikel The Laundromat zu verpassen, konnte man am Montag bereits relativ gelassen in David Michôds The King spazieren, zumal die ersten Kollegen sich bereits verabschiedet hatten, um nach Toronto weiterzureisen, wo gestern die 44. Ausgabe des TIFF begann.

Im Nachhinein hätte sich das Bleiben durchaus gelohnt, denn The King ist eine der willkommenen Überraschungen dieses Festivals. Timothée Chalamet spielt darin Henry V. als einen rebellischen jungen Mann, der nach dem Ableben seines Vaters zum neuen König von England wird. Und so flachbrüstig und zerbrechlich Chalamet auch daherkommen mag, er schafft es, nicht nur seine Landsleute, sondern auch das Publikum für sich zu gewinnen. So viel Charisma legt er als unfreiwilliger Thron-Nachfolger an den Tag, dass er damit auch bei den Akade-Mitgliedern im Hinblick auf das nächste Oscar-Rennen Eindruck schinden dürfte, während Robert Pattinson als der einzige Fehlgriff in der Besetzung eher eine schlechte Parodie des französischen Prinzen Dauphin zum Besten gibt und damit für einige Zeit das Shakespeare’sche Kostümdrama aus dem Gleichgewicht bringt. Wobei man jedoch dazu sagen muss, dass Michôd und Joel Edgerton (der im Film die Rolles von Henrys Verbündetem Falstaff übernommen hat) in ihrem Drehbuch sowieso weniger auf historische Faktentreue setzen als darauf, mit ihrer Neuinterpretationen der Geschichte einen Bogen zur Gegenwart zu schlagen. Von den wahren Ereignissen wie der literarischen Vorlage mehr inspiriert als geleitet, zeigt The King einmal mehr, was passiert, wenn Männer in Führungspositionen, die zu viel Macht und ein allzu großes Ego haben, in ihrem Größenwahn vor nichts und niemandem Halt machen und sich allzu kopflos in Situationen bringen, die letztlich nichts anderes als Krieg, Elend und Tod über das eigene Volk bringen.

Ähnliche Gedanken lassen sich auch auf The Laundromat übertragen, der neben The King und Noah Baumbachs Marriage Story die dritte Netflix-Produktion ist, die heuer am Lido Weltpremiere feierte. Während The King jedoch außerhalb des Wettbewerbs präsentiert wird, konkurriert Soderbergh mit seiner Panama-Papers-Satire ebenfalls um den Goldenen Löwen. Und wie Baumbachs exzellentes Scheidungsdrama lebt auch The Laundromat in erster Linie von seinem klugen, Hollywood-lastigen Casting. Meryl Streep und Gary Oldman waren denn auch gemeinsam mit Soderbergh nach Venedig gereist, um den Film zu präsentieren, nur Antonio Banderas, der dritte Hauptdarsteller, fehlte. Streep, die im Film eine Witwe spielt, die ihren geliebten Ehemann bei einem Bootsunfall verloren hat und daraufhin zum Opfer krimineller Finanzdeals wird, legte sich dafür in der Pressekonferenz extra ins Zeug, um der Botschaft von The Laundromat mit etlichen Querverweisen zu aktuellen Ereignissen in Amerika auch über die Korruption im Finanzwesen hinaus genügend Gewicht zu verleihen. Doch konkret verfilmt Soderbergh die Enthüllung des größten Datenleaks aller Zeiten. Es geht um die Steueranwälte Mossack und Fonseca, gespielt von Oldman und Banderas, die sich von ihrer Kanzlei in Panama aus im Zuge des Gründungsbooms von 300.000 Briefkastenfirmen in über 20 Steueroasen eine goldene Nase verdienten. Und es geht um die Konsequenzen für alle Beteiligten, Gewinner wie Verlierer. Um im Laufe seiner Geschichte nicht an der Aufarbeitung unübersichtlicher globaler Offshore-Aktivitäten zu scheitern, orientiert sich Soderbergh allerdings zu sehr am bewehrten Grundkonzept von Adam McKays The Big Short, um mit diesem neuesten Beitrag zum Thema tatsächlich Eindruck zu schinden. Seine Finanzsatire sieht gut aus und macht auch startechnisch etwas her, doch bleibt The Laundromat zu sehr an der Oberfläche, verliert sich im Schein, und selbst Meryl Streeps Ellen Martin bekommt die Schurken nicht wirklich zu fassen, die sie um ihr wohlverdientes Erbe gebracht haben. Die allgemeine Reaktion auf den Film, war am Lido dennoch überwiegend positiv.

Nicht ohne Abstriche kommt auch Wasp Network von Olivier Assayas aus. Dennoch kann man dem Spionage-Thriller um eine Gruppe Exilkubaner, die Anfang der Neunziger in Miami eine von den USA mitfinanzierte Terrorgruppe unterwandern, ebenfalls genügend Positives abgewinnen, um den Film in diesem Wettbewerb im guten Mittelfeld zu platzieren. Mit seinem Carlos-Darsteller Édgar Ramirez, der an der Seite von Penélope Cruz, Wagner Moura und Gael García Bernal spielt, hat es auch der umtriebige Franzose geschafft, ein beachtliches Ensemble für seinen Film zu gewinnen, aber auch er scheitert bisweilen an der Komplexität der Thematik, die er zu greifen versucht. Basierend auf dem Buch „Die letzten Soldaten des Kalten Krieges von Fernando Morais“ orientiert sich Wasp Network vielleicht ein bisschen zu sehr an den Fakten, um tatsächliche Nähe zu seinen Figuren aufzubauen. Assayas gelingt es insofern, die Kurve zu kriegen, als sein Film über weite Strecken enormen Unterhaltungswert besitzt, spannend bleibt und mitunter sogar richtig fesselt. Nur mit der fehlenden emotionalen Bindung an die Protagonisten bleibt eben auch die Nachwirkung auf der Strecke, so dass man den Film viel zu früh wieder aus dem Hinterkopf streicht, als es die Geschichte verdient hätte.

Zu den weiteren Löwen-Kandidaten der zweiten Festivalhälfte zählte der Schwede Roy Anderson, der mit seinem melancholischen Beitrag About Endlessness zwar erneut Scharfsinn und eine kluge Beobachtungsgabe beweist, letztlich aber zu sehr in alten Mustern seiner eigenen Kunst verhangen scheint. Und dann gab es auch noch den neuen Thriller von Atom Egoyan, der sich in seinem düsteren Familiendrama Guest of Honour jedoch ebenfalls lieber auf Altbewährtes stützt, anstatt seinem von Geheimnissen und Verlusten durchtränkten Kino frischen Wind zu verleihen. Die einzige, die diesen Wettbewerb in der zweiten Woche noch einmal spannend machte, war die Australierin Shannon Murphy mit ihrem starken Debüt Babyteeth, aber bei der Jury um Lucrecia Martel dürfte auch sie es schwer haben, mit ihrem klugen Coming-of-Age-Krebs-Drama zu punkten. Bleibt noch Ciro Guerras Waiting for the Barbarians, der letzte Wettbewerbsbeitrag mit Johnny Depp und Mark Rylance in den Hauptrollen. Lange dauert es ja nicht mehr, bis die Preise feststehen. Warten wir also ab.

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