Die Jury unter Vorsitz von Lucrecia Martel hat entschieden: Todd Phillips‘ „Joker“ gewinnt den Golden Löwen
Wer hätte das gedacht? Wer hätte gedacht, dass die diesjährige Internationale Jury unter der Leitung von Lucrecia Martel zu diesem Ergebnis gelangen würde? Dass sie den Goldenen Löwen tatsächlich an einen Superheldenfilm vergeben würde, nämlich an Joker des US-Amerikaners Todd Phillips, der zwar bei den Journalisten und Kritikern hoch im Kurs stand, dem in Wirklichkeit aber niemand einen Hauptpreis prophezeit hatte. Um so größer die Freude und die Gewissheit, dass die kompromisslose Autorenfilmerin Martel ihren Scharfsinn und ihre Eigenwilligkeit nicht nur auf der Leinwand praktiziert, sondern auch, wenn es darum geht, das aktuelle Weltkino vom Zuschauerraum aus zu bewerten.
Es war also keine selbstverständliche, aber eine überaus willkommene Entscheidung, mit der am gestrigen Abend die 76. Filmfestspiele von Venedig zu Ende gingen. Ähnlich wie vor zwei Jahren, als Guillermo del Toro für seinen exzellenten Film The Shape of Water die höchste Auszeichnung des Festivals entgegennehmen durfte. Denn US-Produktionen sind zwar gerne im Programm gesehen, weil sie den Roten Teppich mit Hollywood-Stars beleben, doch wenn es um die Preise geht, richtet sich der Blick grundsätzlich dennoch lieber aufs mehr oder weniger klassische Erzählkino, um auch in der Hinsicht Haltung zu bewahren und zu zeigen, dass weiterhin beide Seiten der Filmkunst auf der Leinwand ihre Berechtigung haben. Dass Joker in seinem Wesen ein bisschen von beidem in sich trägt, muss die Jury letztlich überzeugt haben, dem von Comics inspirierten Werk, in dem Phillips die Vorgeschichte von Batmans Widersacher erzählt, am gestrigen Abend die Ehrung zukommen zu lassen, die er verdient. Denn Phillips‘ Joker könnte nicht weiter entfernt sein von den Superhero-Spektakeln à la Avengers und Justice League, die derzeit das Kino bevölkern. Sein Held ist ein Irrer, und aus der Sicht dieses gebrochenen Clowns sieht die Superheldenwelt ganz anders aus, dreckig vor allem, korrupt, brutal und gemein. Folgerichtig orientiert sich der Film dann auch weniger an Gegenwart oder Zukunft, sondern sucht in der Vergangenheit nach Mustern, Parallelen und Beziehungen – inhaltlich wie ästhetisch. Das Kino der Siebziger und frühen Achtziger scheint darin durch, jedoch ohne es zu kopieren. Phillips‘ eigene künstlerische Handschrift ist stets präsent. Und darüber hinaus dürfte auch Joaquin Phoenix, der im Film einmal mehr grandios den psychisch labilen Bösewicht verkörpert, zur Juryentscheidung seinen Teil beigetagen haben.
Eigenwillig ging es dann auch weiter bei der Verleihung der Preise. Die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, der Große Preis der Jury, ging heuer an J’accuse von Roman Polański. Bereits die Einladung des Films hatte vorab allgemein für Unverständnis und Empörung gesorgt, im Zuge derer sich auch Martel kritisch gegenüber Festivalleiter Barbera und dem polnisch-französischen Regisseur geäußert hatte. Nur gab es an dem Werk des 86-jährigen Oscarpreisträgers, der darin die berühmte Dreyfus-Affäre rekapituliert, die in den 1890er Jahren zu einem Justizskandal in Frankreich geführt hatte, wenig auszusetzen. Polanski beweist in seinem historischen Kriminalfilm mit Thriller-Potenzial vielmehr, dass er sämtlichen Haftbefehlen und aller Kritik an seiner Person zum Trotz sein Können als Regisseur längst nicht eingebüßt hat. Nur selbst kommen und den Preis entgegennehmen, konnte er nicht – das Auslieferungsgesuch der USA wegen Vergewaltigung bleibt nach wie vor bestehen.
Es scheint, als wollten Martel und ihre Mitjuroren ein Zeichen setzen, indem sie die beiden Hauptpreise an zwei Außenseiter vergaben. Und auch bei den Schauspieler- und Regiepreisen zeigte man sich konsequent und entschlossen. Der Schwede Roy Andersson wurde diesmal für die beste Regie ausgezeichnet, nachdem er 2014 bereits den Golden Löwen für A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence entgegennehmen durfte. Sein neues sperriges Melodram About Endlessness, in dem er in kurzen Episoden ein weiteres Stimmungsbild einer traurigen Gesellschaft skizziert, kann seinem famosen Vorgänger kaum das Wasser reichen. Doch ist es Anderssons Kompromisslosigkeit als Autorenfilmer zuzuschreiben, dass die Auszeichnung dennoch gerechtfertigt scheint. Unverständlicher schien dagegen die Vergabe des Preises für das beste Drehbuch an den in Hongkong lebenden Yonfan für seinen Animationsfilm No. 7 Cherry Lane, dem nur wenige Kritiker Gutes abgewinnen konnten.
Als beste Darsteller ehrte die Jury den Italiener Luca Marinelli für seine Leistung in Pietro Marcellos ausdauernder Romanverfilmung Martin Eden und die Französin Ariane Ascaride für ihre Hauptrolle in dem allzu gewöhnlichen Sozialdrama Gloria Mundi von Robert Guédiguian. Sehr schade, denn auch hier hätte die Jury noch einmal punkten können. Starke Frauenrollen gab es selbst bei nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb genug auf der Leinwand zu sehen, etwa die junge Adoptivmutter Ema, kühn gespielt von Mariana Di Girolamo, in dem gleichnamigen Film von Pablo Larraín, oder Mila Al Zahranis politisch engagierte Ärtzin in The Perfect Candidate von der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa al-Mansour. Bei den Männern hätte man zum Beispiel Mark Rylance für seine Glanzleistung in dem Kolonialdrama Waiting for the Barbarians des Kolumbianers Ciro Guerra ehren können. Oder Adam Driver für seine beherzte Vaterrolle in Noah Baumbachs beschwingtem Scheidungsdrama Marriage Story. Aber vielleicht ging es am Ende auch ein Stück weit darum, Netflix in diesem Jahr überhaupt keine Präsenz auf dem Podium zu gestatten, nachdem Roma 2018 nicht nur Venedig, sondern anschließend auch die Oscars erobert hatte. So ging schließlich auch Steven Soderberghs Satire The Laundromat über die „Panama Papers“-Enthüllungen gänzlich leer aus, was allerdings eher den Mängeln des Films zuzuschreiben ist, als einer Verschwörung gegen den Streaming-Anbieter, der auch diesen Film finanziert hat.
Beinahe typisch italienisch, und so als wollte man die Gastgeber nicht verstimmen, erhielt die Dokumentation La mafia non è più quella di una volta des Italieners Franco Maresco den Spezialpreis der Jury. Und von den zwei einzigen Regisseurinnen im Wettbewerb gewann Shannon Murphys herzergreifendes Debüt Babyteeth zumindest den Nachwuchspreis für den besten Jungdarsteller Toby Wallace.
Was von den letzten elf Tagen und 21 Wettbewerbsfilmen bleibt, ist ein Gefühl der Erschöpfung, aber auch der Skepsis. Denn bei allem Respekt und aller Begeisterung für Joker präsentierte sich das Programm dieses 76. Jahrgangs auf der Leinwand nur halb so stark, wie es sich auf dem Papier vorab gelesen hatte. Die Mischung aus US-Kino mit Oscar-Potenzial und klassischem Autorenkino ist keine schlechte, und zumindest in der Hinsicht scheint Venedig in den letzten Jahren dazugelernt zu haben. Nur an Originalität und Überraschungsmomenten fehlte es wieder allzu sehr, so dass der Wettbewerb am Ende erneut im gesunden Mittelmaß verharrte. Barbera mag das genug sein, Journalisten und Publikum würden jedoch gerne mehr Mut und Kompromisslosigkeit nicht nur bei den Juryentscheidungen, sondern auch bei der Filmauswahl sehen.
