Radikaler Filmtrip, irgendwo zwischen Coming-of-Age-Drama und Psychothriller
Der 17-jährige Jakob (Simon Frühwirth) leidet an Angstattacken und Wahnvorstellungen. Im Alltag zieht er sich in sein inneres Schneckenhaus zurück, die aufgehängten Schweine im Schlachthaus seines empathielosen Vaters (Josef Hader) säubert er genauso emotionslos wie er abends vorm Laptop zu harten Gay-Pornos onaniert. Im Videochat lernt er den sexy Kunststudenten Kristjan (Paul Forman) kennen – und der innere Schrei nach Zärtlichkeit, Freiheit und einem Leben abseits der Monotonie wird in Jakob immer lauter. Ein Trip in das von Angst zerfressene Unterbewusstsein beginnt.
Was schon in den ersten Filmminuten klar wird: Nevrland, das Spielfilmdebüt von Gregor Schmidinger (seine Kurzfilme The Boy Next Door und Homophobia sind YouTube-Hits) möchte nicht gefallen. Vielmehr setzt Schmidinger alles daran, sein Publikum wachzurütteln, es zu schockieren, Tabus an die Oberfläche zu bringen und zum Nachdenken anzuregen (entsprechend viel Interpretationsspielraum lässt auch der Schluss zu). Das tut er streng nach dem Uni-Textbook, was manchmal gar etwas bemüht daherkommen mag, denn wirklich jede noch so kleine Einstellung in Nevrland ist doppeldeutig, hat ihre Daseinsberechtigung, will erklären, indem sie bewusst noch mehr Fragen aufwirft.
In seiner emotionalen Kälte erinnert Nevrland an Hanekes Klavierspielerin, die kühn-kühle Sexualität und die nüchtern-harte (männliche) Körperlichkeit, die Schmidinger kompromisslos dem unverzeihlichen und distanzierten sexuellem Blick aussetzt und dann doch zur Poesie werden lässt, mag manche an Kubricks Eyes Wide Shut denken lassen, der Mindfuck an Finchers Fight Club, der Mut zur Polarisierung an Markus Schleinzers Michael – und tatsächlich nennt Schmidinger diese Filme als seine Vorbilder für diesen Film.
Nevrland ist eine radikal grenzüberschreitend filmische Reise in die menschliche Seele, punktgenau oszillierend zwischen Coming-of-Age-Drama, Psychothriller, Horrorgenre und autobiografischer Abschlussarbeit eines motivierten Filmstudenten. Zwar verlässt Schmidinger auch bei seinem Langfilm seine bewährte thematische Spielwiese nicht, nämlich Körperlichkeit, Angst und das Auseinandersetzen mit dem eigenen Ich, das alles in einem queeren Kontext.
Diesmal aber tollt er mehr denn je auf ihr herum: Trotz langsamen Erzähltempo sentwickelt Nevrland einen starken Sog: radikale Bilder, harter Schnitt, gepaart mit dröhnenden Techno-Beats, kalten Farben und wenig Dialog. Kurz: Starkes Debüt eines vielversprechenden Jung-Regisseurs, das sich vom heimischen Film-Einerlei abhebt und neue (US-amerikanische) Wege beschreitet.
