Oh Carol!

| Andreas Ungerböck |

Die 73. Golden-Globes-Verleihung endete mit einer Enttäuschung für Todd Haynes’ hoch gelobtes Drama und lässt diesmal kaum Rückschlüsse für die Oscars zu.

So kann es gehen: Fünf Nominierungen hatte Todd Haynes’ Bearbeitung von Patricia Highsmiths frühem Roman „The Price of Salt“ aufzuweisen – letztlich ging der großartige Film bei der Verleihung im Beverly Hilton völlig leer aus. Die Hollywood Foreign Press Association (HFPA) entschied sich doch mehrheitlich für Alejandro González Iñárritus bildgewaltiges, inhaltlich aber eher schlichtes Naturdrama The Revenant, der einige der wichtigsten Preise (Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller) abräumte. Leonardo DiCaprio könnte das als böses Omen ansehen, denn seine bisherigen Globe-Gewinne (Aviator, Wolf of Wall Street) hatten ihm keinen nachfolgenden Oscar beschert. Ob die Chancen diesmal besser stehen? Mag sein, auch wenn der Hugh Glass in The Revenant ganz bestimmt nicht seine beste Rolle und auch nicht seine beste Darstellung ist. DiCaprio hatte bei der Verleihung  zwar nicht mit einem Bären zu kämpfen, dafür aber mit Lady Gaga, die ihren ersten Preis als TV-Seriendarstellerin (American Horror Story) entgegennehmen durfte. Auf dem Weg von ihrem Sitzplatz zur Bühne rempelte sie (eher absichtlich) DiCaprio, der sich vorher mimisch über die Lady mokiert hatte.

Der Bär stand diesmal hingegen auf der Bühne, in Gestalt von Jonah Hill, der sich zur Feier des Tages eine Bärenmütze aufgesetzt hatte und für einen der besseren Lacher des Abends sorgte, auch wenn Jane Fonda im Publikum ostentativ not amused über die bärige Darbietung des Komikers war. Ansonsten gab es die erwartbar deftigen „Scherze“ von Moderator Ricky Gervais, allerdings war eines seiner bevorzugten Opfer, Mel Gibson, diesmal vorbereitet und schlug buchstäblich unter der Gürtellinie zurück: Seine Begegnung mit Gervais erinnere ihn „alle drei Jahre“ daran, dass er wieder eine Darmspiegelung machen lassen müsse, so der Ur-Mad-Max. Der neue Mad Max, also der Film, ging übrigens auch leer aus.

Ob die Veranstaltung in dieser Form langfristig wirklich Sinn hat, steht auf einem anderen Blatt. Die HFPA kann offenbar nicht von Ricky Gervais lassen, dessen Brachial-Humor jetzt ganz einfach langsam fad wird. Einige der Stars scheinen mittlerweile wirklich (und nicht nur gespielt) von den Verbalinjurien des britischen Komikers genervt zu sein, und der Fernsehsender NBC (der auch sein Fett abbekam) sah sich genötigt, einige Passagen mittels „beep beep“ zu zensurieren, was auch irgendwie ziemlich daneben ist. Insgesamt ist das Ganze inzwischen eher unerquicklich mit anzusehen.

Auch was die angebliche Rolle der Golden Globes als Oscar-Indikator betrifft, darf man – zumindest diesmal – seine Zweifel haben. Nicht zuletzt deshalb, weil Iñárritu erst letztes Jahr für den deutlich besseren Birdman drei Auszeichnungen (plus beste Kamera) erhalten hatte. Die Unterscheidung Drama/Comedy fällt bei den Oscars auch weg, die Mitglieder der Academy dürften doch um einiges konservativer sein als die der HFPA, und so ist wohl zu erwarten, dass sie einen Film mit einem sozialen Anliegen mehr abgewinnen können als einem recht blutigen Rachedrama.