Ad Astra

Ad Astra

Über uns das All

| Pamela Jahn |
Brad Pitt reist in James Grays philosophisch überhöhtem Sci-Fi-Drama „Ad Astra“ in den Kosmos, um sich selbst zu finden.

Ruhe bewahren, das konnte schon Neil Armstrong gut. Das Elektrokardiogramm, das seinen Herzschlag in dem Moment dokumentierte, als er die Leiter zur Mondoberfläche hinabstieg, bewies, dass der routinierte Astronaut im entscheidenden Moment seines Lebens einen völlig normalen Puls hatte. Ähnlich gefasst gibt sich auch Major Roy McBride (Brad Pitt), als er bei Reparaturarbeiten an einer Weltraum-Antenne nach einer Explosion mit rasanter Geschwindigkeit in Richtung Erde stürzt. Krampfhaft versucht er die Kontrolle und sein Bewusstsein zu bewahren, doch selbst sein stählerner Körper kann sich der Schwerkraft nicht widersetzen, wirbelt durch die Luft und kapituliert schließlich vor der Übermacht der Naturgesetze. Trotzdem schafft es McBride, gerade noch rechtzeitig seinen Fallschirm zu öffnen, und genau das ist es, was auch ihn zu einem Ausnahme-Astronauten macht: Die Gefasstheit und Konzentration, die er an den Tag legt, ganz gleich, in welcher Notlage oder Extremsituation er sich befindet. Als Sohn des berühmten, verschollen geglaubten Raumfahrers Clifford McBride (Tommy Lee Jones) hat er früh gelernt, die eigene Psyche inklusive sämtlicher Emotionen im Zaum zu halten, um im Leben wie im Weltall voranzukommen. Natürlich birgt das die Gefahr in sich, im Kontakt mit seinen Mitmenschen, vor allem denen, die ihm am liebsten und nächsten sind, zu versagen. Doch auch dieses Risiko geht McBride mit einer selbst verordneten Beherrschung ein, die ihn für Sondereinsätze und Spezialmissionen aller Art prädestiniert.

Ad Astra, das aktuellste Sci-Fi-Drama, das sich der Weiten des Weltraums bedient, um aus der Erfahrung im All auf das Innerste der menschlichen Seele zu schließen, kreist um McBride wie eine Raumsonde um einen unbekannten Planeten. Der kühne, coole Astronaut redet nicht viel, seine Gedanken kommen aus dem Off, werden von Brad Pitt in gediegenem Ton rezitiert und stehen auf seltsame Weise zugleich im Einklang wie in Konkurrenz mit Max Richters schwergewichtiger Musik, die den Film mal bedächtig, dann wieder rasant vorantreibt. In Bewegung gerät die Geschichte, als McBride erfährt, dass sein Vater, der vor 20 Jahren im Zuge einer Neptun-Mission verschollen war, vielleicht noch am Leben ist, allerdings nicht zur Freude aller Beteiligten. Denn McBride senior soll der Grund dafür sein, dass aus der Ferne plötzlich seltsame Energiewellen auf die Erde einstrahlen, die die Menschheit zunehmend bedrohen. Der Plan seiner Vorgesetzten ist es demnach, den Junior via Mond zum Mars zu fliegen, um von dort aus eine Nachricht an den Vater zu senden. Doch damit ist es letztlich nicht getan, zumal der Sohn seine ganz eigene Agenda verfolgt und es darauf anlegt, seinen Vater noch einmal wiederzusehen.   

Regisseur und Ko-Autor Gray inszeniert McBrides Reise ins All als eine Reise ins Innere, in den „Mikrokosmos des ganz Persönlichen“, wie er es selbst formuliert hat, um vom Ich aufs große Ganze zu gehen. Zudem gelingt Ad Astra in der ersten Hälfte des Films vieles, was sich im Zuge der exzellenten Weltraum-Dramen der vergangenen Jahre als erfolgreiche Formel für die Wiederbelebung des intelligenten Sci-Fi-Kinos bewährt hat. Doch vielleicht liegt genau darin auch das entscheidende Problem des Films. Denn je mehr sich Gray mit seinem Ansatz thematisch und visuell an Arrival, First Man und Gravity orientiert, so unausweichlich läuft er dabei Gefahr, an Originalität einzubüßen und zu wenig eigene Bilder und Standpunkte zu entwickeln, um sich maßgeblich von diesen Vorgängern abzusetzen. Die Reise zum Neptun ist eine der Neuerungen im Programm, zumal der Flug zum Mond hier bereits per Linienflug möglich ist.

Vor allem jene Szenen, die das Action-Potenzial des Films herausstellen, sind gut gelungen. Allerdings stehen diese in unmittelbarem Kontrast zu den endlosen Monologen und rastlosen Gedankenströmen, die McBride im Kopf umherspuken und den Film damit letztlich einem melancholischen Essay näher rücken lassen als einem spektakulären Sci-Fi-Epos. Der Brückenschlag vom Universellen zum Einzelnen, also zum Menschlichen, ermüdet auf Dauer und führt schließlich dazu, dass auch der Film nicht mehr so recht weiß, wohin mit sich. Gerade dann, wenn es allzu persönlich wird, scheint Ad Astra die Eleganz und Sicherheit zu fehlen, die seine Vorgänger so beeindruckend praktizierten. Während Ryan Goslings Armstrong als bekennender Stoiker durch den Weltraum reiste, findet Pitt im tiefsten Innern seines Majors eben keine innere Ruhe, sondern muss sich immer wieder aufs Neue selbst vergewissern, wie kontrolliert er ist. Und vom gebrochenen Verhältnis zum Vater einmal ganz abgesehen, verstehen weder McBride noch der Film etwas von der Rolle der Frauen in dieser Welt, heute und morgen. Grays Stärken liegen vor allem in der Erzeugung einer unheilvollen Atmosphäre, in den Momenten und Actionszenen, die dem Zuschauer die Möglichkeit geben, von Brad Pitt mehr als nur sein ernstes, vergrübeltes Gesicht zu sehen und seine Stimme im Kopf zu hören. Und doch: Der heute 55-jährige Schauspieler trägt, atmet und belebt diesen Film, wie es sonst nicht vielen seiner Kollegen gelingen würde. Ad Astra mag als jüngster Sci-Fi-Ableger mit Oscar-Ambitionen nach den Sternen greifen, erreichen wird sie wohl nur der Star, der ihm vorsteht.