Filmkritik

Midsommar

| Pamela Jahn |
Sonnenwende der Grausamkeiten

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wer bei Midsommar auf ein weiteres Horrorszenario à la Hereditary, dem Überraschungserfolg von Regisseur Ari Aster, setzt, sollte seine Erwartungen überdenken. Denn so düster und schrecklich sich die Ereignisse zur Sonnenwende im schwedischen Hinterland auch gestalten mögen, bedienen sie in erster Linie ein anderes Genre, das nicht weniger unter die Haut und durchaus bis ins Mark geht. Midsommar, in seiner zwielichtigen und teuflisch selbstbewussten Art, ist im Herzen ein Trennungsfilm. Und wie fast jeder Bruch gestaltet sich auch das Auseinanderleben hier als eine schmerzliche Angelegenheit – Tod nicht ausgeschlossen.

Florence Pugh gibt den Ton als die von Familienproblemen geplagte Dani vor, die an ihrer kränkelnden Beziehung zu Christian (Jack Reynor) festhält, weil ihr sonst nicht viel bleibt. Als ihre bipolare Schwester Selbstmord begeht und dabei die Eltern gleich mit ins Jenseits reißt, fällt Dani in eine schwere Depression. Christian, dem von seinen Kumpels geraten wird, der Sache endlich ein Ende zu bereiten, kann es jedoch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, seine Freundin in ihrem Zustand sich selbst zu überlassen. Und so lädt er sie ein auf den Männerausflug, den sein schwedischer Freund Pelle organisiert hat, um dem Fest zur Sonnenwende in seiner heimatlichen Gemeinde beizuwohnen, einem seltenen Event, das nur alle 90 Jahre stattfindet und von lokalen Ritualen und Bräuchen bestimmt ist. Und die vermeintliche Harmonie und Ruhe im lichtdurchfluteten Hälsingland scheinen Dani zunächst tatsächlich gut zu tun, bis erste Anzeichen auf das, was folgt, sie und die anderen in einen lähmenden Schockzustand versetzen.

In Midsommar kommt das Unheil gehüllt in weiße Gewänder und mit Blumenkränzen geschmückt. Schrecklich originell ist das nicht. Doch Aster, der seine Affinität zu Robin Hardys Mystery-Horror The Wicker Man (1973) stolz auf der Brust trägt, gelingt es dennoch, den makabren Festlichkeiten um den Maibaum eigene Charakterzüge abzugewinnen. Sein Film ist von einer träumerischen Qualität durchtränkt, die eine Unterwerfung des Geistes durch den Körper bedeutet und im Verlauf der Ereignisse von einer immer größer werdenden Beklemmung getrieben wird. Das gleißende Licht, in dem Kameramann Pawel Pogorzelski noch die finstersten Ereignisse erstrahlen lässt, macht deutlich, dass Midsommar auch visuell von den Perspektiv- und Realitätswechseln lebt, die ihm eingeschrieben sind. Aber so wie Christian seine Beziehung zieht auch Aster seinen Film zu sehr in die Länge, um auf ganzer Strecke zu überzeugen. Eine zügige Trennung hätte allen Beteiligten besser angestanden.