Der Lenz ist wieder da.
Siegfried Lenz’ 1968 erschienener Roman „Deutschstunde“ ist einer der großen Verkaufserfolge der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Jahrelang belegte das Buch die vorderen Plätze der Bestsellerlisten, hatte es bei der Kritik allerdings nie ganz leicht: Als „angestrengt“, „klischeehaft“ oder das NS-Mitläufertum verharmlosend wurde es bezeichnet. Noch 2014, im Todesjahr des Autors, gab es eine Feuilletondebatte darüber, ob der NS-affine Künstler Emil Nolde (1867–1956) durch seine fiktionalisierte Darstellung im Buch verklärt bzw. entlastet worden sei. Lenz entgegnete der auf historischen Fakten beharrenden Kritik über die Jahre meist mit trockenem Humor: „Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“ Nachdem „Deutschstunde“ bereits 1971 von Peter Beauvais verfilmt worden war, startet nun die erste Adaption für das Kino.
Der Film orientiert sich dabei an der Rahmenstruktur der Vorlage: Siggi, in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche inhaftiert, soll einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben, scheitert jedoch, weil er „zu viele Bilder“ im Kopf habe. Erst im Einzelarrest schreibt er akribisch die Vorgeschichte auf: Während der Zeit der NS-Herrschaft bekommt Siggis Vater, ein im hohen Norden stationierter Polizist, den Auftrag, ein Malverbot gegen den expressionistischen Maler Max Ludwig Nansen zu überwachen. Der Polizist hält sich immer fanatischer an die Vorgabe – obwohl er mit Nansen eigentlich befreundet ist und dieser ihm einst das Leben rettete. Auch den kleinen Siggi setzt er zum Spionieren ein. Doch dieser fühlt sich bei Nansen überaus wohl, ist von der Kunst fasziniert und verstößt zunehmend gegen den väterlichen Befehl …
Regisseur Schwochow setzt auf einen bildstarken Inszenierungsstil, der Natur – Dünen, Meer, Möwenschwärme – und Lichtstimmungen ästhetisiert (und sowohl die inneren Konflikte der Figuren als auch die Inspiration für Nansens Bilder verdeutlichen soll). Darüber geraten die Figuren allerdings zu Schablonen in einer allzu gleichnishaften Handlung zum Thema Pflichterfüllung: Talentierte Schauspieler wie Ulrich Noethen und Johanna Wokalek sind zu düsteren Blicken und schwerem Atmen verurteilt. Man sieht hier keinen Menschen zu, sondern Ideen; zu selten geht der Film eigene Wege. Einzig Tobias Moretti – der mit Nansen auch die spannendste Rolle hat – gelingt eine großartige Darstellung zwischen Verzweiflung und Kunstliebe: wunderbar zurückgenommen, aber auch in Emotionsausbrüchen überzeugend.
Dass der Film mit seiner schwerfälligen Vergangenheitsbewältigung ebensolche Debatten wie das Buch auslösen wird, ist wohl eher unwahrscheinlich.
