Ang Lees neuer Film ist leider eine recht matte Sache, trotz aller technischen Finessen.
Zuerst die gute Nachricht: Ganz so schlimm, wie man nach den harschen ersten Kritiken aus den USA zu befürchten war, ist es nun doch nicht gekommen, aber zu Recht konnte man die auffällige Abwesenheit des neuen Opus des Festivalkönigs Ang Lee von den großen Herbstfestivals in Venedig und Toronto als Alarmzeichen interpretieren. Gemini Man ist, gemessen am Ruf und am Rang seines Regisseurs, der solche Perlen der Filmkunst wie Eat Drink Man Woman, Sense and Sensibilty, Ride with the Devil, Crouching Tiger, Hidden Dragon, The Ice Storm und ganz besonders Brokeback Mountain zu Buche stehen hat, eine Enttäuschung. Das liegt vor allem, aber nicht nur an der Story von Darren Lemke, die dieser als Drehbuch schon 1997 nach Hollywood verkauft hatte. Damals mag die Geschichte um einen alternden Profikiller, der sich plötzlich seinem Klon, seinem jüngeren Ich gegenübersieht, noch aufregend gewesen sein, und auch die Tatsache, dass ebendieser Killer von seiner Organisation (Gemini, was sonst?), der er jahrelang treu gedient hat, manipuliert und verarscht wird, mag noch einen gewissen Neuigkeitswert gehabt haben. Das Projekt wurde jedenfalls, mangels technischer Möglichkeiten hin- und hergeschoben, praktisch jeder namhafte Darsteller (von Eastwood bis Ford, von Pitt bis Schwarzenegger) war schon einmal damit assoziiert, realisiert wurde es nie. Nun hat sich David Benioff der Sache angenommen, der Schöpfer von Game of Thrones, der aber bekanntlich seit der „missglückten“ achten Staffel den Fans als Gottseibeiuns gilt. Und schon lasten sie ihm im Netz auch an, dass Gemini Man nicht der große Wurf ist. Armer Kerl.
Es liegt tatsächlich eine gewisse tragische Ironie darin, dass die Sache mit dem Klon heute, wo sie endlich umsetzbar ist, fast schon wieder ein alter Hut ist. Demnächst werden uns die jungen Herren De Niro, Pacino und Pesci in Scorseses The Irishman begegnen, der Samuel L. Jackson von ca. Pulp Fiction ist uns in Captain America über den Weg gelaufen, und auch in Rian Johnsons Looper wurde schon geklont. Und leider schaut der verjüngte Will Smith eben nicht aus wie der Prinz von Bel-Air, sondern eher wie eine PlayStation3-Figur, ein wenig wie aus Plastik.
Nicht ganz nachvollziehbar ist, was Ang Lee, der ein erklärter Technikfreak ist (man denke an seine bahnbrechende 3D-Arbeit in Life of Pi, 2012), an diesem mediokren Stoff gereizt hat. Ausgerechnet hier mit der allerneuesten Technik zu arbeiten, erweist sich als, ja, mit Kanonen auf Spatzen geschossen zu haben, denn das verleiht der drögen Geschichte auf der optischen Ebene keinen zusätzlichen Kick. Was visuell heute möglich ist, da haben das eine oder andere Marvel-Abenteuer oder Blade Runner 2049 schon Schlüssigeres geboten. Und die wahnwitzigen 120 Bilder pro Sekunde sorgen, etwa in einer im Prinzip recht fetzigen Sequenz mit zwei einander verfolgenden Motorrad-Will-Smiths, eher für unangenehme Seherlebnisse: Es geht einfach alles viel zu schnell, man kann kaum etwas wirklich erfassen.
Und dann, oh je, die Figuren: Will Smith müht sich wirklich redlich, aber der amtsmüde Killer, der trotz 72 Leichen im Keller eigentlich eh ein Guter gewesen wäre, wenn nicht … das ist wirklich altbacken und kaum noch ansehbar. Zu Mary Elizabeth Winstead als seinem weiblichen Sidekick ist den Autoren ganz wenig eingefallen, so bleibt noch der „alte Kumpel“ Benedict Wong in ein paar launigen Szenen und Clive Owen, der – wieder einmal – als Oberbösewicht nicht überzeugt. Von den Dialogen werden einige vielleicht Kult werden, weil sie so dämlich sind: „Warum klonen sie nicht Nelson Mandela, sondern mich?“ – „Weil Nelson Mandela (zum Zeitpunkt der Dreharbeiten lange tot, Anm.) nicht aus zwei Kilometern Entfernung einen Mann in einem fahrenden Zug erschießen kann.“ Smith hat einen „tödliche Allergie gegen Bienen“, wie wir erfahren, was ihn aber nicht daran hindert, seinen letzten Großauftrag auf einer blühenden Wiese im sommerlichen Belgien zu erledigen. Und dergleichen mehr.
Was bleibt: tolle Locations, wie üblich bei Ang Lee (Georgia, Kolumbien, Budapest), eine vertretbare Länge (man wird ja bescheiden) und die Hoffnung, dass beim nächsten Mal alles besser wird. Da nämlich wird Lee wieder mit seinem langjährigen Drehbuch- und Produktionspartner James Schamus arbeiten, der ihm nach Taking Woodstock (2009) abhanden gekommen war. Schwer vorstellbar, dass der Mann, der alle von Lees großen Filmen geschrieben und/oder produziert hat, so etwas wie Gemini Man durchgehen lassen würde. Der Titel steht schon länger fest: Thrilla in Manila, die Geschichte des legendären Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier 1975 in der philippinischen Hauptstadt. Wenn sie bloß nicht den echten Ali klonen.
