Im Hier und Jetzt

| Pamela Jahn |

Mit dem Goldenen Bären für Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Fuocoammare“ setzt die Berlinale erneut ein politisches Zeichen

Man war sich schnell einig. Kaum hatte der italienische Flüchtlingsfilm Fuocoammare (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi am gerade mal dritten Festivaltag vor der Presse bestanden, machten am Potsdamer Platz die ersten Spekulationen die Runde, dass wenn, dann dieser Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr Anspruch auf einen Bären hätte, nicht nur weil er trotz einiger filmischer Schwächen eine ganz besondere leise Wucht ausstrahle, sondern auch und vor allem, weil er wie kein anderer Film mitten ins Herz des politischen Zeitgeschehens treffe. Dass es obendrein der Hauptpreis sein würde, auch darauf hatten sich die meisten eingestellt, lange bevor die diesjährige Internationale Jury unter dem Vorsitz von Meryl Streep am Samstag Abend ihre Entscheidung bekannt gab. Die Auszeichnung bedeute eine große Verantwortung nicht nur für ihn persönlich, verkündete Rosi, der mit seiner Dokumentation Sacro Gra (Das andere Rom) 2013 bereits den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hatte, im Anschluss an die Preisverleihung gegenüber der Presse.  Ob sein Film, in dem der 54-jährige Regisseur das Schicksal der auf der italienischen Insel Lampedusa ankommenden Flüchtlinge und damit auch das Flüchtlingssterben im Mittelmeer thematisiert, allerdings tatsächlich gleich auch das Herz dieser 66. Filmfestspiele war, wie es Streep im Rahmen der Festlichkeiten formulierte, darüber lässt sich sicherlich streiten. Aber es ist zweifelsohne ein wichtiger, weil hochaktueller und alarmierender Film, der bewegt und mitunter schockiert, ohne aufdringlich zu sein, und es ist gleichzeitig ein würdiger Gewinner, mit dem die Berlinale, nachdem bereits im vergangen Jahr die illegal gedrehte Fake-Doku Taxi Teheran des iranische Regisseurs Jafar Panahi mit dem Goldenen Bären prämiert wurde, ihrer Tradition als politisches Festival auch 2016 weiterhin treu blieb.

Auch dass der philippinische Mammut-Beitrag A Lullaby to the Sorrowful Mystery von Lav Diaz am Ende nicht leer ausgehen würde, verwunderte wenig. Denn selbst wenn kaum einer der berichterstattenden Kritiker den Achtstundenfilm tatsächlich komplett durchgesessen hatte, konnte man davon ausgehen, dass ein ungewöhnlicher Wettbewerbsbeitrag wie dieser mehr verdient haben muss, als seine Weltpremiere morgens um 9.30 Uhr im Kreise verschlafener Journalisten und aufgetakelter Premierengäste zu feiern. In dem 485-minütigen Schwarzweiß–Historiendrama unternimmt Diaz eine  eindringliche, bildstarke Expedition in die bewegte Geschichte seines Heimatlandes und wurde dafür zurecht mit dem Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino ausgezeichnet.

Nach so viel Gewissheit vielleicht die größte Überraschung, war die Vergabe des zweitwichtigsten Preises an Danis Tanović für seinen Film Death in Sarajevo, einer unterhaltsamen, aber wenig originellen satirischen Parabel auf die heutige bosnische Gesellschaft. Es ist bereits der zweite Silberne Bär für Tanović, der vor drei Jahren mit An Episode in the Life of an Iron Picker im Wettbewerb der Berlinale vertreten war und damals ebenfalls mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Der Preis für die beste Regie ging an Mia Hansen-Løve für L’Avenir (Things to Come) mit der ebenso hervorragenden Isabelle Huppert in der Hauptrolle als eine angesehene Philosophie-Professorin, die nach einer Lawine häuslicher und beruflicher Katastrophen um ihre Zukunft kämpft. Auch hier war man sich wohl einig, dass die junge Filmemacherin zumindest den besseren der beiden französischen Wettbewerbsbeiträge abgeliefert hatte, während André Téchiné, der mit Being 17 ins Rennen ging, gänzlich leer ausging.

Den Silbenen Bären in der Kategorie beste Darstellerin erhielt jedoch nicht Huppert (obwohl auch sie ihn durchaus verdient hätte), sondern die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm für ihre Hauptrolle in Thomas Vinterbergs Film Kollektivet (Die Kommune), der bereits im April in den österreichischen Kinos startet. In Vinterbergs leicht autobiografisch gefärbter Geschichte um eine Kommune im Kopenhagen der wilden siebziger Jahren spielt die 43-Jährige eine mit beiden Beinen im Leben stehende Fernsehmoderatorin, die zu straucheln beginnt, als sie krampfhaft versucht, an einer offenen Beziehung mit ihrem fremdgehenden Ehemann festzuhalten, bis der schließlich auch noch darauf besteht, dass seine deutlich jüngere Studenten-Freundin ebenfalls zu ihnen in die Kommune zieht.

Als bester Darsteller wurde Majd Mastoura für das Drama Hedi von Mohamed Ben Attia geehrt, der seinerseits den Preis für den besten Erstlingsfilm entgegen nehmen durfte, während der polnische Regisseur und Drehbuchautor Tomasz Wasilewski für seinen Film United States of Love über das Schicksal von vier Frauen in der polnischen Provinz in der Zeit nach dem Mauerfall mit dem Preis für das beste Drehbuch erhielt. Darüber hinaus wurde der Kameramann Mark Lee Ping-Bing für seine Leistung im chinesischen Wettbewerbsbeitrag Crosscurrent mit einem Bären belohnt. Andere durchaus sehenswerte Beiträge wie das einfühlsame Abtreibungsdrama 24 Wochen der deutschen Regisseurin Anne Zohra Berrached sowie der Sci-Fi-Entführungsthriller Midnight Special von Jeff Nichols und Rafi Pitts‘ Migrantendrama Soy Nero gingen dagegen leer aus.

Am Vorabend zur offiziellen Preisverleihung der Berlinale war der österreichische Film Kater von Regisseur Händl Klaus mit dem Teddy Award als bester Spielfilm ausgezeichnet worden. Der Film lief wie so viele andere filmisch und darstellerisch herausragende Filme dieses Jahrgangs im Panorama, darunter auch Neues von der immer exzellenten Rebecca Miller (Maggie’s Plan) und Altmeister Wayne Wang (While the Women are Sleeping) sowie Doris Dörries einfühlsames Drama Grüße aus Fukushima, in dem eine junge Deutsche auf der Suche nach sich selbst in der Nähe des Unglücksreaktors einer älteren Japanerin beim Wiederaufbau ihres Hauses hilft. Auch das überzeugende Regiedebut des legendären US-amerikanischen Drehbuchautors und Produzenten James Schamus, Indignation, nach dem gleichnamigen lakonischen Fünfziger-Jahre-Bildungsroman von Philip Roth, wurde „nur“ im Panaroma gezeigt. Insgesamt schien die Sektion damit ungleichgewichtig stark gegenüber dem diesjährigen Wettbewerb, der im Nachhinein vielleicht qualitativ ausgeglichener, aber leider auch vergesslicher ausfiel als in den Vorjahren.