Nach ihrem großen Erfolg mit „Ich seh ich seh“ schaffte das Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala mit „The Lodge“ den Wechsel ins internationale Kino. Ein Gespräch über Gemeinsamkeiten, Eigenheiten und warum es dem österreichischen Genrefilm noch immer an Mut fehlt.
Blutsverwandt sind sie nicht, aber gemeinsam haben sie trotzdem eine ganze Menge. Vor allem die Liebe zum Horrorfilm brachte Veronika Franz und Severin Fiala zusammen, erst zu Hause vor dem Fernseher, dann schließlich auch hinter der Kamera. Nachdem sie sich in ihrem Regiedebüt Kern zunächst den rauen und weichen Seiten des exzentrischen österreichischen Schauspielers und Filmemachers Peter Kern (1949–2015) in dokumentarischer Form näherten, beschlossen sie, ins Genrekino zu wechseln. Ihr verstörender Psycho-Horrorfilm Ich seh ich seh sammelte folglich nicht nur im deutschsprachigen Raum Preise ab, sondern sorgte auch international für Aufsehen. Daraufhin wurde Hammer Films auf das Regie-Duo aufmerksam und bot ihnen das Drehbuch zu The Lodge an. Ähnlich wie in Ich seh ich seh geht es auch hier um Kindheitserfahrungen und Traumata aus der Vergangenheit, die im Hier und Jetzt fortwirken und mit den Menschen, die sie betreffen, ihr Unwesen treiben. Dennoch unterscheidet sich der Film maßgeblich von seinem Vorgänger. Angefangen beim Wechsel des Schauplatzes, setzt The Lodge inhaltlich weniger auf kluge, kühl kalkulierte Schachzüge als auf klassische Horror-Szenarien und Genre-Elemente. Dabei geht der Film nicht nur ein gewagtes Spiel mit der Geduld und Wahrnehmung der Zuschauer ein, sondern begibt sich auch dramaturgisch auf riskantes Terrain.
Wenn man sich Ihre beiden Filme anschaut, fragt man sich, ob Sie selbst eigentlich eine glückliche Kindheit hatten?
Veronika Franz: Ich glaube, das ist ganz ähnlich wie mit unseren Figuren, da ist keiner richtig gut oder richtig böse, und in dem gleichen Sinn gibt es auch keine richtig glückliche oder unglückliche Kindheit. Vieles nimmt man hin, wie es ist, von dem man im Nachhinein denkt, dass es vielleicht weniger schön war. Andere Dinge dagegen waren idyllisch und bleiben einem auch so in Erinnerung. Aber ich glaube nicht an die reine Idylle. Zum Beispiel weiß ich, dass meine Mutter mich sehr geliebt hat. Und obwohl meine Eltern geschieden waren, kann ich trotzdem nicht sagen, ich hatte eine unglückliche Kindheit. Es gibt da einfach viele Schichten und Schattierungen, wie es sie auch im späteren Leben gibt.
Severin Fiala: Und genau das versuchen wir in unseren Filmen auch abzubilden, die verschiedenen Graustufen zwischen Gut und Böse, um die es geht. Wir spitzen gewisse Dinge im Film zu, wie wir das in Ich seh ich seh schon gemacht haben. Trotzdem lässt sich schwer sagen, wo genau das jetzt herkommt. In erster Linie denke ich, es hat damit zu tun, dass uns diese Art von Filmen als Zuschauer persönlich einfach mehr liegt und gefällt. Das heißt, wir sind im Kino selbst auch immer auf der Suche nach Filmen, die uns verstören und die einen auf sich selbst zurückwerfen, weil wir finden, das ist so eine große Kraft, die das Kino hat, wenn es genau das erreicht. Uns interessieren also weniger oberflächliche Unterhaltung oder, konkret auf das Horror-Kino bezogen, irgendwelche Jump Scares, sondern es geht eher um Selbstreflexion und was man aus dem, was da auf der Leinwand passiert, über sich selbst erfahren kann. Wir wollen Fragen stellen und gestellt bekommen, die einen mit sich und dem eigenen Leben beschäftigen lassen.
Wann haben Sie Ihre persönliche Vorliebe fürs Horror-Kino entdeckt?
Severin Fiala: Ich sehr früh eigentlich. Ich wollte mich immer gern fürchten, ich weiß nicht warum. Meine Mutter hat mir Psycho gezeigt, da war ich zehn Jahre alt. Das war für mich eine einschneidende Seherfahrung, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Ich fand es unglaublich, wie Hitchcock mit dem Publikum spielt und es schafft, dass der Film, nachdem die Hauptdarstellerin stirbt, sozusagen um diese Leerstelle kreist. Und ich denke, derartige Horror-Szenarien fallen bei uns in dem Sinn auf fruchtbaren Boden, weil wir beide auch sehr verspielte oder spielerische Menschen sind, die mit Genres, mit Formen und letztendlich eben auch mit dem Publikum auf ähnliche Art und Weise umgehen. Deshalb funktioniert das Schreiben zu zweit für uns auch so gut, weil wir für einander das erste Publikum sind. Das heißt, man kann dann auch immer gleich am anderen austesten, was man gerade geschrieben hat und inwieweit man den anderen damit überraschen kann.
Veronika Franz: Bei mir war das ein bisschen anders als bei Severin, denn du hast ja mit deinen Freunden und deinem Bruder als Jugendlicher immer auch schon Filme gemacht. Ich war sehr Theater-affin, und meine Leidenschaft war eigentlich auch schon immer das Schreiben. Mein erster Horrorfilm, der mir sehr in Erinnerung geblieben ist, war The Exorcist. Ich war auch in einer Klosterschule, vielleicht hat das damals ineinandergegriffen. Und ich habe dann auch in der Schulzeit schon Drehbücher geschrieben, aber damals waren das eher noch Theaterstücke. Erst als ich dann mit Anfang zwanzig richtig das Kino für mich entdeckt habe, ist das Theater verschwunden. Und zwar so sehr verschwunden, das ich heute kaum mehr etwas damit anfangen kann, außer es ist wirklich sehr unkonventionell inszeniert wie beispielsweise von Christoph Marthaler. In dem Sinn hat mich Film dann irgendwann einfach völlig absorbiert.
Wie ist denn die Zusammenarbeit zwischen Ihnen entstanden? Sie sind ja eigentlich miteinander verwandt, nicht wahr?
Veronika Franz: Das stimmt, wir sind eigentlich Neffe und Tante, allerdings nicht blutsverwandt. Aber wir kennen uns seit über 20 Jahren.
Severin Fiala: Ich war der Babysitter von Veronikas älterem Sohn, als der noch sehr klein war, und bin in VHS-Kassetten bezahlt worden. Damals habe ich noch in Horn gelebt und Veronika in Wien, und ich bin dann oft übers Wochenende zu ihnen gefahren und hab am Samstagabend auf das Kind aufgepasst. Anstatt Geld zu bekommen, sind wir dann in Wien in die damals noch existierenden Videotheken gegangen und haben absurderweise an die fünfzehn Filme am Stück ausgeliehen, die ich dann versucht habe, innerhalb von zwei Tagen alle komplett durchzuschauen. Und Veronika ist dann meistens nach Hause gekommen und hat sich dazu gesetzt. So haben wir eigentlich schon damals herausgefunden, dass wir im Grunde dieselben Sachen gut finden. Und zwar ging das auch da schon quer durch alle Genres. Also ein typischer Abend war zum Beispiel Tetsuo, dann Cassavetes, Freitag der 13. Teil VIII und Bressons Lancelot du Lac. Allerdings hatten wir zu dem Zeitpunkt noch keinerlei Ambitionen, das in eine gemeinsame Zusammenarbeit zu überführen. Das kam erst viel später.
Veronika Franz: Dazwischen gab es auch eine Zeit, da waren wir gar nicht so sehr miteinander in Kontakt.
Severin Fiala: Irgendwann hat Veronika Peter Kern kenngelernt, der ein so schwieriger und einsamer Mensch war, mit dem auch nicht viele Kontakt haben wollten. Und ich dachte mir, vielleicht sollte man über den auch mal einen Film machen. Aber natürlich wollte da keiner ran, bis Veronika mich fragte, ob wir das nicht zusammen probieren wollen. Und weil man nie absehen kann, wie lange sich so ein Projekt hinziehen kann, haben wir gesagt, sicher, versuchen wir’s. Daraus wurden dann zwei sehr anstrengende Jahre Dreh und ein Jahr Schnitt, während derer wir, um uns abzulenken, das Drehbuch zu Ich seh ich seh geschrieben haben. Und nachdem wir bereits den Dokumentarfilm gemacht hatten, haben wir überlegt, dann können wir auch probieren, den Spielfilm zusammen zu finanzieren und gemeinsam Regie zu führen. Kurzum, wie sind im Grunde reingewachsen in diese Zusammenarbeit, ohne Masterplan oder so.
„The Lodge“ trägt ein entscheidendes Element bereits im Titel. Was macht Häuser zu so spannenden Charakteren in einem Horrorfilm?
Veronika Franz: Ich finde Häuser grundsätzlich interessant. In Ich seh ich seh wollten wir mithilfe des Hauses etwas über die Mutter erzählen, weil wir die Geschichte explizit aus der Perspektive der Kinder geschrieben hatten und man dadurch eher wenig über die Mutter erfährt. Und auch in The Lodge erzählt das Haus wieder etwas über die leibliche Mutter der Kinder, soweit das geht, weil es in unserer Vorstellung ursprünglich ihr Haus war. Wir versuchen also dem Haus immer einem Charakter zuzuordnen, um über diesen Charakter etwas zu erzählen.
Severin Fiala: Diesmal ist das Haus an sich genau aus dem Grund auch etwas unheimlicher, eben weil es das Haus einer Toten ist. Das heißt, es erzählt die Geschichte einer Abwesenden, und in dem Sinn steckt da auch eine Geistergeschichte drin.
„Ich seh ich seh“ folgte einer sehr sterilen, minimalistischen Ästhetik. „The Lodge“ wirkt von den Bildern her weicher und mystischer, rätselhafter.
Severin Fiala: Ich glaube, hier wäre die Sterilität fehl am Platz gewesen für die Richtung, in die sich der Film entwickelt und was erzählt wird. Wir haben uns schon bei Ich seh ich seh oft die Frage gestellt: Wann wird es zu kalt? Wann wird es zu tot und leblos? Deshalb haben wir diesmal einerseits versucht, die Sache in den Bildern und den Texturen etwas lebendiger zu halten. Aber andererseits ist die unterschiedliche Ästhetik auch den zwei verschiedenen, sehr großartigen Kameramännern geschuldet, mit denen wir zusammengearbeitet haben, also bei Ich seh ich seh Martin Gschlacht und diesmal Thimios Bakatakis, der auch viele Filme von Yorgos Lanthimos gemacht hat und dem die Textur des Hauses, des Filmmaterials ein großes Anliegen war. Mit anderen Worten: Die Arbeit mit den Kameramenschen, die man wählt, ist immer eine Reise, die sich in eine bestimmte Richtung hin entwickelt, und mit Thimios sind wir eben hier angekommen.
Frau Franz, Sie sind in Ihrer bisherigen Arbeit vor allem als Drehbuchautorin von Ulrich Seidls Filmen bekannt geworden. Ist Ihre Regiearbeit in gewisser Hinsicht auch ein Versuch, sich davon zu lösen, etwas Eigenes zu machen?
Veronika Franz: Ich glaube, dass ich in meinem Herzen oder in dem, wie ich Filme sehe, anders denke als Ulrich. Aber ich muss auch dazu sagen, im Gegensatz zu Severin, der eine Filmschule besucht hat, habe ich mir in den letzten zwanzig Jahren alles autodidaktisch angelernt und das mehr oder weniger an der Seite Ulrichs, was unheimlich spannend war. Und weil ich weiß, wie er die Welt sieht und wie er denkt, genauer gesagt: wie er Film denkt, kann ich eben auch für ihn und mit ihm schreiben. Andererseits ist das Drehbuch immer auch nur eine Vorlage für einen Regisseur, das heißt, es kann nie ganz das Eigene sein. Was ich übrigens auch sehr sinnvoll finde. Aber ich persönlich habe mich eben immer schon sehr für das Horror-Kino interessiert und Ulrich ist Ulrich, den gibt es kein zweites Mal. Und die Bilder, so wie er die Welt sieht, das ist er, und das war’s, das ist einfach so.
Haben Sie das Gefühl, das man in Österreich dem Horror-Kino mittlerweile mutiger und offener gegenübersteht als vielleicht noch vor zehn Jahren?
Severin Fiala: Zumal wir selbst Horrorfilme lieben, ist es natürlich sehr begrüßenswert, dass da jetzt mehr gemacht wird, dass offenbar von Förderseite her ein stärkerer Wille herrscht, solche Filme entstehen zu lassen. Wenn es allerdings um Mut geht, muss ich sagen, dass ich das bisher noch nicht unbedingt gesehen habe. In dem Sinn ist der österreichische Horrorfilm im Allgemeinen nicht mutiger als das Arthouse-Kino. Ich glaube, da könnte man sich noch mehr trauen. Ich seh ich seh war international nur so ein Erfolg, weil er relativ eigen ist und sehr europäisch, also für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich. Und wir konnten The Lodge jetzt auch nur machen, weil das so war. Deshalb glauben wir, dass es für uns beispielsweise auch ein Fehler gewesen wäre, wenn wir versucht hätten, einen möglichst glatten, amerikanischen, kommerziellen Horrorfilm zu drehen. Aber ich habe den Eindruck, dass genau das einige Leute in Österreich immer wieder versuchen, was meistens nach hinten losgeht. Daher plädieren wir nach wie vor für mehr Mut und mehr Eigenheit im heimischen Genrekino, das ist ganz klar.
